Brutalo-Check heizt Videobeweis-Debatte an

Ausgerechnet im Final des Confed Cup fällt eine äusserst umstrittene Entscheidung. Was heisst das nun für die Zukunft des Videobeweises?

Ellbogen ausgefahren und zugeschlagen: Das Duell Gonzalo Jara gegen Timo Werner sorgte für hitzige Momente. (Quelle: SRF)

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Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Fifa-Präsident Gianni Infantino am Tag vor dem Final des Confed-Cup den Videobeweis mit Elogen überhäufte. Ein anderes Turnier hätte man ohne den Videobeweis gesehen, sagte der Walliser. «Ein Turnier, das weniger fair gewesen wäre.»

Wer am Sonntag nur das Spiel um Platz 3 zwischen Portugal und Mexiko verfolgte, würde Infantinos Votum vielleicht unterstützen. Da wurde der Portugiese André Silva in der 16. Minute im gegnerischen Strafraum elfmeterwürdig gefällt, der Schiedsrichter wollte aber kein Foul gesehen haben.

Erst nachdem der Videoassistent eingriff, revidierte er seinen Entscheid. Das Prozedere dauerte keine Minute. Wird der Videobeweis in diesem Tempo umgesetzt, ist das für den Zuschauer auszuhalten.

Nur dumm, dass an diesem Sonntag der Videobeweis wenige Stunden später im Final zwischen Deutschland und Chile nochmals eingesetzt wird – und plötzlich wieder das widerlegt, was Gianni Infantino am Tag zuvor noch stolz verkündet hatte: nämlich, dass keine grossen Fehler mehr passieren würden.

«Das ist ein Witz»

Die Szene, die polarisiert, ereignet sich in der 63. Minute, Timo Werner wird vom Chilenen Gonzalo Jara mit dem Ellbogen ins Gesicht geschlagen. Eine Tätlichkeit. Die logische Konsequenz: Rot. Schiedsrichter Milorad Mazic entscheidet sich trotz Konsultation des Videobeweises für eine Verwarnung.

Video – das Verdickt gelb schien Jara zu gefallen:

(Quelle: SRF)

Es kursieren Gerüchte, dass der Videoassistent für einen Platzverweis plädierte. Das letzte Wort hat aber der Schiedsrichter, er entschied anders. «Das ist ein Witz», meinte SRF-Kommentator Sascha Ruefer. «Da ist ein bisschen Thaiboxen dabei. Das ist ja lächerlich, da dann Gelb zu zeigen», sagte ZDF-Experte Holger Stanislawski derweil.

Und DFB-Präsident Reinhard Grindel betonte, dass er die Regeln etwas anders verstanden hätte. «Dass man unterbricht, um eine Gelbe Karte zu geben, hatte ich bisher nicht auf dem Schirm. Ich glaube, das soll auch nicht so sein. Da muss sich in der praktischen Umsetzung einiges verbessern.»

Eingesetzt werden kann der Videobeweis im Moment bei Toren, Elfmeterentscheidungen, Platzverweisen sowie Gelben und Roten Karten, die irrtümlich gegen einen falschen Spieler ausgesprochen werden.

Der Interpretationsspielraum ist noch immer da

Er hätte jedenfalls Gerechtigkeit und Einigkeit bringen sollen, der Videobeweis. Stattdessen ist die Fussballwelt gespaltener als zuvor. Die Sehnsucht nach einem fehlerfreien Spiel kann nicht gestillt werden.

Die ersten Spiele mit dem Videobeweis haben gezeigt, dass es im Fussball nicht einfach Schwarz und Weiss gibt. Ein Interpretationsspielraum ist nach wie vor da. Ein Fakt, der das Leben der Schiedsrichter nur noch komplizierter macht. Auch, weil Leute wie Infantino suggerieren, dass der Videobeweis makellos sei.

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Bedarf es bei der Umsetzung des Videobeweises der Anpassungen?





Noch am Wochenende berichtete Pierluigi Collina, Vorsitzender der Fifa-Schiedsrichter-Kommission, von einer berührenden Nachricht eines Schiedsrichters. Dieser habe dem Italiener mitgeteilt, dass er die Spiele wegen des gesunkenen Drucks nun mehr geniessen könne. Milorad Mazic wird das anders sehen.

Ob aus dem Internet oder der Medienwelt – Schelte erreicht ihn nach dem Confed-Cup-Final von überall. Aufgrund des Videobeweises ist er nun noch angreifbarer geworden. Deshalb lohnt sich die Überlegung, ob bei Konsultierung des Videobeweises nicht auch gleich der Videoschiedsrichter entscheiden soll, um so den exponierten Kollegen auf dem Rasen aus dem Schussfeld zu nehmen.

Anpassungen, aber wo?

Auch der ehemalige Spitzenschiedsrichter Urs Meier sieht Handlungsbedarf. «Der Videobeweis am Confed-Cup war ein Test, das hat man gemerkt.» Meier findet, dass der Videobeweis zu oft eingesetzt wurde. «Meines Erachtens sollte er nur dann zum Zug kommen, wenn der Schiedsrichter dabei ist, einen grossen Fehler zu begehen.»

Eigentlich sei es aber gar nicht mal schlecht, dass während des Turniers die besagten Fehler passiert seien. «Die Schwachstellen haben sich offenbart, nun geht es für die Fifa darum, bis zur WM im nächsten Jahr Lösungen zu finden.»
Bei der Fifa scheint man sich im Klaren darüber, dass Anpassungen nötig sind.

Collina gestand ein, dass man sich noch verbessern könne. Denkbar ist die Verbesserung der Kommunikation auf dem Rasen, dem Videoschiedsrichter mehr Entscheidungskompetenzen einzuräumen sowie die Beschränkung der Dauer, in der ein Entscheid mittels Videobeweis gefällt werden muss.

Oliver Bierhoffs Idee

Collina forderte derweil auch Verständnis für die Schwierigkeiten bei der Umsetzung in den letzten Wochen: «Es wäre sehr überraschend gewesen, wenn es nach so wenigen Spielen perfekt gewesen wäre.»

Oliver Bierhoff, Manager der deutschen Nationalmannschaft, sagte der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» vor kurzem, dass er es begrüssen würde, wenn der Schiedsrichter seinen Entscheid wie im American Football per Mikrofon bekannt geben und erklären würde. Wahrscheinlich ist Milorad Mazic dankbar, dass er das noch nicht tun musste. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.07.2017, 12:32 Uhr

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