Die Botschafter aus Dakar

Die Senegalesen Sangoné Sarr und Moussa Koné träumen von einer grossen Karriere. Heute streben sie mit dem FCZ den Sieg in der Europa League an.

Der Balljäger und der Torjäger: Sangoné Sarr (links) und Moussa Koné, die vom FCZ aus das Fussball-Europa erobern wollen. Foto: Esther Michel

Der Balljäger und der Torjäger: Sangoné Sarr (links) und Moussa Koné, die vom FCZ aus das Fussball-Europa erobern wollen. Foto: Esther Michel

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Mitte Dezember werden sie heimkehren für ein paar Tage, heim nach Senegal, und sie stellen sich darauf ein, dass in Dakar viel los sein wird dort, wo sie wohnen. Sangoné Sarr und Moussa Koné ­haben es als Fussballer nach Europa ­gebracht, und wer das schafft, wird ­bewundert. «Manchmal», erzählt Koné, «stehen 100 Kinder vor meiner Haustür, die ein Autogramm haben oder mich nur sehen wollen.» Sarr sagt: «Wir sind für sie Vorbilder.» Für ihre Freunde und Verwandten werden sie wieder Dutzende FCZ-Trikots mitbringen, «sonst sind sie sehr enttäuscht», sagen sie.

«Manchmal stehen 100 Kinder vor meiner Haustür, die ein Autogramm haben oder mich nur sehen wollen.»Sangoné Sarr

Sarr (24) und Koné (19) befinden sich auf einer Reise, auf der es in ihren ­Vorstellungen keine Grenzen gibt. Beim FCZ machen sie halt, die Challenge League ist derzeit ihre Bühne, aber Ziel ist eine der grossen Ligen in Europa. Ihr Favorit ist die Premier League in England.

Sarr, der Aufsteiger

Sangoné Sarr war als Kind fasziniert von Zinédine Zidane, aber er trägt am liebsten ein Trikot von Manchester United mit der 10 auf dem Rücken. Er war immer schon Fan dieses Clubs, seit dem Gewinn der Champions League 2008 mit Cristiano Ronaldo noch mehr, «das ist einfach mein Team», sagt er. Und drückt die Handfläche auf die linke Brust.

In seinem Quartier fängt er an zu ­kicken, kommt in eine Fussballschule, merkt, dass er Talent hat und unterschreibt mit 18 seinen ersten Vertrag als Profi. Ende 2012 wechselt er zur AS ­Pikine, einem Verein in der Region von ­Dakar. Er nutzt die Plattform, um sich für den europäischen Markt interessant zu machen, und als der FC Zürich sich meldet, denkt Sarr: «Das ist es.»

Als er im Februar 2015 in die Schweiz reist, ist es empfindlich kalt, zum ersten Mal sieht er Schnee. Das Klima, das Land, der Fussball – alles ist neu. Er braucht eine taktische Ausbildung und muss physisch robuster werden oder, wie er sagt: «Ich habe zuerst verstehen müssen, wie in der Schweiz gespielt wird.»

Sarr fühlt sich akzeptiert, das schon, aber es gibt Momente, in denen ihm das Leben in der Fremde nicht leicht fällt. Nur: Aufgeben, das ist keine Option. «Das kann ich meiner Familie nicht antun. Sie soll stolz auf mich sein dürfen.» Also beisst er sich durch. Steckt eine Schulterverletzung weg, die ihn zu einer zweimonatigen Pause zwingt. Akzeptiert, dass er oft nur zuschauen darf. Und erlebt, als der FCZ eben abgestiegen ist, einen Schlüsselmoment. Sarr erzielt das Tor zum Cupsieg gegen Lugano.

