«Bilder ins Internet stellen! Sofort aburteilen!»
Von Peter M. Birrer und Thomas Schifferle, Zürich. Aktualisiert am 03.10.2011 354 Kommentare
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Das Spiel GC–FCZ wurde wegen des Petardenwurfs eines FCZ-Fans abgebrochen. Sollen beide Klubs mit null Punkten bestraft werden?
Ja
Nein, nur der FCZ
Nein, nur GC als Heimklub
5858 Stimmen
Eine bis zu 1000 Grad heisse Petarde fliegt in den GC-Fanblock (Bilder: SF).
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Super League
36. Runde
| 23.05. | Basel - Young Boys | 1 : 2 |
| 23.05. | Lausanne - Grasshoppers | 2 : 1 |
| 23.05. | Sion - Luzern | 1 : 3 |
| 23.05. | Thun - FC Zürich | 2 : 4 |
Rangliste
| Name | Sp | S | U | N | G:E | P | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | Basel | 34 | 22 | 8 | 4 | 78:33 | 74 |
| 2. | Luzern | 34 | 14 | 12 | 8 | 46:32 | 54 |
| 3. | Young Boys | 34 | 13 | 12 | 9 | 52:38 | 51 |
| 4. | Servette | 34 | 14 | 6 | 14 | 45:53 | 48 |
| 5. | Thun | 34 | 11 | 10 | 13 | 38:41 | 43 |
| 6. | FC Zürich | 34 | 11 | 8 | 15 | 43:44 | 41 |
| 7. | Lausanne | 34 | 8 | 6 | 20 | 29:61 | 30 |
| 8. | Grasshoppers | 34 | 7 | 5 | 22 | 32:66 | 26 |
| 9. | Sion | 34 | 15 | 8 | 11 | 40:35 | 17 |
| 10. | Xamax | 18 | 7 | 5 | 6 | 22:22 | 0 |
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Als die 74. Minute anbricht, ist das Spiel immer noch ein Spiel. Es ist das 226. Derby, GC ist einem unterirdisch schlechten FCZ überlegen, Frank Feltscher drückt das mit seinem Penalty zum 2:1 aus. GC führt, GC jubelt.
Aber das ist auch gleich das letzte sportliche Bild, das hängen bleibt. Dann beginnt an diesem sonnigen Sonntagnachmittag ein schwarzes Kapitel.Im Sektor des GC-Anhangs ist es schon länger unruhig, mehrere Dutzend haben angefangen, sich zu vermummen. Auf einmal sind sie ganz in Schwarz. Sie fuchteln mit Fahnenstangen, es wirkt bedrohlich. Plötzlich fliegt eine brennende Fackel durch die Luft, mitten in den GC-Block. Ein Chaot, der aus der Südkurve des FCZ quer und ungehindert die Osttribüne entlang marschiert war, hat sie geschleudert. Er entzündet eine zweite und kann auch sie unbehelligt werfen. Er tut es zwar an exponierter Stelle, aber als die Sicherheitsleute anrücken, entkommt der Täter, der mit seiner Aktion Mensch und Leben gefährdet, im Gewühl.
Bis in den Familiensektor
Die gegenseitigen Provokationen arten aus. Im Letzigrund kommt es zu wüsten Szenen, selbst in jenen Sektoren, in denen auch Familien mit Kindern ihre Plätze haben. Als mehrere, die sich FCZ-Fans nennen, ihren Sektor in der Südkurve mit Leichtigkeit verlassen und auf der Tartanbahn Richtung GC-Kurve laufen, unterbricht Schiedsrichter Sascha Kever das Spiel. Er spürt, dass sich etwas zusammenbraut, hofft aber, dass sich das nach ein paar Minuten wieder legt. Zuerst glaubt er, dass es reicht, gemeinsam mit den Spielern auf der Seite der Haupttribüne zu warten, bis die Tumulte aufhören. Dann aber erhält er von den Sicherheitsleuten das Signal: Die Lage ist ernst. Er schickt die Spieler in die Kabine. Und bespricht sich mit den Captains und den Trainern.
Draussen gerät die Situation ausser Kontrolle: Wüste Schlägereien und Jagdszenen prägen die Szenerie. Um 17.45 Uhr kehrt Kever auf den Platz zurück – nicht, um zu Ende spielen zu lassen, sondern um mit eindeutiger Gestik klarzumachen: Aus, vorbei, Abbruch! Dann geht er. Und Tausende Zuschauer mit ihm. Entsetzt, einfach nur entsetzt.
Bleiche Gesichter und viel Wut
Fredy Bickel, Zürichs Sportchef, steht im Kabinengang, er ist bleich und fassungslos. Er stützt den Entscheid des Schiedsrichters («Ihm blieb keine andere Wahl») und sagt: «Das ist der totale Tiefpunkt im Schweizer Fussball. Ich hätte nie gedacht, dass es jemals so weit kommen würde.» Nur schon der Match seiner Zürcher hat ihm die Laune verdorben, aber das, was sich auf den Rängen ereignet hat, schlägt alles. Bickel sagt: «Das hat gerade noch gefehlt.»
