Eine Sandwichlösung, Rollsplitt und Bananenschnaps

Mit mehr als 24'000 Angemeldeten feiert der 40. Zürcher Silvesterlauf morgen einen Rekord und sein Jubiläum. 40 Episoden und Fakten zur 40. Austragung.

Präsidialer Startschuss: Sigi Widmer schickt 1977 als Stadtpräsident die Läufer auf die Strecke. Foto: Keystone

Präsidialer Startschuss: Sigi Widmer schickt 1977 als Stadtpräsident die Läufer auf die Strecke. Foto: Keystone

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1 In den letzten 39 Jahren haben sich insgesamt 446'378 Läuferinnen und Läufer für den Silvesterlauf angemeldet. Gelaufen sind damit mehr, als Zürich Einwohner hat. An der Jubiläumsaustragung wollen morgen 24'229 starten.


2 Ein Silvesterlauf Mitte Dezember? Das Original findet tatsächlich an Silvester in São Paulo statt. Die «Corrida Internacional de São Silvestre» ist der älteste Strassenlauf und diente dem «Blick», der den Event 1977 gründete, als Vorbild.


3 Nomen est omen: Der Rennweg mit seinem Lichterzauber bildet das Herzstück der grossen, 2,3 km langen Runde.


Mehr Spaziergang als Lauf: Ein Gedränge schon bei der Premiere (1977). Foto: Keystone

4 Erster Sieger war 1977 ein hoffnungsvoller 22-jähriger Läufer aus dem ­Zürcher Oberland, der sich ein Jahr zuvor bereits für die Olympischen Spiele in Montreal qualifiziert hatte: Markus Ryffel. Er war an eben diesem Silvesterlauf in São Paulo 1976 Vierter geworden und damit bester Europäer. Diese heraus­ragende Leistung hatte ihm die Bekanntschaft mit dem Gründer des New-York-Marathon, Fred Lebow, eingebracht – und einen Startplatz bei der zweiten Austragung des Marathons durch alle fünf Stadtbezirke. Das war ein paar ­Wochen vor der Silvesterlauf-Premiere in Zürich und 7 Jahre vor seinem Karrierehöhepunkt, dem Gewinn von Olympiasilber über 5000 m in Los Angeles. Morgen wird Ryffel zum fünften Mal ­antreten, längst geht es nicht mehr um Zeiten, sondern um den Genuss.


5 Er war nie der Erste im Ziel, aber viele Jahre die Zuschauerattraktion: Tarzan, auch bei grösster Kälte nur im Lendenschurz unterwegs.


6 Wer 1977 auf die Welt kam und sich für den Traditionslauf angemeldet hat, darf zusätzlich am Jubiläumsrennen über 1,5 Kilometer teilnehmen. 453 sind dabei, die mit dem Lauf geboren wurden.


7 Auch wenn morgen Festtag ist und sich ein wenig Nostalgie über den Lauf legt: Der Chnoblibrotstand der Skiriege des TV Unterstrass bleibt dort, wo er ist: verschwunden. Jeweils am Ende des Rennwegs platziert, wurde er wegen seiner Emissionen – wehe dem, der viermal daran vorbei musste – zum Albtraum. Oder zumindest entwickelte sich da und dort eine Hassliebe zu ihm. Es ist gut, wie es nun ist, ohne ihn. Die Raclettestube auf dem Münsterhof genügt vollkommen.


8 50 Rappen pro Teilnehmer überwies das organisierende Boulevardblatt in den Anfängen dem helfenden TV Unterstrass – 2000 bis 3000 Franken also. Man würde heute sagen: ein Butterbrot.


9 Dass die Veranstaltung immer zwei Sonntage vor Weihnachten stattfindet, ist das Resultat immer wiederkehrender Verhandlungen mit der City-Vereinigung vor allem in den 1990er-Jahren. Diese wollte an drei Sonntagen einen Weihnachtsverkauf, dagegen wehrte sich aber die SP-Frau und damalige Polizeivorsteherin Esther Maurer. Solches sollte dem Verkaufspersonal nicht zugemutet werden. So kam es zur «Sandwichlösung»: Zwischen zwei Shopping-Sonntagen gehört die Stadt den Läufern.


10 Von den Kleinstkindern bis zu den Ältesten, von den Elite- bis zu den Funläuferinnen und -läufern sind mittlerweile 31 Kategorien unterwegs.


11 Im Grossen und Ganzen ist auch ­Petrus ein Läufer: Zwar waren 1985 bei Cornelia Bürkis Sieg die Strassen schneebedeckt und am Vorabend des Laufs von 2003 die Stadt unter Glatteis. Doch nach einer schlaflosen Nacht, in der einiges an Salz und Rollsplitt zum Einsatz kam, konnte auch dieses Rennen stattfinden.


