«Das ist bedenklich»
Von Thomas Schifferle. Aktualisiert am 05.03.2010 36 Kommentare
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Am Mittwoch spätabends sagte Oliver Kahn im Fernsehen: «Die Schweiz hat ganz gute Chancen, die Gruppenspiele zu überstehen.» Kahn, nun fürs ZDF als Analytiker tätig, setzt auf die psychologischen Kräfte seines früheren Bayern-Trainers Ottmar Hitzfeld.
Kahn hatte in diesem Moment nur eine kurze Aufzeichnung vom 1:3 der Schweiz gegen Uruguay gesehen. Wenn er die gesamten 90 Minuten in St. Gallen erlebt hätte, wäre auch ihm bewusst: Hitzfelds Nationalmannschaft ist spielerisch, körperlich und organisatorisch weit, weit von der Verfassung entfernt, die es bei der WM braucht, um nur schon die Gruppenspiele zu überstehen.
Um freundliche Worte bemüht
Eigentlich wollte Hitzfeld gegen Uruguay mit der Stamm-Mannschaft beginnen. Dass dann der Reihe nach Benaglio, Frei, Nkufo, Huggel und Senderos verletzt ausfielen, zwang ihn zum Umdenken. Er erklärte das Spiel zum wirklichen Test und setzte auch auf Spieler, die im Nationalteam vornehmlich auf der Bank sitzen.
Am Morgen danach ist Hitzfeld wohl um das eine oder andere freundliche Wort bemüht, erzählt von den paar Chancen, die sie gehabt hätten, von Wölfli, Inler, Behrami und Streller, die ihm gefielen, er versucht die drei Neulinge Rossini, Shaqiri und Chiumiento pfleglich zu behandeln. Und doch gelingt ihm eines nicht: die Ernüchterung zu kaschieren, die ihn erfasst hat. Sie sitzt tief.
Das Dilemma in der Abwehr
Es ist die Ernüchterung, dass der Kampf um die Plätze in der Startaufstellung weit weniger heftig geführt wird, als er sich das selbst erhofft. Die Hierarchie ist viel gefestigter, als er sich das wünscht. Der Stamm bleibt gegeben. In der zweiten Reihe warten weiter die Spieler, die nicht gut genug sind für mehr. Oder pointierter: die glücklich sein müssen, einen Platz im 23er-Kader für die WM zu finden.
«13, 14 Spieler» rechnet Hitzfeld zum Stamm. Das sind: Benaglio und Wölfli im Tor, Lichtsteiner, Senderos, Grichting und Von Bergen in der Abwehr, Behrami, Huggel, Inler, Barnetta und allenfalls Fernandes im Mittelfeld, Frei, Nkufo und Streller im Angriff.
Nirgends sind die Besetzungsprobleme grösser als in der Defensive. Stephan Lichtsteiner ist unbedrängt, obschon seine taktischen Fertigkeiten weiterhin begrenzt sind. Philippe Senderos ist gesetzt, obschon er auch bei Everton selten spielt. Hitzfeld setzt auf seine Ausstrahlung, seine Persönlichkeit und seine Gabe, in der Kabine laut zu werden. Irgendwann rutscht ihm aber auch der Satz heraus: Da spiele einer im Klub nur dreimal im Jahr und sei im Nationalteam schon Leistungsträger, «das ist bedenklich». Das verdeutlicht sein Dilemma, einen Partner für Stéphane Grichting zu finden. Dass der unscheinbare Steve von Bergen schon jetzt einen Platz im WM-Aufgebot zugesichert hat (sofern nichts weiter passiert), ruft erst recht nach der Frage, die Hitzfeld selbst stellt: Wer kann die Alternative sein?
Das Rätsel Barnetta
Der 19-jährige Jonathan Rossini ist das zumindest vorderhand nicht, in St. Gallen war er überfordert. Und sonst? Heinz Barmettler, Mario Eggimann, allenfalls Johan Djourou, wenn er sich von seiner Knieverletzung erholt und noch ein paar Spiele mit Arsenal machen darf? Keine dieser Varianten überzeugt momentan.
Und noch eine Frage: Wer verteidigt links? Reto Ziegler enttäuschte in St. Gallen, weil er fahrig war. Christoph Spycher fehlte die Überzeugung. Vor allem deshalb redet Hitzfeld von Ludovic Magnin als einem von zwei Linksverteidigern, die er zur WM mitnimmt. Aber was für ein Magnin? Der am Samstag beim Match des FC Zürich in Bern mit seinem Rundschlag den Ausgleich verschuldete, der zur Selbstüberschätzung neigt?
Im Mittelfeld sind unter normalen Umständen drei Positionen an Gökhan Inler (ballsicher, ruhig), Benjamin Huggel (physisch stark, erfahren) und Valon Behrami (laufstark, engagiert) vergeben. Tranquillo Barnetta dagegen bleibt ein Rätsel. So populär er bei der Jugend ist, so enttäuschend sind seine Länderspiele. Seit dem Herbst 2007 hat er nicht einmal überzeugt. Der junge Xherdan Shaqiri ist bei weitem keine Alternative zu ihm, darum versuchte Hitzfeld gegen Uruguay auch Behrami auf der linken Seite.
Derdiyok sieht sich schon als Star
Hitzfeld sagt am Tag danach: «Ich bin ein wenig sauer über ein paar Leistungen.» Was nicht elegant formuliert sein mag, ist eine Kritik, die von ihm in der Öffentlichkeit ungewohnt klar ist. Wen er konkret meint, behält er für sich. Der Verdacht ist, dass er von Ziegler, Spycher, Barnetta oder nicht zuletzt auch von Eren Derdiyok redet.
Derdiyok trat nicht wie Marco Streller auf, der hart arbeitete und immerhin den Elfmeter herausholte. Derdiyok gefiel sich lieber darin, die Bälle zu verlieren und stehen zu bleiben. Offenbar versteht er sich nach ein paar Toren für Bayer Leverkusen schon als Star. Bei der WM wird er so höchstens ein Star auf der Ersatzbank sein. Frei und Nkufo lässt Hitzfeld im Angriff unangetastet.
Das Reizthema Yakin
Bis zum 11. Mai müssen alle Nationaltrainer der Fifa eine erste Liste mit 30 Namen melden. Möglich ist, dass sich Hitzfeld bis dahin schon auf die 23 Spieler festlegt, mit denen er an die WM will. Die grosse Entdeckung wird es kaum mehr geben. Der Mittwoch hat gezeigt, wie gross für 18-, 19-Jährige der Unterschied zwischen Serie B oder Super League und dem Nationalteam ist. Die robusten Uruguayer waren ein Gradmesser, der allen die Augen öffnen muss, wie schwierig es für die Schweiz im Juni sein wird.
Auf den Positionen 14 bis 23 hat es nicht nur für zwei Linksverteidiger Platz, sondern es kann ihn auch für Leoni, Padalino, Schwegler, Bunjaku, Vonlanthen, vielleicht Stocker, Chiumiento und Yakin geben. Hakan Yakin ist für die einen Lieblingsthema, für die anderen Reizwort. Mehr als ein 15-Minuten-Joker würde er in Südafrika kaum sein, mehr traut ihm Hitzfeld nicht zu. Aber die Extravaganz, ihn aufzubieten, könnte sich der Coach leisten. Keiner hat Yakins linken Fuss. Ein wenig Farbe und Genialität tun dieser Mannschaft nur gut. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.03.2010, 12:30 Uhr


