Deniz Aytekin, der wahre Held von Barcelona

Neymar, Sergi Roberto, Luis Suarez, der alte Schummel-Uru? Nein, der Schiedsrichter hat das Wunder von Barcelona erst möglich gemacht.

Drei Tore ab der 88. Minute, wobei der Schiedsrichter beim Penalty mithalf: Die verrückte Schlussphase im CL-Knaller.
Video: SRF

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Nein, natürlich durfte er mal wieder nicht auf seine eigentlich wohlverdiente Ehrenrunde. Niemand hat ihm zugejubelt, keine Groupies wollen ein Kind von ihm. Ja, als alles vorbei war, wurde er sogar um das sonst übliche Händeschütteln im Fokus der TV-Kameras gebracht. Weil der Rest der Welt um ihn herum gerade mit anderem beschäftigt war. Mit ekstatisch irrem Herumgerenne und Gehopse zum Beispiel. Oder damit, den Tag zu verfluchen, an dem der Fussball erfunden worden ist.

Deniz Aytekin ist der einsame Held des Camp Nou. Der Mann, ohne den das Wunder von Barcelona nicht möglich geworden wäre, dieser Wahnsinn eines 6:1 zwischen Barça und Paris St-Germain.

Diese Geschmeidigkeit, diese lässige Geste: Deniz Aytekin in voller Aktion. (Bild: Reuters)

Natürlich, es sind schon andere auf Luis Suarez hereingefallen. Auf den alten Schummel-Uru, der am Zürcher HB wohl von einer Horde Pendler zu Tode getrampelt würde, weil er so sensibel ist, dass er stets schon bei der leichtesten Berührung schwer getroffen zu Boden gehen muss.

Wie viele Stunden muss man üben, bis man so perfekt fällt?

Aber ist nicht auch jeder tiefe Fall eine Chance? Selbst wenn er von einem in Uruguay für seine Fertigkeit bewunderten Flugkünstler inszeniert wird? Aytekin jedenfalls hat die Gelegenheit beim Schopf gepackt.

Hatten denn die Katalanen in dieser 90. Minute wirklich so gewirkt, als glaubten sie selbst noch daran, dass sie hier die vielleicht grösste Aufholjagd der Champions-League-Historie hinlegen würden? Nein. Sie brauchten diesen Pfiff, diese moralische Spritze Aytekins, die ihnen erst die Schwingen wachsen liess, mit denen sie die Pariser noch überflügelten, die in Gedanken schon die Kugeln der Viertelfinal-Auslosung rollen sahen.

Und hat man schon einen lässiger gepfiffenen Elfmeter gesehen? Da ist kein Zögern, kein Beschleunigen, keine Hektik zu sehen bei Aytekin. Nein, der Deutsche joggt, er blickt, er pfeift, er joggt weiter. Diese Geschmeidigkeit, diese nonchalante Geste – ein Penaltypfiff aus einem Guss.

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Irgendwann wird er kommen, der Video-Schiedsrichter, der solche Elfmeter verhindert. Es ist der Moment, an dem sich Suarez wohl beleidigt in den vorzeitigen Ruhestand verabschieden wird, weil er sich einer seiner künstlerischen Freiheiten beraubt sieht. Es wird aber auch der Tag sein, an dem wir uns von solchen Geschichten verabschieden müssen, wie sie diese völlig durchgeknallte Nacht im Camp Nou geschrieben hat.

Dann wird ein solches Spiel einfach 4:1 enden. Wir würden keinen Unai Emery sehen, der am Spielfeldrand weint. Keinen Luis Enrique, dessen Backen leuchten wie bei einem kleinen Buben an Weihnachten. Keinen Sicherheitsmann, der einen anderen Sicherheitsmann packen muss, weil der gerade dabei ist, Lionel Messi in seinen wuchtigen Armen zu erdrücken.

Deniz Aytekin wird nicht bewusst gewesen sein, dass sein Penaltypfiff dereinst in die Geschichte eingehen wird als vielleicht letztes Fanal eines endenden Zeitalters: jenes der epischen Schiedsrichter-Fehlentscheidungen, deren unbestrittener Held der Basler Gottfried Dienst mit seinem Wembley-Tor bleiben wird. Nein, Deniz Aytekin wird sich das nicht überlegt haben.

Aber er hat gepfiffen. Nur das zählt.

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(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.03.2017, 12:04 Uhr

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