12 Zürich scheint zu klein, um ein schön rundes 10-km-Rennen bieten zu können. Die lange Distanz ist dafür 300 m zu kurz.


Der erste Sieger: Markus Ryffel.

13 Mit Bürki (1978, 85), Anita Weyermann (1996, 98) und Sabine ­Fischer (2007, 08) siegten drei Schweizerinnen je zweimal. Mit Derartu Tulu (ETH) gewann 1992 und 2002 eine zweifache Olympiasiegerin und mit Tegla ­Loroupe (KEN, 1993, 94, 95, 99) eine Marathon-Weltrekordhalterin. Die Frauen motiviert und den Grundstein für den heutigen Laufboom gelegt hat aber die Siegerin von 1981, Grete Waitz. Die ­Norwegerin lief praktisch alle Distanzen, hielt auf mehreren den Weltrekord und gewann den New York Marathon unerreichte 9-mal. Sie gründete 1984 in Oslo den ­ersten Frauenlauf, Berlin, Wien und Bern folgten der Pionierin.


14 OK-Chef Bruno Lafranchi sagt: «Der Volkslauf ist zum laufenden Volksfest ­geworden.»


15 Nicht nur der Event feiert, es gibt auch fünf Jubilare: Walter Fehr (63), Hans­peter Foschio (59), Guido Zwimpfer (67), Max Jung (75) und Hans Röthlin (66) sind die Konstanten über vier Jahrzehnte – sie haben keine Austragung verpasst und sind auch morgen am Start.


16 Das Budget beträgt aktuell 1,1 Millionen Franken, ein ansehnlicher sechsstelliger Betrag geht an die Firma Datasport, die für die Zeitmessung verantwortlich zeichnet, die das «A und O» einer solchen Veranstaltung ist, wie ­La­franchi sagt.

Infografik: Die Laufstrecken mit Start am Hechtplatz Grafik vergrössern

17 Als ein Sponsorenvertreter 1996 über den Lautsprecher hörte, dass Jakob ­Mosimann der Sieger bei der Elite sei, wusste er nicht, ob er nun Ohren oder Augen trauen sollte. Denn aufs Podest stieg ein Dunkelhäutiger. Sieger Jakob Mosimann? Nein, falsch gehört: Jacob Losian, Kenia.


18 Mit 20'744 Klassierten liegt der ­Silvesterlauf auf Rang 4 der grössten Schweizer Läufe (hinter Escalade, GP Bern und den 20 km von Lausanne).


19 Damit alles wie geschmiert läuft, sind bereits seit gestern und bis und mit Sonntag 300 Helferinnen und Helfer des TV Unterstrass gestaffelt im Einsatz. Der TVU hat die Organisation 1991 ganz vom «Blick» übernommen. Der Leichtathletik-Club Zürich hat «Weltklasse», der TVU den Silvesterlauf.


20 Ein Speaker-Briefing dient in erster Linie dem Namen-aussprechen-Lernen. Gerne verleitet es aber auch zum Kalauern. Und so wurde aus der Äthiopierin Tsige Worku 2004 schnell und als Gedankenstütze die «Arbeitsziege».


1981: Grete Waitz und Cornelia Bürki. Foto: Keystone

21 1997 kündete sich der grosse Coup an: Mit Franziska Rochat-Moser konnte die aktuelle New-York-Siegerin verpflichtet werden. Und mit ihr die Zweite und Dritte – zur Minirevanche in Zürich. Nur: Die Schweizerin wurde krank, und eine des andern Duos verzichtete. Träume sind schnell einmal Schäume.


22 Mit 105 Nationen ist die halbe Welt am Start – dank sehr vieler Expats und Läufern beispielsweise aus Panama, Uruguay und Nepal.


23 Das Nadelöhr bei der Bahnhof­brücke scheint ein wenig geweitet – dank dem Entgegenkommen der VBZ. Bis anhin setzte sie auf den dort verkehrenden Buslinien die langen Gelenkbusse ein, damit in den Garagen genügend Abstellplatz für die einfachen ist. Nun kommen am Central die kleineren Gefährte zum Einsatz, die in der Kurve weniger aus­holen müssen. Das gibt dem laufenden Tatzelwurm mehr Luft und einem Läuferstau kaum eine Chance.


24 Die treuesten Partner sind die Migros, das EWZ und der «Tages-Anzeiger».


25 Nicht immer sind die stärkenden ­Bananen im Zielbereich genau abgezählt. Einst landeten die übrig gebliebenen in Hinteregg bei einem Schnapsbrenner, der damit einen exklusiven ­Bananenschnaps brannte. Heute kümmert sich der Verein «Tischlein deck dich» um die Verteilung unter armuts­betroffenen Menschen.


