«Die Champions League ist kein Wunschkonzert»
Von Peter Bühler. Aktualisiert am 25.08.2009
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Johan Vonlanthen, seit vier Wochen sind Sie beim FCZ und haben sich bereits in den Vordergrund gespielt. Drei Tore in der Meisterschaft, zwei im Europacup . . .
. . . das ist nicht schlecht, aber für mich kommt das nicht unerwartet. Ich habe in Salzburg mit Red Bull eine gute Saisonvorbereitung gemacht; ich war in den Testspielen immer dabei und habe gut gespielt.
Dann waren Sie beim neuen Trainer Huub Stevens plötzlich nicht mehr erwünscht?
Ich denke, Stevens hätte mich gerne behalten. Aber der Sportchef Heinz Hochhauser und dessen Assistent Thomas Linke wollten mich weghaben.
Weshalb?
Ich weiss es nicht, ich kann nur mutmassen. Es hiess, mein Gehalt sei zu hoch (Vonlanthen verdiente bei Salzburg jährlich 1,5 Millionen Franken, Anm. der Red.). Aber ich muss auch zugeben: Unter Stevens’ Vorgänger Adriaanse hatte ich keine gute Saison gespielt.
Und nun blühen Sie beim FCZ wieder auf.
Es scheint so, aber die Leute im Klub machten mir den Einstieg auch einfach. Alain Rochat war schon vorher ein guter Kollege, Bernard Challandes kenne ich aus der Schweizer U-21, und Fredy Bickel hat mich vor zehn Jahren von Flamatt zu YB geholt, als er dort Sportchef war.
Ihr Verhältnis zu Trainer Challandes war nicht immer störungsfrei.
Das ist die alte Geschichte aus der U-21, als ich mich weigerte bei einem EM-Qualifikationsspiel gegen Tschechien auf die Bank zu sitzen und auf der Tribüne Platz nahm. Sie holt mich immer wieder ein, dabei sind seither fast sechs Jahre vergangen. Ich war damals 17-jährig, für mich gab es nur den Ball und das Tor. Ich wollte immer spielen. Sie können sich nicht vorstellen, wie traurig ich war, als mir Challandes damals mitteilte, dass ich nicht dabei bin.
Ist von diesem Zwist zwischen Challandes und Ihnen etwas hängen geblieben?
Überhaupt nicht. Der Trainer hat mich ja bereits im Rückspiel in Tschechien wieder eingesetzt. Und danach haben wir uns ausgesprochen. Ich bin ihm nun beim FCZ völlig unbelastet wieder begegnet. Er war immer streng mit mir, aber er versteht mich gut. Ich schätze seine soziale Kompetenz. Er kann sehr gut mit schwierigen Spielern umgehen.
Sind Sie ein schwieriger Spieler?
Vielleicht (lacht). Aber ich bin wohl nicht schwieriger als Okonkwo oder Hassli. Challandes hat die Gabe, Fussballer mit ganz verschiedenen Charakteren zu einer Mannschaft zu vereinen. Er und Bickel spüren, dass der FCZ mit lauter Ja-Sagern keinen Erfolg haben könnte. Also wählen sie die Spieler aus, die vielleicht nicht immer ganz einfach zu führen sind, die dafür aber auf dem Platz kreativ sind, auch einmal etwas Unvorhergesehenes tun und bereit sind, Risiken im positiven Sinn einzugehen.
Sind Sie nun schwierig oder nicht?
Das ist eine Definitionssache. Ich habe meinen Stolz, meine Persönlichkeit. Die lasse ich mir von niemandem nehmen.
Haben Sie sich deshalb derart vehement gewehrt, als Sie von Köbi Kuhn vor der WM 2006 wegen einer Verletzung aus dem Kader gestrichen wurden?
Ich fühlte mich ungerecht behandelt. Ich zog mir im ersten Training des WM-Zusammenzugs einen Muskelfaserriss zu. Der Verband versprach, mir ausreichend Zeit zur Genesung einzuräumen. Am nächsten Tag aber nominierte Köbi Kuhn Hakan Yakin nach. Ich habe ein Gutachten eingeholt, das bestätigte, dass ich bis zur WM fit geworden wäre. Das war dann übrigens auch der Fall. Als für die Schweizer das Turnier in Deutschland losging, trainierte ich mit Salzburg völlig beschwerdefrei.
Ihr Vorgehen in diesem Fall bestätigte sämtliche Vorurteile, die viele gegenüber Ihnen schon länger hatten. Es wurde geschrieben, Sie seien uneinsichtig und nur auf den eigenen Vorteil bedacht.
Ich bin ein sensibler Mensch; die Kritiken haben mich damals sehr geschmerzt. Ich bin doch kein Rebell - sondern jedes Mal, wenn ich nicht spielen darf, einfach unwahrscheinlich deprimiert.
