Während die anderen FCZ-Spieler gestern Nachmittag auf der Allmend Brunau leicht trainierten, trafen sich Johan Vonlanthen und sein Berater Angelo Semeraro auf der Geschäftsstelle des Klubs zu einer Aussprache mit Sportchef Fredy Bickel. Die Tatsache, dass Vonlanthen gegen Milan nicht in der Startaufstellung gestanden war und weder Trainer Challandes noch Bickel am Dienstagabend dazu klare Begründungen geliefert hatten, führte zu (Medien-)Spekulationen bis hin zu religiösen Gründen für seine Absenz.
Als Ergebnis der Diskussionen auf der FCZ-Geschäftsstelle wurde eine Medienmitteilung mit einer persönlichen Stellungnahme Vonlanthens verbreitet. Der Spieler distanzierte sich darin von Gerüchten, er sei zum jüdischen Glauben konvertiert oder einer evangelischen Freikirche beigetreten. Er sei momentan mit persönlichen Problemen beschäftigt, worunter seine Trainingsleistungen gelitten hätten. Darum war er von Challandes nicht aufgestellt worden. Einen Rücktritt schloss Vonlanthen ausdrücklich aus.
Bickel mochte nicht auf die Details des Gesprächs eingehen. Er bemerkte lediglich: «Vonlanthen hat sich schon immer viele Gedanken über seine Lebensweise und auch religiöse Inhalte gemacht.» Für ihn besteht kein Zweifel, dass der Stürmer am 4. Januar beim Trainingsstart aus den Ferien in Kolumbien zurück sein wird. Der Sportchef erklärte: «Vonlanthen ist mit Leib und Seele Fussballer. Und er will mit der Schweiz an die WM.»
Es ist der Morgen nach dem 1:1 des FCZ gegen die AC Milan, dem letzten Auftritt des Schweizer Meisters in der Champions League. FCZ-Sportchef Fredy Bickel fährt pünktlich um 9 Uhr im Landgasthof Leuen in Uitikon Waldegg vor. Müde sieht er aus, abgekämpft. Doch zur Ruhe kommen wird er auch in den nächsten Wochen und über die Festtage nicht. Weil wegen der Beanspruchung durch die Champions League viele Details für das ab dem 15. Januar stattfindende Trainingslager in Oman noch nicht geregelt sind, reist Bickel am zweiten Weihnachtstag an den Golf von Oman und wird seine kurzen Ferien im Sultanat verbringen. Er sagt: «Die Vorbereitung auf die Rückrunde ist eminent wichtig. Ich will vor Ort alles vorkehren, damit sich die Spieler im Trainingscamp wohlfühlen.»
Fredy Bickel, mit welchen Gefühlen erwachten Sie?
Der erste Gedanke gehörte dem Spiel gegen Milan. Es war ein Abbild der FCZ-Spiele in der Champions League. Man ist zufrieden, aber nicht ganz.
Also wäre mehr möglich gewesen?
Ja, sowohl gegen Milan als auch im gesamten Wettbewerb. Unsere Auftritte waren grundsätzlich nicht schlecht, aber wenn wir weniger naiv, weniger nett und eine Spur erfahrener gewesen wären, dann wäre die Bilanz günstiger ausgefallen.
Wie wichtig waren diese Spiele für die Entwicklung der Mannschaft?
Sie konnte Erfahrung sammeln. Und sie musste feststellen, dass der FCZ in Europa nach wie vor ein Kleiner ist. Dazu eine Episode: Nach der Partie am Dienstag ging der Schiedsrichter auf die Milan-Spieler zu und verabschiedete sich von ihnen per Handschlag. Beim FCZ tat er das nur mit Tihinen.
Wegen des neuen Qualifikationsmodus der Uefa erreichte nie ein Schweizer Verein die Champions League einfacher als der FCZ. (lächelt) Wir mussten zuerst einmal Schweizer Meister werden. Dann gewannen wir in Maribor und in Riga gegen Ventspils je 3:0. In der Europa League erreichte Ventspils nun bei Hertha Berlin und Sporting Lissabon je ein Remis. Geschenkt wurde uns die Qualifikation nicht.
