«Wird der Sport zu wichtig, bricht sein Rückgrat»
Von Christian Brüngger. Aktualisiert am 26.11.2009
Dossiers
Wettskandal
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Zur Person
Gunter Gebauer (65) ist Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin und führender Theoretiker deutscher Zunge zu Sport und Spiel.
Gunter Gebauer, waren Sie überrascht, als Sie vom neusten Wettskandal hörten?
Auf den ersten Blick. Aber beim Nachdenken darüber fand ich, es sei eine logische Fortsetzung der bisherigen Entwicklung.
Weil der Fussball immer wieder von Wettskandalen betroffen war?
Nein. Weil sich solche Affären nicht durch eine Verurteilung aus der Welt schaffen lassen. Wenn eine kleine Gruppe auffliegt, heisst das doch nur, dass eine Methode gefunden wurde, um auf breitester Front zu manipulieren. Wenn diese Manipulation einmal eingesetzt hat, führen sie andere oft weiter.
Was bedeutet der Wettskandal für den Fan?
Er muss begreifen, dass sein Lieblingssport ein Terrain für Kriminalität ist. Das ist der Fussball aufgrund seiner Internationalisierung und Globalisierung geworden.
Da dadurch viel Geld zu verdienen ist?
Ja, und weil global werden heisst: Spieler aus aller Welt kommen in ganz viele Ligen. Und sie kommen nicht nur in die Topligen, wie der Skandal zeigt, sondern auf alle Ebenen des Fussballs. Diese Spieler sind besonders verletzlich. Eine zweite Globalisierungswelle betrifft diejenige der Wette. Sogar auf einen unbedeutenden Match in Europa kann in China mittlerweile Geld gesetzt werden.
Das Internet ist der Brandbeschleuniger des Wettproblems?
Genau, weil sich damit die Wettmöglichkeiten massiv verbreiten. Aber nochmals zur Globalisierung und Fussballern, die man zu Recht als Legionäre bezeichnet. Wenn solche Spieler keine Bindung haben, fühlen sie sich einem Verein oder den Zuschauern auch nicht verpflichtet. Sie werden käuflich. Eine zusätzliche Bindung ist ebenso wichtig: diejenige an das Ethos des Spiels. Auch wenn man nicht schwer moralisieren sollte, müssen doch gewisse Grundregeln eingehalten werden. Beispielsweise, dass man einen Match gewinnen will. Fällt diese Motivation weg, ist die Sache total faul. Das ist in diesem Wettskandal passiert...
...und verunsichert Mitspieler, Funktionäre und Zuschauer...
...weil sie nicht mehr sicher sein können, ob ein Spieler oder mehrere Spieler einer Mannschaft den Fussball auch ernst nehmen. Fussball hat einerseits spielerischen Charakter, aber auch eine ganz ernste Komponente, weil man gewinnen will. Will einer gar verlieren, kommt dem Fussball diese Grundsicherheit abhanden.
Trotz der Probleme wird der Fussball, der Sport im Allgemeinen, oft noch immer als hehrer Gegenentwurf zur angeblich korrupten Welt wahrgenommen. Weshalb?
Zum Fussball: Der Körper des Spielers wird ganz primitiv gemacht, weil die Hand verboten wird. Er wird also auf die elementarste Form des Spielens zurückgeführt. In dieser Primitivität wird etwas vorgeführt, was im Unbewussten der Zuschauer eine Fantasie hervorruft: Dass es sich hier um eine ganz elementare und nicht verfälschbare Angelegenheit handelt. Wenn sich da die Lüge einschleicht, ist das vernichtend für den Fussball.
Betrügen war schon immer Teil des Sports. Lassen sich Fans folglich gerne belügen?
Nein, das raubt ihnen die letzte Illusion. Weil sie die Ehrlichkeitserwartung haben, ist das so schrecklich, wenn sie betrogen werden. Es ist eher so, dass man damit rechnet, überall sonst betrogen zu werden, aber nicht in der Lieblingssportart. Sie soll ja eine bessere Welt darstellen.
Wird sich ein Fan je von seinem Sport abwenden?
Auf jeden Fall. Wenn seine Mannschaft aus notorischen Lügnern besteht, endet die Freundschaft.
Wie erklären Sie, dass bei einer Tour de France noch immer Tausende am Strassenrand stehen, obschon der Dopingverdacht ständig mitfährt?
