Ausfahrt Minnesota

Er war talentiert, aber nicht über­ragend, er war gut, aber er war damals doch nicht gut genug. Doch Jérôme Thiesson verlor seinen Traum nie.

Minnesota United ist Jérôme Thiessons neuer Club.

Minnesota United ist Jérôme Thiessons neuer Club. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie sind fünf, sechs Jahre alt, sie toben herum, wie es kleine Kinder tun, wild sind sie und zwischendurch laut, und die Leiterinnen, Mütter von Kindern, haben manchmal Mühe, sie zu zähmen. Sie sind kleine Fussballer und trainieren jetzt, weil es noch zu wenig Frühling ist, nicht draussen auf der Wiese, sondern in der Halle, sie spielen nicht nur mit dem Ball, sie klettern und springen auch Seil. Doch sie tragen, fast alle, Leibchen von Fussballclubs, von Barcelona (viele), von Real (Ronaldo!) und einer auch, er spricht Hochdeutsch, von Bayern München, die Trikots sind teilweise noch viel zu gross. Die Kinder sind stolz.

Sie träumen noch nicht von später, wie es vielleicht einmal wäre und sein könnte, als grosse Fussballer, vor ­grossem Publikum, in grossen Stadien, sie leben im Jetzt, die Träume kommen später, Messi oder eben Ronaldo steht nur auf dem Rücken, bei einem Zidane, er weiss vielleicht gar nicht, wer das war.

Jérôme Thiesson war auch einmal ein kleines Kind, das den Ball liebte, er wuchs in Hombrechtikon im Zürcher Oberland auf und begann als F-Junior beim FC Stäfa, sein Grossvater nahm ihn mit zu den Spielen nach Zürich, einmal Hardturm, dann Letzigrund, und irgendwann kamen die Gedanken, wie es wäre, auch einmal da unten auf dem Rasen zu stehen, einer von denen zu sein. Thiesson war begabt, Clubs wurden auf Jérôme aufmerksam, beim FC Zürich landete er, und es gab einige, die glaubten sehr an ihn und waren überzeugt von seiner grossen Karriere, er wurde aufgeboten in nationale Auswahlen, schaffte es bis in die U-21.

Er war talentiert, aber nicht über­ragend, er war gut, als Aussen­verteidiger, links und rechts, aber er war damals doch nicht gut genug für den FCZ, er ging nach Wil, dann Bellinzona, und seit fünf Jahren ist er beim ­FC Luzern, beliebt mit seiner Art, sehr zuverlässig, eine «gute Seele» sei er. Doch einen Traum verlor er nie, seit er, der ­gelernte Kaufmann, den Fussball zum Beruf machte – den Traum, einmal im Ausland zu spielen. Er wusste, für die Bundesliga, nach England oder Spanien in die höchste Liga wird es kaum reichen, er kann sich gut einschätzen, aber vielleicht anderswo, irgendeinmal.

In der letzten Woche sass Thiesson einmal bis morgens um vier vor seinem Computer, er füllte Formulare aus, Anträge für ein Visum und eine Arbeitsbewilligung, viele Fragen muss man dafür beantworten, und er wird jetzt aufs Konsulat nach Bern gehen können – und dann? Sein Traum erfülle sich, sagt er, mit 30, es geht nicht um mehr Geld, das er verdienen kann, es geht um Erfahrung, die er sammeln will, es sei auch ein Abenteuer, ein riesiger Spass. Seit kurzem ist er ­verheiratet, im Sommer erwarten die Thiessons ein Kind.

Und das Kind wird auch amerikanischer Staatsbürger werden. In ­Minnesota, dem Bundesstaat an der Grenze zu Kanada. Und Minnesota United FC, seit dieser Saison erstmals für die oberste Liga, die Major League Soccer qualifiziert, ist sein neuer Club. Minnesota – nicht Barcelona, London, München oder Rom, kein grosser Name im Fussball. Jérôme Thiesson musste sich auch erst erkundigen, der Club hat keine grosse Vergangenheit.

Aber es ist ein Traum, der in ­Erfüllung geht. Die Kinder, die in der Halle trainieren, denken bald einmal an Messi und Barcelona und Real und Ronaldo. Und sie werden erst später merken, dass Träume auch anderswo in Erfüllung gehen können. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2017, 22:43 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Artikel zum Thema

Vorgestern ist heute

Kolumne Die Ski-WM in St. Moritz, der Führungswechsel beim FCB - News von gestern? Von wegen. Mehr...

Was werden wir machen?

Kolumne Was machen wir, an solchen Tagen, in solchen Momenten, wenn es diese Momente nicht mehr gibt? Mehr...

Kinder des Glücks

Kolumne Was sind die Voraussetzungen für Erfolg? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Die älteste Yogalehrerin der Welt

Blog Mag Achtung! Expliziter Inhalt

Weiterbildung

Kostenlose E-Books

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Die Welt in Bildern

Strassenkunst: Ein übergrosses Graffiti ziert die Wand eines Hochhauses in Berlin (28. April 2017).
(Bild: Felipe Trueba) Mehr...