«Constantin ging ein gefährliches Pokerspiel ein, das böse für ihn enden kann»
Von Peter M. Birrer, David Wiederkehr. Aktualisiert am 13.12.2011 22 Kommentare
Edmond Isoz (62): Der Waadtländer ist Direktor der Swiss Football League. Er absolvierte fast 300 Nationalliga-Spiele für Etoile Carouge und den FC Sion (zwei Cupsiege).
Artikel zum Thema
- «Ich habe erfolgreich gearbeitet»
- Die 10 Gewinner der Hinrunde
- «Aus seiner Genialität hätte er mehr machen müssen»
Super League
36. Runde
| 23.05. | Basel - Young Boys | 1 : 2 |
| 23.05. | Lausanne - Grasshoppers | 2 : 1 |
| 23.05. | Sion - Luzern | 1 : 3 |
| 23.05. | Thun - FC Zürich | 2 : 4 |
Rangliste
| Name | Sp | S | U | N | G:E | P | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | Basel | 34 | 22 | 8 | 4 | 78:33 | 74 |
| 2. | Luzern | 34 | 14 | 12 | 8 | 46:32 | 54 |
| 3. | Young Boys | 34 | 13 | 12 | 9 | 52:38 | 51 |
| 4. | Servette | 34 | 14 | 6 | 14 | 45:53 | 48 |
| 5. | Thun | 34 | 11 | 10 | 13 | 38:41 | 43 |
| 6. | FC Zürich | 34 | 11 | 8 | 15 | 43:44 | 41 |
| 7. | Lausanne | 34 | 8 | 6 | 20 | 29:61 | 30 |
| 8. | Grasshoppers | 34 | 7 | 5 | 22 | 32:66 | 26 |
| 9. | Sion | 34 | 15 | 8 | 11 | 40:35 | 17 |
| 10. | Xamax | 18 | 7 | 5 | 6 | 22:22 | 0 |
Stichworte
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Edmond Isoz, wie super ist die Super League am Ende des Jahres?
Im Juni glaubten alle: Das wird die beste Saison aller Zeiten im Schweizer Fussball. Und es gab auch gute Gründe, so zu denken: zwei neue Stadien, die Rückkehr von Tradition mit Servette und Lausanne, Basel direkt für die Champions League qualifiziert, die Schweizer U-21 im EM-Final, das 2:2 eines jungen Teams in England. Es waren fantastische Aussichten. Aber dann hatten wir Pech.
Pech?
Ja. Xamax und Sion sind zwei Riesenprobleme, auf die wir keinen direkten Einfluss haben.
Das Pech, wie Sie es nennen, kratzt mächtig am Image der Liga.
Es ist schlechte Werbung, keine Frage. Nur dürfen wir nicht vergessen, dass sich die Super League seit 2003 beeindruckend entwickelt hat: Es gibt viele junge Schweizer Spieler, die meisten Klubs leisten fantastische Arbeit. Und das öffentliche Interesse an der Liga ist gross wie nie. Letzte Saison wiesen wir in Europa den zehntbesten Zuschauerschnitt aus. Das ist, gemessen an unserer Einwohnerzahl, herausragend.
Trotzdem, planen Sie für das Frühjahr 2012 mit einer Neunerliga?
Es gibt verschiedene Szenarien. Niemand kann mit Sicherheit sagen, ob wir mit zehn oder neun Teams in die zweite Hälfte starten.
Haben Sie durchgeatmet, weil sich Xamax wenigstens in die Winterpause gerettet hat?
Ja, klar, aber nicht nur ich, sondern die ganze Liga. Es laufen Vorgänge, die wir nur beobachten, aber nicht beeinflussen können. Wir hoffen, dass Xamax dabei- bleiben wird. Fraglich ist nur, unter welcher Führung. Tschagajew unternimmt offenbar alles, um weiterzumachen.
Ahnten Sie, was mit Tschagajews Einstieg bei Xamax auf die Liga zukommen würde?