40 Jahre Lichterzauber am Rennweg. Foto: Sofie Stieger

26 Bei den Männern führen die Schweizer nach Siegen (14) vor den Kenianern (12). Aufsteigen zu Pierre Délèze, einem von drei dreifachen Siegern, kann nun Europameister Tadesse Abraham.


27 Bruni Fivaz aus Lausanne ist diese Woche 82 Jahre alt geworden und damit die älteste Läuferin, James Anneler aus Urdorf ist ein Jahr jünger und zum 6. Mal in Folge dabei.


28 Lafranchi kommentiert das Gerücht, wonach es für den Event ein Kaufangebot gibt, so: «Es gibt einen Markt. Aber es wäre das Dümmste, den Silvesterlauf zu verkaufen. Ein Verein wie der TV Unterstrass lebt von seinen Aktivitäten, und dieser Event ist eine ganz wichtige.»


29 Der Frauenanteil beträgt 45 Prozent und ist so hoch wie noch nie. Bei den 20-Jährigen sind es sogar drei Viertel Frauen und ein Viertel Männer.


30 André Bucher, der einzige Schweizer Weltmeister im Laufbereich (2001, 800 m), gewann den Silvesterlauf 1995.


31 Laufschuhe sind neben Formel-1-­Boliden die besterforschten «Fortbewegungsmittel», Laufbekleidung ist heutzutage ebenfalls Hightechmaterial. Nur die Startnummern haben es kaum über ihre Anfänge hinaus geschafft. Zwar sind die Bändel weg, mit denen man sich den Stoff um den Leib band. Doch die Entwicklung steckt seit Jahrzehnten bei den Sicherheitsnadeln fest. Und so werden wir auch morgen wieder mit klammen Fingern versuchen, uns mit diesen nicht auch noch zu verstechen.


32 Die Vater-Kind- und Mutter-Kind-­Kategorien brachten Leben in die Bude und Teilnehmer in die Statistik – aber auch zwei Verbote: keine Kinderwagen und keine Kinder auf den Schultern. Zu niedrig war einst eine Fussgängerpasserelle gebaut, als dass Vater mit Kind obendrauf ohne Kopfanschlagen untendurch gepasst hätten. Selbstverständlich wurde die Höhe der Übergänge längst an die Realitäten angepasst.


33 Lafranchi, der einstige Marathonläufer mit einer Bestzeit von 2:11:12 Stunden, ist seit 1992 OK-Chef und feiert damit sein eigenes Jubiläum. Er ist «sein eigenes» Rennen erst dreimal gelaufen. Ein 3. Platz war sein bestes Resultat.


34 Meistunterschätzte Leistung: jene des Zeitmessers. Er muss die Zeiten von über 20'000 garantieren. Komme, was wolle. Stromausfall hin oder her.


35 Ellbögeln ist in Kategorien ambitionierterer Läuferinnen und Läufer nichts Ungewöhnliches. Ein grösseres und ­gröberes Hindernis hingegen stellen seit ­einigen Jahren die Rammböcke vor den Luxusgeschäften dar, welche nach ­einigen Raubüberfällen dort platziert worden waren.


36 Ihren schulfreien Sonntag verbringen 169 Schulklassen in den weihnächtlichen Gassen Zürichs.


37 Im Vorfeld wollten über 24'000 Startsäckli abgefüllt sein – das übernahmen wie an anderen Läufen auch ­Mitarbeitende der Stiftung RgZ, die seit über 50 Jahren Menschen mit Behinderungen unterstützt. Sie werden auch heute bei der Startnummernausgabe im Kongresshaus eingesetzt.


38 Laufen gehört zum Lifestyle, Joggen ist am Silvesterlauf aber auch zur Fundisziplin geworden: Zum Abschluss sind Tausende unterwegs, die ihre Vorfreude auf die Fasnacht ausleben.


39 Nicht immer schafften es Siegerin und Sieger an die Medienkonferenz im Stadthaus. Der Securitas-Mann vor dem Portal war angewiesen, nur zivil gekleidete Menschen (also Presseleute) hereinzulassen. Pech für die Schnellsten, Pech auch für die Journalisten.


40 Und zuletzt das noch: Soll im nächsten Jahr der 500'000. Läufer oder die halbmillionste Läuferin gefeiert werden, braucht es einen Aufmarsch von 29 393.Kommen alle noch einmal, die einst dabei waren, dürfte das kein Problem sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.12.2016, 22:09 Uhr

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