Der Wert eines Reinfalls

Die Schweizer Fussballer beweisen beim 0:1 in Irland, wie es an der EM unter keinen Umständen geht.

Vergeblich gestikuliert und dirigiert: Die Spieler von Nationalcoach Vladimir Petkovic enttäuschten in Dublin in jeder Hinsicht.

Vergeblich gestikuliert und dirigiert: Die Spieler von Nationalcoach Vladimir Petkovic enttäuschten in Dublin in jeder Hinsicht. Bild: Keystone

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Es sollte kein harmloses Freundschaftsspiel werden, sondern ein harter, aussagekräftiger Test. Ein Abend zum Sammeln guter Gefühle, wie es sich Torhüter Yann Sommer wünschte. Der Abend in Dublin wurde tatsächlich aussagekräftig, allerdings nicht so, wie es sich die Schweizer, allen voran ihr Trainer Vladimir Petkovic, gewünscht hatten. Die Erkenntnis war schmerzlich und hiess: So brauchen sie im Sommer gar nicht erst an die Europameisterschaft zu fliegen.

Nach einer Unaufmerksamkeit von Timm Klose, einem Kopfball von Ciaran Clark und 113 Sekunden war der Match bereits entschieden. Die restlichen 96 Minuten im Aviva Stadium reichten nicht mehr zur Korrektur. Auch das war bezeichnend für die Schweizer. Sie hatten keine klare Torchance, nicht eine einzige, selbst gegen eine völlig neu formierte irische Gruppe.

«Ich habe mir trotz der Probleme mehr erwartet»

Hinterher sitzt Petkovic im Presseraum, äusserlich gefasst, aber für seine Verhältnisse recht kritisch. Nicht, dass er gleich den Stab über seinen Spielern bricht, schliesslich braucht er sie noch. Aber wenn er nun sagt, es brauche «eine gewisse Steigerung an Charakter», heisst das auf den Punkt gebracht nur, wie schlecht ihre Einstellung war, wie mangelhaft ihre Bereitschaft, diesen Match als das zu nehmen, was er zumindest für Petkovic war.

Präsenter sein, härter in den Zweikämpfen, sich mehr aufdrängen, zielstrebiger, produktiver sein – auch das sind Feststellungen des Trainers nach der fünften Niederlage in seinem 16. Spiel, der vierten ohne eigenes Tor. Das Ergebnis darf angesichts der aktuellen Befindlichkeiten diverser Spieler allerdings wenig überraschen. Die Probleme einzelner Spieler seien ihm bewusst gewesen, sagt denn auch Petkovic.

Wobei einzelne für viele und vieles steht. Für die fehlende Selbstsicherheit von Timm Klose, die fehlende Form von Fabian Schär, die fehlende Überzeugungskraft von Blerim Dzemaili, der bei einem Spiel von Anfang an ein weiteres Mal durchgefallen ist, die fehlende Ausstrahlung von Haris Seferovic und Admir Mehmedi, für Leistungen weit unter normalem Niveau wie im Fall von Ricardo Rodriguez, Valon Behrami und Granit Xhaka. Da ist ein bisschen viel auf einmal zusammengekommen und hat zu diesem emotionslosen, leidenschaftslosen, ideenlosen, kurz: miserablen Auftritt geführt. Petkovic sagt aber: «Ich habe mir trotz der Probleme mehr erwartet.»

Das lange Warten auf ein Tor von Seferovic und Co.

Dafür hätte es nur schon etwas von dem Willen gebraucht, den es zwischen dem 11. und 19. Juni in Frankreich braucht, um gegen Albanien, Rumänien und Frankreich die Gruppenphase zu überstehen. Um es nochmals zu erwähnen: Petkovic möchte da nicht mit Hängen und Würgen weiterkommen, sondern schon nach den ersten beiden Spielen im Achtelfinal stehen. Es ist, Stand jetzt, eine verwegene Vorstellung.

Immerhin bleiben noch ein paar Tage Zeit zur Korrektur und drei weitere Probeläufe, der erste am Dienstag in Zürich gegen Bosnien-Herzegowina, und es wird interessant zu sehen sein, wie diese Mannschaft reagiert, ob sie es überhaupt tut – oder ob die Spieler nicht doch schon an das folgende Wochenende denken, an die Einsätze mit ihren Clubs, in denen es um Titel, Plätze im Europacup oder den Kampf gegen den Abstieg geht.

Stephan Lichtsteiner sollte wieder zur Verfügung stehen, mit seiner Hartnäckigkeit und Antriebskraft ist er sehr willkommen. Xherdan Shaqiri könnte, sofern er nun genug geschont ist und Lust hat, seinen Wert für diese Gruppe unter Beweis stellen. Xhaka müsste zeigen, dass er auf seinem geliebten Platz im Zentrum wirklich dominanter auftreten kann als drei, vier Meter weiter links. Oder verschiedene Offensivspieler könnten wieder einmal ernsthaft den Versuch unternehmen, einen Treffer zu erzielen, egal ob im Verein oder im Nationalteam.

Die aktuelle Bestandesaufnahme bei Seferovic, Mehmedi und auch bei Breel Embolo ergibt ein höchst unerfreuliches Bild. Seferovic: letztes Tor vor vier Monaten, Mehmedi: letztes Tor vor vier Monaten, Embolo: letztes Tor vor viereinhalb Monaten. Im Nationalteam haben sie teilweise noch länger nicht getroffen. So gesehen tut der Ausfall von Josip Drmic wegen seines Knorpelschadens im Knie besonders weh. Seine vier Tore sind eine unerreichte Ausbeute im vergangenen Länderspieljahr der Schweiz.

Zum Ende des Abends will ein irischer Journalist von Petkovic noch wissen, ob er Gökhan Inler vermisst habe. Und Petkovic sagt: «Wenn er in Form ist, ist er wichtig für jede Mannschaft. Heute hat er nicht gespielt. Sonst gibt es dazu keinen weiteren Kommentar.» Der vorderhand ausgemusterte, langjährige Captain Inler ist immerhin der einzige Schweizer, der an diesem Abend nicht verloren hat.

Weitere Termine

Sonntag: Training in Jona

Montag: Geschlossenes Training im Letzigrund

Dienstag: Schweiz - Bosnien-Herzegowina in Zürich (20.30 Uhr)

22. Mai – 3. Juni: Trainingslager im Tessin

28. Mai: Schweiz - Belgien in Genf

31. Mai: 23-Mann-Kader muss gemeldet werden

3. Juni: Schweiz - Moldawien in Lugano

6. Juni: Abreise nach Montpellier

EM-Endrunde (10. Juni – 10. Juli)

11. Juni: Albanien - Schweiz in Lens

15. Juni: Schweiz - Rumänien in Paris

19. Juni: Schweiz - Frankreich in Lille (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 27.03.2016, 11:13 Uhr)

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