Sport

Der internationale Mensch im FCZ-Tor

Von Peter M. Birrer. Aktualisiert am 24.07.2010

Andrea Guatelli kann Johnny Leoni ablösen – wenn ihm am Sonntag im Letzigrund gegen die Grasshoppers ein gutes Derby gelingt.

Lebemann mit einer Spur Verrücktheit: Der 26-jährige Italiener Andrea Guatelli ist seit 2007 beim FC Zürich.

Lebemann mit einer Spur Verrücktheit: Der 26-jährige Italiener Andrea Guatelli ist seit 2007 beim FC Zürich.
Bild: Beat Marti

Schnell genug konnte es in jungen Jahren nicht gehen, Geduld war ein Fremdwort. Was der Mann im Kopf hatte, wollte schleunigst umgesetzt sein. So sagt er es selber. Und schmunzelt.

Andrea Guatelli sitzt auf einer Treppe vor der Saalsporthalle im Schatten, der Zahnarzt wartet bald auf ihn, aber das ist jetzt nicht das Thema. Guatelli, 26, Italiener, berichtet von früher, als er mit allen Mitteln darauf drängte, vorwärtszukommen. Dann korrigiert er bald einmal das Bild, das man von ihm bekommen könnte. Er mag schöne Autos, er kleidet sich so, wie es die aktuelle Mode vorschreibt, und ja, sagt er, er liebe es zu leben, er möge die schönen Dinge des Alltags, «und daraus wird manchmal abgeleitet: Guatelli ist ein überheblicher Kerl. Aber ich bin das Gegenteil».

Sein Beruf hat Guatelli den Weg nach Zürich gewiesen. Seit 2007 ist er Angestellter des FCZ, in den dreieinhalb Jahren meist nur unter der Woche beschäftigt, in den Trainings. An den Spielen war für ihn ein Stammplatz auf der Ersatzbank reserviert. Guatelli akzeptierte klaglos, dass es ihm noch nicht reichte, Johnny Leoni ernsthaft zu bedrängen. Er hörte oft, wie talentiert er sei, das musste als Trost genügen. Und als ihm doch einmal die Gelegenheit geboten wurde, auf prominenter Bühne den Nachweis zu erbringen, wäre er vermutlich an Ort und Stelle am liebsten im Erdboden des Strafraums versunken: In der Qualifikation zur Champions League 2009 hielt er gegen Maribor keinen Ball. Jetzt fluchten und schimpften sie über ihn. Nach Ausreden suchte Guatelli nicht, weil es keine gab, er sagte: «Als Fan hätte ich mich auch über diesen Torhüter aufgeregt. Das war ein Albtraum!»

Die Lehrjahre in Portsmouth

Guatelli, ein Anhänger von Juventus und Liverpool, wuchs in Parma auf, die lokale AC wurde bald sein Klub. Er stellte sich ins Tor und schaffte es bis zur Nummer 3 der ersten Mannschaft, 17 war er damals erst. Die schweren Finanznöte des Klubs zwangen ihn zum Abschied. Guatelli ging nach Portsmouth, für ihn fingen jetzt die richtigen Lehrjahre an. Drei Saisons blieb er. Auf ihn hatten sie im Süden Englands nicht gewartet, aber Guatelli lernte zu beissen und kam zur Erkenntnis: «Du musst mehr investieren, um dir Einsätze zu verdienen.» Er spielte selten, aber er streifte seine Ungeduld ab, die ihn in jungen Jahren charakterisiert hatte. «Ich musste mich ändern», sagt er, «ich musste mich anpassen und ruhiger werden.»

Spielen wollte er trotz neuen Eigenschaften nach wie vor. Locarno war die nächste Station, aber für Stefano Gilardi, Präsident der Tessiner, war Guatelli zu Höherem berufen als für die Challenge League. An einer Präsidentenkonferenz in Bern empfahl er den Torhüter dem FCZ. Die Zürcher luden ihn zum Training ein, befanden ihn für geeignet und gaben ihm einen Vertrag.

Die Verantwortlichen schwärmten von ihm, Präsident Ancillo Canepa an vorderster Front. Sie sparten auch nicht mit netten Worten, weil der Italiener ein Vorbild an Loyalität war und im Training zu den Fleissigsten zählte. Guatelli hielt sich an sein Gebot: «Ich trainiere nicht mit dem Mund.»

Kein schlechtes Wort verlor er über Leoni, dazu hielt ihn der Respekt an. «Johnny war unser Goalie, als wir Meister wurden. Er gehörte zum WM-Aufgebot der Schweiz, da steht es mir sicher nicht zu, mich negativ zu äussern, auch wenn ich das Gefühl hätte, besser zu sein als er», sagt Guatelli, und sowieso: «An dieser Diskussion um die Nummer 1 und Nummer 2 beteilige ich mich nicht. Zehn Jahre will ich nicht warten müssen, das ist logisch. Aber das Leben ist gerecht, mein Aufwand wird sich schon noch auszahlen.»