Nicht unbedingt. Aufhorchen liess uns die Episode aus dem Cupfinal, als er in der Kabine «I will kill you all» geschrien haben soll. Wir blieben lange vorsichtig, weil wir uns nicht den Vorwurf einhandeln wollten, wir hätten etwas gegen einen Ausländer. Aber wir leben in einem Rechtsstaat, wir haben Regeln, an die sich auch Tschagajew zu halten hat. Unser Sportsystem funktioniert nur, wenn sich alle Beteiligten daran halten.
Tschagajew scheint das nicht zu interessieren.
Zu den Vorschriften gehört auch, dass die Zahlungsfähigkeit belegt werden muss. Wir warten immer noch auf die Bestätigung, dass die Sozialabgaben für den Monat August bezahlt worden sind. Xamax ist ein erstes Mal gebüsst worden, und möglicherweise wird der Klub bald mit einem Punkteabzug sanktioniert. Das hätte erhebliche Konsequenzen für den Spielbetrieb.
Ist die Disziplinarkommission überfordert?
Sie ist stark ausgelastet und hat unüblich viele Fälle zu bearbeiten. Es gab Jahre, da hatte sie kaum etwas zu tun.
Wer bereitet Ihnen eigentlich mehr Sorgen: Bulat Tschagajew oder Christian Constantin in Sion?
Dem Ansehen des Schweizer Fussballs schaden beide. Das Empfinden Constantin gegenüber ist in der Westschweiz ganz anders als in der Deutschschweiz. In grossen Teilen der Romandie ist Constantin ein gefeierter Held, der mutig gegen alle Instanzen kämpft. In der deutschen Schweiz aber haben die Leute genug von ihm.
Und Sie?
Es ist bekannt, dass wir noch nie zusammen in die Ferien gegangen sind. Die Walliser sehen in Constantin auch einen Winkelried, aber das ist ein eigenartiges Bild. Für mich ist er eher ein Pirat. Ich respektiere ihn einzig für die Qualität, dass er genau weiss, wie er seine Spieler am Tag X, beispielsweise an einem Cupfinal, unter Druck setzen muss. Und er verwaltet seinen Klub sehr gut. Aber ansonsten tut er nichts für die Entwicklung des Schweizer Fussballs. Aus dem Ausland werde ich oft auf Sion und auch Xamax angesprochen.
Wird das Fussballland Schweiz als Bananenrepublik verspottet?
Das ist nicht angemessen. Bananenrepublik hiesse ja, wir hätten keine Regeln. Aber die haben wir sehr wohl, und die respektieren wir auch.
Lausannes Präsident Jean-François Collet ist entrüstet darüber, dass Sion trotz nicht lizenzierter Spieler keine Punkte verliert.
Ich kann Collet gut verstehen. Er ist der einzige Präsident, der den Mut hat, sich aufzulehnen. Bei uns sind mindestens 100 Mails von wütenden Leuten eingetroffen, die gleich denken wie Collet. Wir sind ja auch nicht glücklich darüber. Aber unsere Organisation ist so aufgebaut: Die Disziplinarkommission ist vollständig unabhängig und hat so entschieden. Ob wir von der Ligaspitze nun glücklich darüber sind oder nicht, spielt keine Rolle. Aber es ist nicht definitiv, dass Sion die Punkte behalten darf. Die betroffenen Klubs können rekurrieren.
Constantin wüsste darauf zweifellos wieder eine Antwort.
Was bringt Constantin dem Schweizer Fussball? Kein Nationalspieler spielt bei ihm, die Jugendarbeit wurde vernachlässigt! Constantin hat eine Bühne gefunden, darauf kann er sich ausleben. Jetzt will er Meister werden, dafür opfert er alles, inklusive Regeln. Er wusste, dass er mit der Mannschaft der letzten Saison das ambitionierte Ziel verfehlen würde. Darum verpflichtete er Neue. Er ging ein gefährliches Pokerspiel ein, das böse für ihn enden kann.
Darf Sion die sechs Spieler nach der Winterpause einsetzen?
Da gibt es offene Fragen. Die sechs absolvierten eine gewisse Anzahl Spiele, also hielt Sion die Transfersperre nicht ein. Was macht die Fifa? Wie verhält sich die Uefa? Grundsätzlich nerven und schmerzen uns die negativen Schlagzeilen sehr.
