Blatter ist auch mit 75 der richtige Fifa-Chef
Von Alexander Kühn, Oliver Thommen. Aktualisiert am 10.03.2011 29 Kommentare
Sepp Blatters bewegtes Leben
In Visp wird Joseph Blatter geboren. Nach dem Studium der Volkswirtschaft in Lausanne, das er 1959 abschliesst, wird er Chef der PR-Abteilung des Walliser Verkehrsverbandes. Seinen Einstieg als Sportfunktionär macht der passionierte Fussballer (Mittelstürmer und Trainer beim FC Visp) als Generalsekretär beim Schweizer Eishockeyverband. Er engagiert sich auch für die Olympischen Spiele 1972 in München und 1976 in Montreal. Daneben bleibt er dem Fussball aber stets treu, so sitzt er zwischen 1970 und 1975 im Vorstand von Neuchâtel Xamax.
Im Jahr 1975 gelingt ihm als Technischer Direktor der Einstieg bei der Fifa. Im Jahre 1981 kann er den Posten des Generalsekretärs für sich beanspruchen. Nachdem er 17 Jahre lang dem damaligen Fifa-Präsidenten João Havelange zuarbeitete, wird er am 8. Juni 1998 selbst zum Präsidenten des Weltfussballs. Obschon er 2002 und 2007 als Präsident im Amt bestätigt wird, kommen doch immer wieder Stimmen auf, welche Blatter vom Fifa-Thron stossen wollen.
Dossiers
Artikel zum Thema
- Blatter gegen Torraumtechnologie - wieder Wembley-Tor in Hamburg
- Engländer wollen Blatter vom Fifa-Thron stürzen
- Das Bestechungsvideo von Jack Warner
- Englands Premier und Hoeness ziehen über Blatter her
- Blatter holt Opernsänger – Beckenbauer tobt
Stichworte
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Korrupt, selbstherrlich und stur – die öffentliche Meinung über Fifa-Präsident Sepp Blatter lässt sich mit drei Adjektiven zusammenfassen. Blatter gilt vielen als der Ursprung allen Übels, ob es nun um Schmiergelder oder gestohlene Treffer wie jenen des Engländers Frank Lampard im WM-Viertelfinal 2010 gegen Deutschland geht. In einer Umfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet sprachen sich 83 Prozent gegen eine vierte Amtszeit des früheren Erstliga-Stürmers aus Visp VS aus. Wer bereit ist, Blatters Leistungen und seine Verfehlungen nüchtern gegeneinander aufzurechnen, wird unter dem Strich aber ein bemerkenswertes Plus zugunsten von König Sepp finden.
Blatter ist weit mehr als ein Verwalter der prall gefüllten Fifa-Kasse. Und wenn er es auch fast schon provokativ geniesst, in Afrika als grosser Heilsbringer gefeiert zu werden, so sind seine Verdienste um den ärmsten Kontinent der Erde doch nicht zu leugnen. Vor Blatters Amtsantritt war eine WM in Afrika schlicht unvorstellbar, der einstige Sportjournalist hat aber stets an seine Vision geglaubt und sie gegen alle Widerstände und Zweifel durchgesetzt. Heute weiss die ganze Welt dank Blatter, dass die Afrikaner einen sportlichen Riesenanlass ebenso gut ausrichten können wie Europäer, Asiaten oder Ozeanier. Die Menschheit ist damit um eine Erkenntnis reicher und um ein Vorurteil ärmer. Sepp sei Dank!
Afrikaner und Asiaten sind an der WM kein Füllmaterial mehr
Die Wandlung des Fussballs vom Eigentum der Europäer und Südamerikaner zum globalen Kulturgut hat sich in der Ära Blatter aber nicht nur in der WM-Vergabe an Südafrika akzentuiert. Unter Blatters Präsidentschaft gab es 2002 mit Südkorea auch den ersten asiatischen WM-Halbfinalisten und 2010 mit Ghana um ein Haar den ersten aus Afrika. Die Zeiten, in denen die Mannschaften aus Ozeanien, Asien und Afrika an der WM nichts weiter als Füllmaterial für die Gruppenphase waren und zwei ihrer Spieler auf einem Panini-Sammelbildchen Platz finden mussten, sind endgültig Geschichte – auch dank Blatter.
Wegen seines Vorschlags, der Frauen-Fussball solle sich mit weiblicheren Dresses ein grösseres Publikum verschaffen, wird Sepp Blatter gern als Chauvinist hingestellt. Tatsächlich ist Blatter der wohl engagierteste Förderer des Frauen-Fussballs. Seit Blatters Amtsantritt im Jahr 1998 sind dessen Niveau und Beachtung enorm gestiegen. Die Fussballerin des Jahres posiert inzwischen bei der Verleihung des goldenen Balles ganz selbstverständlich neben dem Weltfussballer.
Was wäre der Fussball ohne umstrittene Entscheide
Blatter musste sich wiederholt den Vorwurf gefallen lassen, er sei gegenüber technischen Innovationen wie der Torkamera oder dem Chip im Ball nicht aufgeschlossen und blockiere deren Integration in den Fussball. Man könnte aber genauso gut sagen, dass der Walliser die Traditionen seines Sports achtet. Fehlentscheide und Mysterien gehören nämlich seit jeher zum Fussball. Was etwa wäre die WM 1966 ohne das Wembley-Tor? Die Diskussion, ob der Ball nun hinter oder vor der Torlinie der Deutschen aufgekommen ist, lieferte Gesprächsstoff für Generationen und förderte die elektrisierende Rivalität zwischen den beiden Fussball-Grossmächten.
Schliesslich stellt sich auch die Frage, ob ein anderer Fifa-Delegierter als Präsident umsichtiger agieren würde, ob es weniger Korruptionsfälle gäbe und ob das Wirtschaftsungeheuer Fifa moralisch unbefangener seine Interessen verfolgen würde. Das ist die Gemeinsamkeit zwischen Fussballpapst und richtigem Papst: Beide haben eine herausragende Position inne und es würden sich deshalb viele Gestaltungsmöglichkeiten bieten – die riesige Institution, der sie vorstehen, bliebe aber auch ohne sie behäbig und reformscheu.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 10.03.2011, 12:12 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
29 Kommentare
Endlich einmal ein sachlicher Bericht über Blatter. Die Steuerbefreiung der FIFA in Zürich ist sehr wichtig, kann doch die Stadt dadurch erreichen, dass die FIFA in Zürich bleibt. Dies bringt unserer Stadt unglaubliche Präsenz vor vielen hundert Millionen Zuschauern. Die Vorteile durch den FIFA - Sitz bei uns sind z-fach grösser als die Steuererlässe. Antworten
Bravo! Endlich nicht einer dieser kritischen möchte-gern-Weltverbesserer Journalisten, die auch einmal eine wirklich unglaubliche Lebensleistung zu würdigen wissen! Die FIFA ist ein Weltverband und als solches wie alle anderen Organisationen wie z.B. die UNO auch, den div. Mentalitäten der Welt ausgesetzt. Und dies bedeutet eben auch, den richtigen Umgang mit Funktionären z.B. aus Afrika zu finden Antworten

Bitte warten