Ciriaco Sforza tigert im durchgeschwitzten Hemd durch den Gang, er schäumt, schlägt die Faust gegen eine Stellwand und schimpft: «Wir müssen uns schämen!» Mehr will er nicht sagen, mehr muss er auch nicht sagen. Dann treffen sich die Exponenten im Medienraum des Stadions, die Vorfälle erfordern einen gemeinsamen Auftritt von GC und FCZ: GC-Präsident Roland Leutwiler und Ciriaco Sforza sind da, vom FCZ sitzt Präsident Ancillo Canepa auf dem Podium, an seiner Seite hat er Trainer Urs Fischer. Christian Schöttli ist der Sicherheitsverantwortliche der Liga. Schiedsrichter Kever ergänzt die Runde.
«Sofort aburteilen!»
Leutwiler ringt erst nach passenden Worten, bis er anfängt und sagt: «Als Präsident muss ich mich beim Trainer und der Mannschaft entschuldigen, aber auch bei der Bevölkerung und allen Zuschauern. Was passiert ist, ist für Zürich unwürdig. Es hat mit der Jugendkriminalität zu tun. Diese Leute missbrauchen den Fussball als Ventil. Das ist tragisch.» Und dann: «Das sind asoziale Elemente, jenseits von Gut und Böse.» Um schliesslich loszuwerden, wie er, der sonst so besonnene Finanzfachmann, mit den Tätern vorgehen würde: «Am ‹Grind› reissen! Bilder ins Internet stellen! Sofort aburteilen!» Seine Machtlosigkeit drückt er auch mit Schlagwörtern aus: «Ein Drama! Eine Katastrophe!»
Fassungslos ist auch Canepa, der sich keine Mühe gibt, seine abgrundtiefe Wut zu verbergen. Als Erstes macht der FCZ-Präsident klar, wer für die Sicherheit im Letzigrund zuständig ist: das Stadionmanagement. «Wir müssen uns dauernd von einer Minderheit auf der Nase herumtanzen lassen. Wenn wir zur Identifizierung von Chaoten ihre Bilder ins Internet stellen, erhalte ich sofort einen Brief eines Datenschutzbeauftragten aus Bern. Das widert mich an! Das ist Wahnsinn! Müssen wir uns von solchen Idioten noch lange terrorisieren lassen?» Mit einer Handbewegung macht er deutlich, dass er langsam, aber sicher genug hat.
Die Präsidenten wären bereit gewesen, wenigstens den Versuch zu unternehmen, via Megafon die Zuschauer zur Besinnung aufzurufen. Die Gelegenheit erhalten sie nicht. Ihr Wunsch ist nicht bis zu Schiedsrichter Kever vorgedrungen. Der Tessiner sagt später: «Im Nachhinein lässt sich immer darüber diskutieren, was man hätte besser machen können.» Nur hätte es in diesem Fall nichts geholfen, wenn er mit der Idee der präsidialen Durchsagen konfrontiert worden wäre: «Die Sicherheit war nicht mehr gewährleistet.»
Souverän argumentiert der 36-jährige Vermögensverwalter aus dem Tessin seinen Entscheid. Er kommuniziert auf Anweisung seines Chefs Carlo Bertolini offensiv. Er sagt, was seine Nebenleute auf dem Podium auch denken: «Der Fussball hat definitiv verloren. Es tut mir leid.»
Und jetzt? Wie weiter?
Gerüchte machen die Runde, wer wen provoziert hat und wie es überhaupt zur Eskalation kommen konnte. Es gibt nichts, das als ausreichende Erklärung herhält. Es kann nichts geben. Und offen bleibt die Frage, wie es weitergeht: Forfait-Niederlage für den FCZ, weil der Petardenwerfer seinem Lager zuzuordnen ist? Busse für GC, weil das Sicherheitskonzept offensichtlich eklatante Mängel aufweist? Schöttli will nicht spekulieren. Er betont: «Die Disziplinarkommission der Liga wird sich des Falls annehmen.»
Dann löst sich die Runde auf. Sforza will nur noch weg. 74 Minuten lang hat er von GC Fussball gesehen, der ihm gefallen hat. Aber was dann passiert ist, macht ihn nur noch eines: sprachlos.
Es ist 19 Uhr, als GC-Captain Smiljanic das Stadion verlässt. Mit einem Kleiderbügel spielend. Gedankenversunken. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.10.2011, 06:24 Uhr
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Unsere Politiker mit der Kuscheljustiz schauen seit Jahren der Gewalt im öffentlichem Raum zu. Es gibt einige Jugendliche, welche die Gewalt gegen Menschen und Sachen suchen. Egal ob 1. Mai, Parties, Fussball-, Eishockeyspiele, hauptsache Gewalt und Sachbeschädigung. Nur mit unbedingten Gefängnisstrafen sofort ausgesprochen und solidarischer Haftung für alle Schäden wird es wieder besser werden. Antworten



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