Alles nur Heuchler?

Das Duell Bayern - Leipzig spaltet die Fussballwelt: Wer ist sympathischer? Wir stellen uns dieser Frage auch.

Wer ist sympathischer? Bayerns Robben und Leipzigs Keita treffen heute im Spitzenspiel der Gegensätze aufeinander. Fotos: Keystone

Wer ist sympathischer? Bayerns Robben und Leipzigs Keita treffen heute im Spitzenspiel der Gegensätze aufeinander. Fotos: Keystone

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Leipzig

Der moderne Fussball hat mich stumpf gemacht. Für die 40 Millionen Jahressalär, die Carlos Tevez in Shanghai verdienen wird, habe ich nur noch ein müdes Kopfschütteln übrig. Das dauert maximal zwei Sekunden – in dieser Zeit verdient Tevez 2,54 Euro. Vielleicht fällt es mir deshalb immer schwerer, in das längst Mode gewordene Leipzig-Bashing einzustimmen. Ja, der Verein wurde am Reissbrett entworfen und dient auch der Vermarktung einer Brause, die mein Vater in meiner Kindheit in der für ihn typisch hysterischen Art als Droge und pures Gift verteufelt hatte. Und ja, er wurde erst vor sieben Jahren gegründet und hat in etwa so viel Tradition wie ein Fondue chinoise an Weihnachten in Saudiarabien.

Aber das Projekt RB Leipzig hat Hand und Fuss. Mit Ralf Rangnick schwingt ein Fussball-Intellektueller als Sportdirektor das Zepter, die Nachwuchsabteilung wurde innerhalb kürzester Zeit zu einer der besten des Landes aufgebaut, und mit einem Durchschnittsalter von 24 stellen die Leipziger das jüngste Kader der Bundesliga. Wie viel Wert auf Talententwicklung gelegt wird, zeigt auch Rangnicks Transfersystem: Bis auf wenige Ausnahmen werden nur Spieler im Alter zwischen 17 und 23 Jahren verpflichtet. Dazu ist das Team dank atemberaubendem Pressing und überfallartigem Konterfussball auf bestem Weg, Bayerns langweilige Vorherrschaft in der Bundesliga zu beenden – obwohl das Team des Rekordmeisters einen um eine halbe Milliarde höheren Marktwert aufweist.

Wieso sollen Ölgelder besser sein als Investitionen eines Getränkeherstellers?

Dennoch keift die breite Öffentlichkeit gegen die beiden roten Bullen auf dem Shirt, schimpft über verlorene Werte und Traditionen – um sich danach in die Münchner Allianz-Arena zu setzen oder vor dem TV den Champions-League-Viertelfinal zwischen PSG und ManCity zu beklatschen. Und genau darin liegt die grosse Heuchelei: Wieso sollen Ölgelder vom Golf besser sein als Investitionen eines österreichischen Getränkeherstellers, die ganz nebenbei Hunderte neue Arbeitsplätze geschaffen haben? Sind Schalke-Fans, deren Club vom umstrittenen russischen Energiekonzern Gazprom gesponsert wird, tatsächlich in der Position, RB als das Böse zu personifizieren? Was ist vom Aufschrei über den Verkauf der traditionellen Stadionnamen geblieben? Und wieso haben Vereine, die zwar vor hundert Jahren gegründet wurden, aber von Zustupfen ihrer ohnehin schon maroden Staatskassen profitieren (Spanien), mehr Existenzberechtigung als ein neu gegründeter, eigenständiger Club?

Ausserdem beweisen uns raffgierige Verbände und Grossclubs immer wieder: Tradition hat im Fussball keinen Wert mehr – auch ohne RB Leipzig.

München

Donnerwetter, dass es irgendeinmal so weit kommt und ich Partei ergreifen muss für diesen Südstern, für Bayern München. Der böse Satz geht so: Bayern ist sympathischer als Leipzig.

Nun hör ich den Kollegen Sangines bereits jammern mit «Mimimi, aber Katar und überhaupt». Das Argument ist berechtigt; Ausflüge wie Trainingslager ins Emirat sind unsympathisch, Bayern-Sponsorenverträge mit Katarern noch mehr. Das soll man schlecht finden und kritisieren.

Doch, sind wir mal ehrlich, das ist heute Fussball – in seiner ganzen Perversion. Durchglobalisiert. Mit Fans, die zu Kunden verkommen. Und mit Clubs, die primär ihre Marke pflegen. Branding im Wortlaut. Dafür steht München, dafür steht Leipzig.

In München wie Leipzig gibt es Dinge, die kann man nicht gut finden. Etwa, dass fussballfremdes Geld dem Verein alle sportlichen und finanziellen Zwänge nimmt, begleitet von zig anderen Gründen – doch darüber wurde genug gesprochen, wir müssen uns auf eine neue Ebene hieven.

Leipzig ist ein vermarktungstechnischer Unort

Etwa mit sachlichen und emotionsarmen Vergleichen, die in diese neue Welt passen. Bayern macht mehr Umsatz und Gewinn, hat ein prächtig diversifiziertes Aktionariat und mit dem stets charmanten Menschenfänger Karl-Heinz Rummenigge ein Schlachtross für die Gewinnmaximierung – der Mann trägt den Übernamen Killer-Kalle. Ach ja, bei den Meisterschaften und Pokalsiegen sind sie als Rekordmeister auch überlegen.

Bayern ist ein Segen, man kann branden, was das Zeug hält – die Siege, die Geschichte, das Wirtschaften. Leipzig hingegen ist ein vermarktungstechnischer Unort – gibt es überhaupt schöne Retorten? Ein Ignorant, wer seine Sympathien heute Abend nicht nach München richtet. Bei Salzburg, ähm Leipzig nennt sich übrigens Rummenigges Amtskollege Head of Soccer.

Vielleicht noch etwas zur Markenpflege. In München hätschelt man auch die Vergangenheit. In der Allianz-Arena gibt es ein Museum, «Erlebniswelt» heisst es. Darin kann man auf dem Weg der Geschichte Jahrzehnte zurückgehen und schauen, wie Hoeness und Sforza und Sutter Tore geschossen haben; wie die Bayern durch sportliche Erfolge gewachsen und wie reich sie dadurch geworden sind. Ähnliches sucht man in Leipzig vergebens. Das Geld kam auf einmal, das Geld war plötzlich da - es wurde über ihnen wie ein Sack Nüsse ausgeschüttet.

Erstellt: 21.12.2016, 16:39 Uhr

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