Sport

«Uno a zero per lo Zurigo»

Von Fredy Wettstein. Aktualisiert am 25.10.2009

Sind Sie am Mittwochabend im Letzigrund eingenickt? Oder zu Hause vor dem Fernseher?

Nicht ermüdet vom Zusehen. Vom Nichts-Sehen. Vom langen Warten, bis etwas passiert. Vom unendlich langen Warten und Warten. Es ertönte die Sternenhymne, gleichzeitig in vielen Stadien Europas, pathetisch klingt es, seit 1992 immer der gleiche Song von den Besten, den Grössten, den Champions. Sie waren gespannt, erwartungsfroh, der FCZ dabei und so viele schauen zu, überall auf der Welt. Die Zürcher mittendrin, bei den Besten, den Grössten, den Champions – und dann? Nichts. Einfach nichts. Bernard Challandes, der Zürcher Trainer, sagte es am anderen Tag, doch mitgegeben hatte er es seinen Spielern wohl vorher: «Risiken eingehen, zu Dribblings ansetzen, ein bisschen verrückt sein, wie der FCZ sein.» Sie wollten es, irgendwo im Kopf muss es drin gewesen sein, doch die Füsse streikten, waren gehemmt, verklemmt, gefesselt, und jene der Marseiller auch, 44 lahme, unfähige, inspirationslose Füsse, die irgendwo auf dem Rasen des Letzigrunds herumtrabten und nicht wussten, was sie mit dem Sternenball anstellen sollten.

Es war zum Einschlafen.

Aber es gibt eine Versöhnung. Mit dem Fussball. Mit der Champions League. Mit dem FC Zürich. Gehen Sie auf www.Youtube.com und geben Sie ein: Tiziano Crudeli, Zurigo, disastro Milan. Sie werden einen älteren Herr sehen mit grauen Haaren und Schnauz, dunklem Anzug und roter Krawatte, der vor zwei Monitoren sitzt, hinter ihm das Klublogo von Milan und dem FCZ. Ein Mann, der schreit und schreit. Und poltert und poltert. Der bald «gol dello Zurigo!» bejammert, die Hände am Kopf, den Mund weit aufgerissen, «No! No! No!, No! No!» (fünfmal), «Uno a zero per lo Zurigo», unfassbar. Der dann fiebert. Und beschwört. «Andiamo! Kommt! Wacht auf! Forza Ragazzi!» Der brüllt. Und weint. Wütend ist. Fast die Monitoren zertrümmert. Der bebt und aufsteht. Um dessen Leben einem bange sein muss. Der verzweifelt. «Palo di Zambrotta!», er wiederholt es mehrmals, der Pfostenschuss von Zambrotta, er kann es nicht fassen, die zuvor wild rudernden Hände verdecken sein Gesicht, die Brille hat er weggeworfen, und er verzweifelt mit all den Göttern des Balles. Es ist ein grandioses Schauspiel. Und echt. Der Mann mit dem rot-schwarzen Herzen heisst Tiziano Crudeli, geboren in der norditalienischen Stadt Forli, 66-jährig, seit jungen Jahren ein leidenschaftlicher Tifoso von Milan. Er arbeitet inzwischen für die lokale TV-Station «Italia 7 Gold», tritt mit einer eigenen Show auf, er ist Kult.

Champions League als Ereignis. Mit dem FCZ. Damals im San Siro. Der Mittwoch sei vergeben. Der FCZ war nicht verrückt. Aber dieser Crudeli ist es. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 25.10.2009, 20:14 Uhr

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Stand: 26.05.2012 17:02
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