«Ich habe meine Zeit gebraucht, um mich anzupassen. Aber es hat sich gelohnt, nicht aufzugeben.»Moussa Koné

Forte ist für Sarr bereits der dritte Trainer in Zürich – und derjenige, der auf den Afrikaner setzt: «Sangoné hat einen sehr grossen Entwicklungssprung gemacht. Die Fehlpassquote ist zwar noch zu hoch, aber er gefällt mir mit ­seiner unerschütterlichen Art, Bälle zu erobern.» Sarr ist aufgeblüht und zugänglicher geworden, Forte nennt ihn «ein fröhliches Gemüt», hat aber gehört, dass es nicht immer so war. Ihm wurde ­berichtet, dass der Spieler manchmal verschlossen wirkte und mit hängendem Kopf durch die Gegend lief. «Ich habe meine Zeit ­gebraucht, um mich anzupassen», sagt der zweifache Nationalspieler, «aber es hat sich gelohnt, nicht aufzugeben.» ­Inzwischen hat der Stammspieler seinen Vertrag bis 2020 verlängert.

Koné, der Unbekümmerte

In den vergangenen Monaten hat sich der 24-Jährige auch um seinen Landsmann Moussa Koné gekümmert, der Ende Jahr erst 20 wird. «Wie ein grosser Bruder», lobt Koné. Er ist der quirlige Stürmer, der weit weniger schüchtern wirkt als Sarr, er ist der Unbekümmerte und Humorvolle, aber auch Ehrgeizige: «Ich bin bereit zu lernen. Schliesslich will ich weit kommen.»

In seiner Jugend war Real Madrid der Club seines Herzens, und begeistert ist er von Ronaldo, dem Brasilianer. Als Knirps beginnt er zu kicken, bringt die reguläre Schule hinter sich und verschärft dann das Tempo. Mit 16 wird er Profi, bald erzielt er seine ersten Tore in Senegal und nimmt 2015 an der U-20-WM in Neuseeland teil. Marseille interessiert sich für ihn, Lyon ebenfalls, aber die Verhandlungen scheitern. Ein Schweizer Agent vermittelt ihn Mitte ­Oktober 2015 nach Zürich.

103 Minuten, verteilt auf 4 Spiele, erhält er in der Saison, in der sich der FCZ aus der Super League verabschieden muss. In der Challenge League sind es bislang 240 Minuten in 7 Partien, in denen er 5 Tore erzielt hat. Dazu kommen 170 Minuten in der Europa League mit einem Treffer. Besonders liebt er es, nach Toren mit den Zuschauern zu jubeln wie in Wohlen im Stil eines Popstars mit einem Sprung in die Massen. Als ihm gegen ­Steaua Bukarest kurz vor Schluss das 1:1 gelingt, ist er besonders glücklich. In Senegal hat er die Champions League und Europa League am TV mitverfolgt und oft gedacht: «Da will ich selber einmal dabei sein.» Nun hofft er, dass er sich heute gegen Villarreal wieder zeigen darf.

Mit dem Zug ins Training

Koné plagte nie Heimweh, und auch er fühlt sich in der Verantwortung seiner Familie gegenüber. «Die Leute daheim zählen auf uns», sagt er, «wir sind so etwas wie Botschafter.» Und Koné, der anfänglich noch «vogelwild» (Forte) war, hat an taktischem Verständnis zugelegt. Noch setzt ihn der Trainer dosiert ein, noch ist für ihn Koné nicht so weit, dass er Spiel um Spiel bestreiten kann, aber für Forte steht fest: «Er wird nicht zehn Jahre beim FCZ bleiben.» Vertraglich ist er bis 2018 gebunden, und so sehr Koné vom persönlichen Aufstieg träumt, so sehr betont er auch: «Ich bin hier gut aufgehoben.»

Er lebt nicht mehr wie am Anfang in einer WG mit Sarr, sondern allein in Adlis­wil. Gemeinsam ist ihnen, dass sie mit dem Zug zum Training fahren, solange sie noch nicht den Schweizer Fahrausweis besitzen. Für Sarr, der in Horgen wohnt, steht die Prüfung im Dezember bevor – Koné will sie im neuen Jahr ablegen. Das hat in ihrem Denken derzeit aber nicht Priorität. Heute ist Villarreal in der Europa League zu Gast, und dem FCZ bietet sich die Chance, auch 2017 noch in diesem Wettbewerb vertreten zu sein.

Eine Qualifikation für die nächste Runde würde zweifellos dafür sorgen, dass das Duo bei seinem baldigen ­Besuch in Dakar noch einiges mehr zu erzählen hätte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.11.2016, 21:19 Uhr

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