Der FC Zürich wird morgen Abend nicht gegen Milan spielen. Nicht gegen jene fahrige, graue, ja deprimierte Mannschaft, die sich vor drei Monaten zu Hause fast ohne ernsthaften Widerstand mit 0:1 besiegen liess. Zürich empfängt jetzt ein anderes Team, denn Milan ist nicht wiederzuerkennen. Eine Mannschaft, die Champagner-Fussball spielt, so prickelnd, dass sie überschäumt. Die mit ihrer ausgelassenen Spielfreude die Serie Aüberrollt, zuletzt mit einem 3:0 am Samstag die Sampdoria aus Genua, drei Tore (Borriello, Seedorf, Pato) in 23 Minuten. Milan ist jetzt Zweiter in der Liga, der schärfste Konkurrent des Titelverteidigers Inter. Aber im Gegensatz zum Lokalrivalen hat Milan seine Identitätskrise hinter sich. Das neue Selbstbewusstsein spiegelt sich im mitreissenden Spiel, es ist brasilianisch wie Dida, Ronaldinhound Pato. Vor allem aber wie der Trainer Leonardo.
Skepsis gegenüber Leonardo
Als der 40-Jährige im Sommer Nachfolger des heutigen Chelsea-Trainers Carlo Ancelotti wurde, war niemand bereit, einen Cent auf Leonardo zu wetten. Die Kommentare über ihn lauteten: smart aber unerfahren, telegen, ein verlängerter Arm des Präsidenten Berlusconi, eine Marionette seines Dauervizes Adriano Galliani. Und als Milan zum Saisonauftakt erst einmal tief in den Keller fuhr, hiess es über Leonardo, er werde in Mailand wohl kaum den traditionellen Weihnachtskuchen Panettone essen. Anders ausgedrückt: Abgang noch vor der Winterpause.
Doch Leonardo hat die Kritiker eines Besseren belehrt. Innert kürzester Zeit ist es ihm gelungen, aus einem verunsicherten Team eine Mannschaft zu formen, wie sie Mailand schon länger nicht mehr gesehen hat. Fröhlichen Offensivfussball kombiniert die Equipe mit einer erfahrenen Abwehr, die viel belächelten «Senatoren» im Fussball-Pensioniertenalter werden von dem strahlenden Jungtalent Pato mitgerissen.
Fünf Liga-Siege hintereinander geben Milan ungeheueren Auftrieb auf dem Titelkurs - auch wenn der Parcours in der Champions Leagueweniger erfolgreich verlief. Da wiegen die Niederlage gegen Zürich und das Remis zu Hause gegen Marseille schwer, denn nun brauchen die Mailänder einen Sieg, um sich zu qualifizieren. Doch niemand zweifelt an diesem Ergebnis.
Die Auferstehung Ronaldinhos
Leonardo schaffte, woran selbst Ancelotti gescheitert war: Er hat Ronaldinho aus der Versenkung geholt, in die sich der Brasilianer in Mailand endgültig begeben zu haben schien. Berlusconi hatte Ronaldinho vor einiger Zeit inmitten der Mannschaft auf ein Podest gestellt und ihm einen Bestleistungs-Schwur abverlangt - das Resultat dieser Hauruck-Psychologie war gleich null. Leonardo bearbeitete Ronaldinho mit Engelsgeduld: «Einer der besten Fussballer der Welt kann nicht vergessen haben, wie es geht.» Er machte Ronaldinho Platz, indem er Pato auf die rechte Seite zog: Jetzt ergänzen sich die beiden Brasilianer, angefeuert von dem temperamentvollen Holländer Seedorf, nahezu perfekt.
Anders als sein Trainerkollege Ciro Ferrara von Juventus will sich Leonardo nicht stur auf ein Taktiksystem festlegen. Flexibilität ist sein Erfolgsgeheimnis, unterstützt von einer gehörigen Portion Vertrauen in die Fähigkeiten seiner Spieler. Attacken wie die des Mittelfeld-Raubeins Gennaro Gattuso, der auf einem Stammplatz beharrt, werden kommentarlos hingenommen. Im Januar wird David Beckham nach Mailand zurückkehren, auch für ihn dürfte Leonardo einen Platz finden, auch wenn das angesichts der Überfülle nicht einfach wird. Zu viele Spieler für eine funktionierende Mannschaft zu haben, ist ein Luxusproblem für einen Trainer, der sein Team nach dem Abschied von Paolo Maldini und Kaká aufbauen musste. Maldini könnte sich inzwischen schon eine Rückkehr als Manager vorstellen - und was Kaká angeht, verzeichnet man in Mailand nicht ohne Genugtuung, dass der teuer verkaufte Brasilianer so etwas wie Heimweh verspürt.
Der Neid aus Turin
«Bei Real Madrid haben wir noch nicht ins Spiel gefunden», gestand Kaká am Wochenende im italienischen Fernsehen. «Wir schaffen es nicht, Spass zu haben, und das tut uns ziemlich leid.» Er wäre nicht der Erste, der nach Mailand zurück will - Andrei Schewtschenko sass lieber als Rückkehrer in Mailand auf der Bank als besser bezahlt in London. «Das Land des Lächelns liegt in Mailand», schrieb etwas neidisch die Turiner «Stampa.» Aber der Weg führt über Zürich, das ist klar.
(Tages-Anzeiger)