Grosse Radsportereignisse sind in Frankreich, aber auch Spanien oder Italien in nationale oder städtische Feste eingebettet. Bei diesen Festen wird Wahrheit und Lüge nicht so getrennt, wie es anderswo der Fall ist. In Nordeuropa unter dem Einfluss des Protestantismus akzeptiert man solche Festformen normalerweise nicht.
Findet die Erschütterung durch den Wettskandal in der Dopingproblematik eine Entsprechung?
Doping ist natürlich auch Betrug, aber der einzelne Sportler vollzieht ihn. Das Publikum ist daran nur insofern beteiligt, als es dem Sportler zujubelt. Bei Dopingmanipulationen entstehen für andere als den Sportler und seine unmittelbare Umgebung zudem keine materiellen Gewinne. Beim Dopen geht es auch primär darum, die Leistung zu steigern. In gewisser Hinsicht wird die Logik des Sports, immer neue Rekorde zu erzielen, auf die Spitze getrieben. Bei Wettskandalen wiederum profitieren die Sportler meist nur mit relativ geringen Summen. Die Nutzniesser sind vor allem Wettbanden.
Ist der Sport grundsätzlich in der Krise, wenn man noch das Hooliganismus-Problem dazunimmt?
Er ist im Gegenteil auf dem Höhepunkt seines Erfolgs - ökonomisch und was die weltweite Aufmerksamkeit betrifft. Gleichzeitig ist dieser Erfolg, ungeheuer viel verdienen und entsprechende Aufmerksamkeit erlangen zu können, der Grund dafür, dass so viele kriminelle Aktivität andockt. Bei Hooligans ist das ähnlich: Wenn niemand die Spiele anschaut, sie nicht vom Fernsehen übertragen werden, würde der Hooliganismus zurückgehen.
Ist die Bedeutung des Sports zu gross geworden?
Ja. Wenn der Sport zu wichtig wird, zu viele Leute daran beteiligt sind, die sich gar nicht für ihn interessieren, und man zu viel Geld dabei verdienen kann, bricht sein Rückgrat.
Der Sport ist darauf ausgelegt, sich ständig zu verbessern...
...das ist sein Geburtsfehler. Der Sport basiert auf einem Komparativ und kann so keinen Sättigungspunkt erreichen. Nehmen Sie die Rekorde: Jeder einmal aufgestellte Rekord ruft danach, wieder gebrochen zu werden. Die Befriedigung stellt sich also erst dann ein, wenn er verbessert wurde - um gleich wieder unbefriedigt zu werden.
Wer bricht diesen Teufelskreis?
Nicht der Sport selbst. Dadurch, dass wir den Fehler erkennen, müssen wir ihn nicht zwingend lösen können. Das ist wie bei der Energiekrise. Wir stellen sie zwar fest, wissen aber nicht, wie wir den zukünftigen Bedarf an Energie decken sollen.
Oft argumentiert der Sport, die vorhandenen Probleme seien bloss Abbild einer veränderten Gesellschaft, er könne sie darum nicht alleine lösen. Ein Schutzargument?
Die Aussage stimmt zum kleinen Teil, bleibt aber ein Schutzargument. Denn der Sport wollte immer die bessere Welt reflektieren.
Will er das wirklich?
Zumindest stellt der Sport eine Struktur zur Verfügung, mittels der ganz viele Menschen ihre Wünsche, ihre Begehren erfüllen können. Und solange man sich mit bestimmten Zielen begnügt, kann der Sport diese Anforderungen auch erfüllen und glücklich machen. Nur sind Menschen mit dem, was sie erreichen können, oft nicht mehr zufrieden. Dadurch wird ein ständiger Anreiz geschaffen, noch weiter zu kommen. Beim Geldverdienen ist das ähnlich. Wer 10 Millionen pro Jahr verdient, will plötzlich 100 Millionen.
Die Gier im Sport sehen Sie als Parallele zur Bankenkrise?
Ja. Auch dort hat sich das System eines unermesslichen Wunsches nach Grösse etabliert. Noch vor 30 Jahren begriff unsere Gesellschaft, dass Wünsche nicht ins Unermessliche wachsen sollten, sondern dass man Grenzen annimmt, eine Zielvorstellung formuliert und bei diesem Ziel auch zur Ruhe kommt. Jetzt herrscht, auch im Sport, eine totale Ruhelosigkeit. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.11.2009, 12:05 Uhr
Sport
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

