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Wenn Männer bei den Frauen gewinnen

Von Florian A, Lehmann. Aktualisiert am 20.08.2009

In der Vergangenheit gab es im Sport wiederholt Fälle, bei denen Tests bewiesen, dass Männer unwissentlich als Frauen an den Start gingen.

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Caster Semenya hat die Diskussion wieder ins Rollen gebracht. Wurde ein Mann Weltmeisterin über 800 m bei den Frauen? Eingehende Tests über ihr Geschlecht sollen nun Aufschluss bringen. Es ist durchaus möglich, dass die Südafrikanerin unwissentlich eine männliche Chromosomen-Kombination hat.
Bild: Keystone

   

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XY - die Sache mit den Chromosomen

Normalerweise weisen Frauen zwei X-Chromosomen (XX) in ihren Zellen auf, Männer ein X- und ein Y-Chromosom (XY). Manche mit einem Y-Chromosom geborenen Menschen entwickeln alle körperlich charakteristischen Merkmale einer Frau – ausgenommen der inneren Sexual-Organe. Sie leiden unter dem Androgen Insuffizienz Syndrom (AIS).

Diese Frauen haben XY-Chromosome, sind allerdings kein Mann, weil ihre Körper nicht auf das produzierte Testosteron reagieren. Deshalb dürften sie auch bei den Frauen starten. Sieben der acht Frauen, die 1996 bei Olympia in Atlanta positiv auf Y-Chromosomen getestet wurden, hatten AIS und durften teilnehmen.

Die Geschehnisse mit der Südafrikanerin Caster Semenya, die über 800 m in Berlin quasi aus dem Nichts den WM-Titel holte, nun aber wegen ihres männlichen Aussehens Geschlechtertests unterziehen muss, ist nicht der einzige Fall in der Geschichte der Leichtathletik oder des Sports.

So gewann die als Polin geborene Stanislawa Walasiewicz, die später Amerikanerin wurde und sich nach der Vermählung mit einem Boxer Stella Walsh Olson nannte, 1932 in Los Angeles Olympiagold und vier Jahre später in Berlin Silber über 100 m. Als sie am 4. Dezember 1980 als Passantin bei einem Raubüberfall in Cleveland erschossen wurde, stellte man bei der Obduktion fest, dass Walsh intersexuell gewesen war. Sie hatte zwar primär weibliche Genitalien, wies aber auch Hoden auf. Später wurde gar festgestellt, dass ihre Geburtsurkunde auf den Namen Stefan Walasiewicz ausgestellt worden war. Besonders pikant an dieser Geschichte ist, dass ihre schärfste Rivalin in den 30er-Jahren, Helen Stephens, sie verdächtig hatte, insgeheim ein Mann gewesen zu sein.

Selbstmordversuch einer Inderin

Bei den Asienspielen 2006 in Doha (Katar) musste Santhi Soundarajan ihre Silbermedaille über 800 m wieder abgeben. Der Grund: Ein Geschlechtstest ergab, dass die Inderin von der Chromosomen-Konstellation her männlich ist. Die Nation zu Hause war entrüstet, und die Athletin selbst stürzte in tiefe Depressionen. In ihrer Verzweiflung wollte sich Soundarajan das Leben nehmen. Schliesslich kam es nicht so weit: Die Sportlerin fand zur Lebensfreude zurück und ist heute eine erfolgreiche Trainerin.

Die Auszeit von Gronert

Dass sich gerade die Sport-Welt mit dem Phänomen der Intersexualität schwer tut, zeigt auch das Beispiel der Tennisspielerin Sarah Gronert. Die Deutsche kam am 6. Juli 1986 als Hermaphrodit auf die Welt, also als Mensch, der beide Geschlechtsteile aufweist. Gronert entschloss sich mit 19 Jahren, für immer als Frau leben zu wollen und untermauerte dies mit offiziellen Dokumenten und einem gynäkologischen Gutachten. Lästereien in der Tennisszene aber nahmen proportional zu ihrem Erfolg auf dem Court zu. Bei einem WTA-Turnier in Holland gratulierten ihr beispielsweise Gegnerinnen hämisch zu ihren ersten Punkten in der Rangliste der ATP – der Tour der Männer. Die Bemerkungen und abwertenden Kommentare setzten der jungen Frau aus Westfalen schwer zu. Sie entschloss sich, sich vorübergehend vom Turnieralltag zurückzuziehen. Im Ranking der professionellen Spielerinnen belegt sie momentan Rang 333. Experten sind der Meinung, dass sie aufgrund ihrer Fähigkeiten besser klassiert sein müsste.

Der westfälische Tennisverband hat sich nach den vielen Anfeindungen für die heute 23-jährige Spielerin eingesetzt. «Wir müssen Sarah schützen und stehen voll hinter ihr», erklärte eine Verbandssprecherin.

Die Angelegenheit «Dora Ratjen»

Wiederum ein anderer Aspekt zeigt der Fall mit Dora Ratjen auf. Der eigentlich 1918 als Horst geborene Bremer nahm 1936 an den Spielen von Berlin im Hochsprung der Damen teil und klassierte sich mit der gültigen Höhe von 1,58 m als Vierte(r). Zwei Jahre später holte sich Ratjen anlässlich der EM in Wien mit der Weltrekordhöhe von 1,70 m den Titel. Auf der Rückreise stellte ein Arzt fest, dass die erfolgreiche Athletin männliche Genitalien hatte, die während des Wettkampfs nach oben gebunden wurden. Die Folge: Der Rekord wurde aberkannt, das Reichsfachamt Leichtathletik entzog Ratjen das Startrecht bei internationalen Wettbewerben mit der Begründung: «Verstoss gegen das Amateurstatut.»

Nach dem Krieg arbeitete Horst Ratjen als Barman in Hamburg. Später gab er an, dass er nur drei Jahre lang als Frau gelebt habe und dass er damals vom Bund Deutscher Mädel zu dieser Travestie gezwungen worden sei, um die Medaillenchancen für Deutschland an den Spielen in Berlin zu verbessern. Ratjen starb am 22. April 2008.

«Für mich ist sie keine Frau»

Was Semenya betrifft, so sollen die Testergebnisse über ihr Geschlecht in einer Woche vorliegen. «Sie ist eine Frau. Sonst hätten wir sie nicht in einen Wettbewerb für Frauen geschickt», erklärte Molatelo Malehopo, Generalsekretär der südafrikanischen Ahtleten in Berlin. Derweil äusserten sich geschlagene Athletinnen über das Geschlecht der neuen Weltmeisterin differenzierter. Die sechsklassierte Elisa Piccione aus Italien: «Für mich ist sie keine Frau.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.08.2009, 17:27 Uhr

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