Der teuerste Arbeitslose der Fussballwelt
Von Peter Burghardt, Buenos Aires. Aktualisiert am 08.02.2012
Artikel zum Thema
Am Samstag betrat er wieder sein Lieblingsstadion, immerhin. Carlos Tevez war Gast beim Abschied seines Freundes Martín Palermo von Boca Juniors und dem Fussball, wenn auch nur als Zuschauer. «Willkommen zu Hause», schrieb das Sportblatt «Olé». «Lass die Engländer, komm zu uns», sangen die Fans. Früher war die Betonschüssel La Bombonera, die Pralinenschachtel, auch Tevez' bebende Bühne gewesen. Carlitos nennen sie ihn und Apache, sein Sturmlauf durchs Leben begann in der Monoblocksiedlung Fuerte Apache am Rande von Buenos Aires. Ein bisschen Heimat tut ihm jetzt gut, obwohl er sich bereits seit drei Monaten in Argentinien verschanzt. Denn Carlos Tevez, seit Sonntag 28 Jahre alt, ist der verlorenste Profi und teuerste Arbeitslose der Fussballwelt.
Die misslungene Scheidung
Sein Drama begann in München mit Manchester Citys Duell mit Bayern in der Champions League. Reservist Tevez blieb am 27. September 2011 auf der Bank sitzen, als Trainer Roberto Mancini ihn einwechseln wollte. Ein Missverständnis, beteuerte er später und entschuldigte sich bei den Fans. Der Verein schloss ihn zwei Wochen lang vom Training aus und verlangte 1,1 Millionen Euro, die Strafe wurde nachher von der Spielergewerkschaft auf 478 000 Euro gesenkt. Am 7. November flog der vormalige Captain dann ohne Genehmigung an den Rio de la Plata, weitere Bussgelder folgten. Unterdessen soll er 11 Millionen Euro verloren haben, sein Wochenlohn beträgt annähernd 200 000 Euro.
Längst verachten sich Manchester City und der Angestellte Tevez gegenseitig, nur die Scheidung misslang bisher. Die Engländer holten Landsmann Sergio Agüero und behielten Tevez. Seinen letzten von 69 Einsätzen mit 43 Toren absolvierte der frühere Schwarm des Publikums am 18. September gegen Fulham, bald fünf Monate ist das her. Milan, Inter Mailand, Paris Saint-Germain, Barcelona, Liverpool und Corinthians kamen als Exil in Frage, doch die Transferfrist in Europas Spitzenligen verstrich am 31. Januar.
5-mal verkauft, 3-mal verliehen
Es geht im Fall von Carlos Tevez um viel Geld. Marktwert 40 Millionen Euro, Jahresgehalt fast zehn Millionen Euro. Der Preis war rasant gestiegen, weil der Stürmer einerseits oft getroffen hatte und andererseits Teil mysteriöser Dreiecksgeschäfte wurde. Fünfmal verkauft, dreimal verliehen. Seine Rechte gehörten dem Fonds Media Sports Investments (MSI) des Iraners Kia Joorabchian sowie georgischer und russischer Oligarchen wie Putin-Feind Boris Beresowski. Registriert war MSI auf den British Virgin Islands, gemanagt in Gibraltar. «Der Superstar in seinem goldenen Käfig», schrieb der «Guardian». «Eine der verblüffenderen Geschichten des modernen Spiels.» Ein Krimi.
Anlageobjekt Tevez zog 2004 von den Boca Juniors zum MSI-Verein Corinthians nach São Paulo. Ablöse 17 Millionen Euro, Südamerika-Rekord. 2006 liehen ihn MSI/Corinthians und Teilhaber Just Sports Inc an West Ham United aus, seine Tore retteten die Londoner vor dem Abstieg. Die Premier League bestrafte den Offshoredeal, West Ham zahlte. Manchester United übernahm Tevez 2007 mit einem weiteren bizarren Leasingvertrag für 5 Millionen Euro, 2009 dann Lokalrivale City. City-Scheich Mansour bin Zayed al Nahyan aus Abu Dhabi überwies 54 Millionen Euro an Joorabchians neue Firma Harlem Springs, die Tevez vorher für 29 Millionen Euro erworben hatte. Joorabchian, auch Tevez Berater, gewann 15 Millionen Euro. Beresowski klagt auf seinen Anteil.
Dem englischen Wetter trotzend
Verwirrend? Der Apache blieb zunächst cool, angeblich. Trotz englischen Regenwetters und schlechter Restaurants. Immer die Nummer 32 auf dem Rücken. Er wurde einer der wenigen Argentinier, den Brasilianer und Briten verehrten. In Argentinien ist Tevez beliebter als Messi. «Der Spieler des Volkes», verfügte Diego Maradona. Was für ein Aufstieg aus dem Betondschungel. Olympiasieg, Europacup, Copa Libertadores, zweimal englischer Meister.
Und nun der Absturz? Indianer kennen keinen Schmerz, dafür hat Carlitos zu viel erlebt. Seine Mutter verbrühte den Buben mit kochendem Wasser, das Narben am Hals hinterliess. Die Zähne sehen aus wie bei Dracula. Aber es ging ihm schon besser als jetzt. «Die Situation ist komisch. Ich wollte ja weg und hatte auch Angebote aus anderen Ligen wie der spanischen oder italienischen. Aber letztlich klappte es nicht, weil City keines der Angebote akzeptierte» – will das Sportmagazin «Kicker» gehört haben, was der Tevez-Clan indes bestreitet. Tevez schweigt, spielt Golf und besucht den Folksänger La Mona.
Boca wäre bereit – aber gratis
Manchester City könnte ihn weitere sechs Monate zuschauen lassen, bis zur nächsten europäischen Transferzeit. Wobei Mancini jüngst kryptische Friedenssignale funkte: «Wenn Carlos zurückkehrt und fit ist, ist ein Einsatz denkbar. Ich hoffe, dass er in den letzten drei Monaten etwas für seine Kondition getan hat.» Oder es erbarmt sich doch Corinthians. Oder Boca, die erste Liebe. Gerne, sagt deren Präsident, aber bloss gratis. Spielmacher Riquelme fantasierte: «Wenn wir Boca-Fans Geld auf den Tisch legen müssen, dann tun wir das. Ich sage ihm, er soll zu uns kommen.» Carlitos Tevez, der Apache ohne Jagdgründe. Der Spieler des Volkes ohne Verein. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.02.2012, 08:52 Uhr