Servette kündigt sich als nächster Patient an. Die Spieler warten auf die Novemberlöhne und immer noch auf die Aufstiegsprämie.
Genf hat wie Xamax einen ausländischen Besitzer. Als der Iraner Majid Pishyar kam, hatten wir Zweifel, weil ein missglücktes Engagement in Österreich hinter ihm lag. Bis jetzt sind bei uns aber keine Klagen über Pishyar eingegangen.
Es gibt im nationalen Geschäft aber positive Beispiele, allen voran den FC Basel.
Absolut. Was der FCB geleistet hat, ist fantastisch. Er ist ein Glücksfall für die Liga. Der FCB hat uns die Vorrunde gerettet. Die Art und Weise, wie sich die Mannschaft für den Achtelfinal der Champions League qualifiziert hat, ist unglaublich! Und die Basler haben das mit vielen Einheimischen, auch jungen, geschafft. Früher waren ausländische Spieler überragend, Gimenez und Rossi, aber jetzt sind es die Basler. Das ist beispielhaft. Daneben gibt es einen FC Thun und seine Auftritte im Europacup. Oder es gibt den FC Luzern. Was Murat Yakin dort zustande bringt, ist erfreulich.
Ein unerfreuliches Dauerthema sind Pyros. Weil GC-Fans in Lausanne Pyros zündeten, schliesst Präsident Roland Leutwiler im ersten Heimspiel 2012 den Fansektor. Ist das eine angemessene Strafe?
Was wir feststellen: Es ist nicht ein rein schweizerisches Problem. Meine deutschen und englischen Kollegen sagten mir kürzlich, dass sich solche Vorkommnisse auch ihren Ländern häufen.
Was sagt Ihnen das?
Dass es ein gesellschaftliches Problem ist. Dass der Fussball für einige Menschen eine Bühne ist, um aufzufallen.
Müssten Liga und Klubs doch noch mehr in die Sicherheit investieren?
Vielleicht. Andererseits zahlen die Klubs jetzt schon viel – etwa 10 Millionen Franken im Jahr. Ruhe haben wir trotzdem keine. Wollen wir also die Polizei in Kampfmontur im Stadion?
Bereitet Ihnen die Arbeit überhaupt noch Freude?
Ja. Ich kann mich auf den Spielbetrieb konzentrieren, auf die Entwicklung des Fussballs. Am Sonntag war ich bei Bellinzona - St. Gallen. Der Spitzenkampf der Challenge League – doch der Rasen war so miserabel, dass kaum ein Ball gerade gespielt werden konnte. Eine Katastrophe! Da müssen wir ansetzen. Die Sicherheit und die juristischen Fragen sind wichtige Aspekte. Aber im Spielbetrieb entscheidet sich, ob der Schweizer Fussball auch in zehn Jahren noch konkurrenzfähig ist. Es wird oft vergessen, dass er das erst seit 2002 ist. Die Entwicklung seither ist unglaublich – U-17-Europameister, U-17-Weltmeister, U-21-EM-Halbfinalist und -Finalist, und mit dem Nationalteam an vier Turnieren in Folge vertreten. Ich glaube an eine gute Zukunft unseres Fussballs – auch wenn Xamax und Sion vieles in den Schatten stellen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.12.2011, 08:27 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
22 Kommentare
Also, rein sportlich wäre es lächerlich, wenn Sion die Punkte doch noch abgezogen würden, mit oder ohne diese 6 Spieler, haben sie diese erspielt und unsere SFL hat sie ja auch noch lizenziert, Versehen hin oder her, lizenziert ist lizenziert. Das Tschagajew nun schon 1 Jahr wursteln darf......?????? Glaube kaum dass unsere "Langsam-Funktionäre" des SFL dies in den Griff bekommen. Antworten
Auf den Westschweizern hacken sie gerne herum und verlieren zugleich kein einziges Wort oder nur knappe Worte über die desaströse finanzielle Lage von GC, den Hooligans von Basel und Zürich. Die Liga hätte sich ruhig auch einmal für die Interessen von Sion einsetzen können damals, sie ist aber führungsschwach, siehe Pyros. Man verweist schnell aufs Ausland und wechselt das Thema. Antworten


Bitte warten