Die Prognose von Bickel

Vielleicht ist dieser Zeitpunkt jetzt gekommen, Guatelli jedenfalls kann sein Schicksal nun steuern. Er darf gegen GC wieder ins Tor, weil er gegen Basel die Aufgabe so löste, dass Vorwürfe nicht angebracht gewesen wären. Vor einem Jahr noch war die Hierarchie unverrückbar: Leoni vor Guatelli, keine Diskussion. Leoni ist jetzt, nach der WM, erst mit Verspätung zurückgekehrt. Und Guatelli kann im Derby gegen GC zeigen, dass er aufgeholt und überholt hat. «Es liegt nur an ihm», sagt Trainer Urs Fischer, der in dieser Frage auf Martin Brunner hört. Sein Vertrauensmann in Sachen Goalies empfiehlt ihm auch, sich bald auf eine fixe Nummer 1 festzulegen: «Das ist wichtig, weil ein Torhüter auch einmal einen Fehler machen darf, ohne danach gleich wieder auf die Ersatzbank gesetzt zu werden.» Sportchef Fredy Bickel stellt klar: «Wenn Guatelli gute Leistungen abliefert, wird es schwierig für Leoni.»

Guatelli hat sich abgewöhnt, sich zu viele Gedanken zu machen, was die Zukunft bringen könnte und müsste. Sosehr er sich manchmal nach dem Duft seiner Heimat sehnt, sosehr er sich gelegentlich über verschlossene Schweizer wundert, so sehr kann er sich vorstellen, seine Laufbahn mit bunten Kapiteln zu erweitern. Er reist gern, er war in Argentinien und in den USA, seine Abenteuerund Reiselust ist ungebrochen. «Ich bin ein internationaler Mensch», sagt er und versteht darunter auch seine Charakterzüge, die er sich in den letzten Jahren angeeignet hat. Mit Italien verbindet ihn sein bevorzugter Lebensstil. England machte ihn zum sportlichen Kämpfer. Und der Schweiz verdankt er Disziplin.

Eine Spur Verrücktheit ist ein Merkmal des Italieners, dessen Verlobte in London lebt. Der sich an freien Tagen gern ins Auto setzt und nach Parma fährt und vom Sportchef zu hören bekommt, dass er diese Zeit besser zur Entspannung nutzen würde. Der in Zürich ausserhalb des Letzigrunds nicht lange brauchte, um seinen Bekanntheitsgrad zu erhöhen. «Guatelli mag Menschen. Er kennt unglaublich viele Leute, überall», sagt Fredy Bickel.

Das schlimme 0:4

Guatelli kennt auch die Grasshoppers, und vor allem hat er nicht vergessen, wie der FCZ vom Rivalen letzte Saison gedemütigt wurde. «0:4!» ruft er, «das war schlimm!» Morgen Sonntag muss er nicht tatenlos zuschauen wie am 6. Mai, als der FCZ vorgeführt wurde. «Wir müssen im Strafraum des Gegners böser werden», fordert er. Gleichzeitig ist er auch der Individualist im Kollektiv: «Ich muss als Goalie ein Interesse daran haben, kein Tor zu erhalten.»

Es würde die Wahrscheinlichkeit erhöhen, auch in einer Woche gegen Sion im Tor zu stehen. Und für seine Geduld belohnt zu werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.07.2010, 15:08 Uhr

Programm & Resultate

Freundschaftsspiel
EndeSpanien - Serbien2:0
EndeSchweiz - Deutschland5:3
EndeNorwegen - England0:1
Playoff
EndeSion - Aarau3:0
Stand: 26.05.2012 20:56
Brussels Ladies Open
26.05EndeRadwanska - Halep7:5 6:0
Stand: 26.05.2012 17:02
GP Monaco 2012 - Qualifikation
1:14.3011 Michael Schumacher
1:14.3812 Mark Webber
1:14.4483 Nico Rosberg
Stand: 27.05.2012 15:24
Keine Daten vorhanden
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Roland Garros
27.05Live Cipolla - Wawrinka3:6 3:6 6:4 4:2
Stand: 27.05.2012 15:22
Keine Daten vorhanden
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Playoff
17:00Aarau - Sion
Stand: 25.05.2012 09:25
Roland Garros WTA
28.0511:00Radwanska - Jovanovski
Roland Garros
28.0511:00Djokovic - Starace
28.0511:00Bolelli - Nadal
28.0511:00Federer - Kamke
Stand: 25.05.2012 15:24
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