Aber in der Schweiz erlitt der FCZ einen Einbruch. Hat er den Spagat zwischen Champions und Super League nicht geschafft? Nein, und das hat alle enttäuscht. Wir von der sportlichen Leitung waren überzeugt, dass dies nicht geschehen würde. Wir bereiteten die vier Monate mit Champions League und Meisterschaft akribisch vor. Wir waren «überorganisiert». Vor dem Spiel in Bellinzona, das auf unser 1:0 in Mailand folgte, rekognoszierten wir das Hotel, wir suchten die besten Trainingsplätze, wir luden die Partnerinnen der Spieler ein. Wir achteten auf jedes Detail und wollten alles perfekt machen. Wir verliessen uns nicht mehr auf unser Gefühl, wir improvisierten nicht mehr...
...und verloren in gleicher Besetzung wie in Mailand 2:3. Es war eine der schlimmeren Niederlagen des Herbstes. (schmunzelt) Wir wären besser nach dem Spiel in Mailand noch in der Nacht mit dem Car nach Hause gefahren und hätten uns später auf der Allmend Brunau zum Training getroffen. Für die FCZ-Spieler ist es ja schon ungewöhnlich, die Nacht vor dem Spiel im Hotel zu verbringen.
Was lernen Sie daraus?
Sollten wir uns je wieder für die Champions League qualifizieren, werden wir kurzfristig entscheiden, von Spiel zu Spiel. Einen «Masterplan» wird es nicht mehr geben.
Sind die Belastungen der Champions League der Grund für den Absturz auf Rang 7 in der Meisterschaft?
Nicht nur. Das Kader war gross genug. Aber einige kamen in der Champions League kaum zum Einsatz und waren unzufrieden. Die Stimmung verschlechterte sich in der Gruppe.
Was muss in der Rückrunde beim FCZ geschehen?
Ich sage nicht: Wir wollen Dritter werden. Aber ich will die Qualität unserer Mannschaft wieder sehen. Das Ziel ist, die laufende Saison so erfolgreich wie möglich abzuschliessen und bereits ein gutes Fundament für die folgende Spielzeit zu legen.
Sie arbeiten bereits jetzt an der Mannschaft für die Saison 2010/11?
Ja, wir streben Veränderungen an. Lampi und Stucki erhalten im Sommer keinen neuen Vertrag; wir teilten Vasquez und Tahirovic mit, sie sollen sich einen anderen Verein suchen; wir diskutieren mit Aegerter über die Vertragsverlängerung, konnten uns aber finanziell bis anhin nicht einigen. Das heisst: Wir konnten uns mit seiner Schwiegermutter noch nicht einigen. Sie ist Rechtsanwältin und führt für ihn die Verhandlungen.
Im Winter kommt Magnin aus Stuttgart zum FCZ. Gleichzeitig steigt U-17-Weltmeister Rodriguez ins Profikader auf. Beide spielen auf der Position des linken Verteidigers. Es entspricht wohl kaum der Philosophie des Klubs, auf Junge zu setzen, wenn ein 30-Jähriger einem 17-Jährigen den Platz wegnimmt?
Rodriguez kann auch in der zentralen Abwehr spielen. Ich denke, er war gut beraten, beim FCZ zu bleiben und auf das schnelle Geld im Ausland vorerst zu verzichten.
An Magnin wird er nicht vorbeikommen?
Der Vertrag mit Magnin ist noch nicht unterschrieben. Ihn möchten wir verpflichten, weil wir uns für die Abwehr einen Spieler mit Erfahrung wünschen. Wir wissen ja nicht, ob Tihinen im Sommer als Spieler weitermacht. Magnin würde uns auch im psychologischen Bereich gut tun. Er kann Feuer in eine Mannschaft bringen. Und ich bin überzeugt, dass die vielen Jungen in unserem Team von einem Spieler profitieren können, der jahrelang in der Bundesliga gespielt hat.
Mit welchen Abgängen rechnen Sie?
Abdi ist schon weg. Djuric hat in der Champions League gut gespielt, er könnte für ausländische Vereine interessant sein. Vielleicht Leoni, Rochat... Aber konkrete Angebote gibt es momentan nicht.
Jeder, der will, kann gehen?
Im Prinzip schon. Wir legen niemandem Steine in den Weg - falls der Preis stimmt.
Was muss der FCZ tun, um nächste Saison um den Titel zu spielen?
Wir müssen zu unseren bewährten Tugenden zurückfinden. Wir müssen wieder eine Mannschaft werden, die gut zusammenlebt. Wir müssen zurück zu Freude und Leidenschaft. Das ist unsere Stärke, das ist unser Fussball. (Tages-Anzeiger)
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