Und was tun Sie, wenn Bernard Challandes Sie in der Champions League einmal nicht aufstellt?
Dann setze ich mich wieder auf die Tribüne (lacht). Nein, ich bin ja kein Kind mehr. Ich habe am Samstag gegen Luzern zu Beginn ja auch nicht gespielt. Wegen der hohen Belastungen, die auf uns zukommen, muss jeder einmal zuschauen. Der Trainer wird gewiss richtig entscheiden.
Jeder Spieler will doch lieber gegen Real Madrid dabei sein als gegen Aarau.
Die Champions League ist kein Wunschkonzert. Der Trainer wird jene elf Spieler auf den Platz schicken, die für ihn die stärkste Mannschaft ergeben. Das müssen alle akzeptieren - auch ich.
Sie wollen beim FCZ Ihre Karriere neu lancieren?
(Lächelt.) So schlecht ist meine Karriere bis anhin ja nicht gewesen. Ich konnte schon mit 16 Jahren von YB zu Eindhoven und Trainer Guus Hiddink wechseln. Das ist für junge Fussballer die beste Adresse in Holland. Romario war einst dort, Ronaldo, Van Nistelrooy, Robben, Van Bommel . . . Ich spielte mit 17 Jahren für den Klub in der Champions League; ich war jüngster Torschütze bei einer EM. Alles habe ich nicht falsch gemacht. Auch später in Brescia, Breda und Salzburg nicht.
Wie haben Sie sich in den sechs Jahren im Ausland verändert?
Ich habe aus vielen negativen Erfahrungen die Lehren gezogen. Ich weiss heute, dass ich auf dem Platz auch Freunde brauche. Und ich habe gelernt, dass es in einer Mannschaft nicht nur Johan Vonlanthen gibt, sondern noch 18, 19 oder 20 weitere Spieler. Das gilt für mich heute beim FCZ und in der Schweizer Nationalmannschaft.
Ihre Wurzeln sind in Kolumbien. Was bedeutet Ihnen das Schweizer Nationalteam?
Ich bin jedes Mal stolz, wenn ich für die Schweiz spielen darf. Es hat mich unwahrscheinlich gefreut, dass mich Ottmar Hitzfeld nach fast einjährigem Unterbruch gegen Italien wieder aufgeboten hat.
Fühlen Sie sich als Schweizer oder als Kolumbianer?
Als beides. Ich war 13-jährig, als ich in die Schweiz kam. Wenig später spielte ich schon für die Schweizer Auswahlmannschaften. Das war nicht immer einfach. Ich sprach damals noch gar kein Schweizerdeutsch. Und ich lebte ja nur drei Jahre in der Schweiz, dann ging ich schon nach Holland.
Wie ist heute Ihre Beziehung zu Kolumbien?
Ich habe viele Verwandte dort; ich verbringe meine Ferien immer in Kolumbien. Und seit sieben Monaten bin ich mit einer Kolumbianerin verheiratet. In Rüschlikon haben wir eine schöne Wohnung gefunden.
Wegen der Belastung mit Champions League, Meisterschaft und Nationalmannschaft werden Sie Ihre Frau in den nächsten Monaten nicht häufig sehen.
Sie hat viel Verständnis für meinen Beruf. Und es gefällt ihr sehr gut in Zürich.
Dann können Sie sich vorstellen, länger als nur das eine Jahr, das Sie von Salzburg ausgeliehen sind, beim FCZ zu bleiben?
Ja, sehr gut sogar. Es gibt auch schon konkrete Anzeichen, dass der FCZ die Option auf meine definitive Übernahme einlösen wird (der FCZ kann Vonlanthen für 1 Million Franken von Salzburg kaufen. Bickel sagt, der FCZ sei nicht unter Zeitdruck, weil die Frist bis nächsten April laufe, Anm. der Red.).
Und was wollen Sie mit dem FCZ erreichen?
Ich will Meister werden und in die Champions League.
Sie kennen die Champions League aus Ihren Einsätzen mit Eindhoven. Hat der FCZ überhaupt eine Chance, eine gute Figur zu machen?
Man darf vor den sogenannten Grossen nicht übertrieben grossen Respekt haben. Und man kann als Mannschaft auch einmal über sich hinauswachsen. Der FC Zürich bräuchte sich in der Champions League nicht zu verstecken.
Dass der FCZ gegen Ventspils die Qualifikation schafft, steht für Sie ausser Frage?
Nach dem 3:0 im Hinspiel darf nichts mehr schiefgehen. Und ich bin überzeugt: Es wird nichts mehr schiefgehen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.08.2009, 14:43 Uhr



