Die Demontage einer Legende

Er darf noch nicht gehen: Tottis Fussballleben war gross, er verzauberte und verärgerte. Nun droht das Ende des achten Königs von Rom.

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Es war Herbst 2014, die AS Roma spielte gegen Moskau, Francesco Totti durfte auf das Ende seiner grossen Tage wieder einmal in der Champions League spielen. Da stand der 39-Jährige also mit seinen Kameraden vor der Römer Haupttribüne, als Musik erklang – die Champions-League-Hymne, dieser barocke Pomp. Und plötzlich überkam es Totti: Tränen liefen über seine Wangen.

Als hätte er das heute schon damals vorhergesehen. Die grossen Auftritte wurden über die Jahre spärlicher, die Tore, die Geniestreiche sowieso. Die Beine bewegen sich zwar in alter Gewohnheit, sie können gar nicht anders, sie begegnen einander bei jedem Schritt – ach du, auch hier –, und doch machen sie es immer langsamer und gemächlicher. Zuletzt durften sie kaum mehr aufs Feld und Bälle streicheln, Totti sass auf der Bank.

Die Legende verblasst zum Monument und wird demontiert.

Als Gegner nach Foulspielen weinten

Also hat sich Totti beschwert, er sprach von einer Respektlosigkeit des Trainers Spaletti. Vielleicht auch, weil er sich andere Zeiten gewohnt war. Damals, als jede Auswechslung eine Majestätsbeleidung war, damals, als der Trainer dem Spieler Totti seine Hochachtung erweisen musste, damals, als Tottis Klasse für jeden Trainer überlebenswichtig war. Trainer kommen und gehen, Totti bleibt und spielt. So war das.

Als ihn vor der WM 2006 der Gegenspieler Vanigli niedergrätschte und ihm das Wadenbein brach, da weinte der Täter nach dem Spiel, entschuldigte sich in alle Fernsehkameras und besuchte den Gefoulten wenig später in der Klinik Villa Stuart.

Und heute? Der Respekt der alten Tage ist weg.

Trainer Spaletti suspendierte Totti nach dessen Kritik. Er musste am Wochenende auf der Tribüne Platz nehmen. Ein Balotelli brüllt ihm auf dem Platz zu: «Was willst du noch hier, Opa?» Es war Cupfinal und Totti verlor die Nerven (wie er das viele Male in wichtigen Spielen tat). Er holte Anlauf und versetzte Balotelli einen üblen, fiesen Tritt. Rote Karte.

Totti auf der Tribüne. Ein trauriges Bild.

Er war das Lama, das dem Dänen Poulsen an der EM ins Gesicht spuckte, Italien verzieh ihm. Er knallte in der Liga seinem Gegner die Faust ins Gesicht und bekam fünf Spielsperren. Die Zeitungen schrieben, der künftige Bräutigam – Totti heiratete die nette Wetterfee Ilary – benötige halt etwas mehr Zeit für das Private. Und überhaupt, wenigstens pflanze sich der Captain noch fort. Etliche Rote Karten folgten.

Der achte König von Rom

Diese Aussetzer, sie machten Totti in der Volksmeinung zu dem, was er ist. Einer von ihnen. Grosskotzig, aber sensibel. Herzensgut, aber jähzornig. Theatralisch, aber einsilbig. Emotional und phlegmatisch zugleich. Ein Römer.

Über sieben Generationen mit der Stadt verbunden, geboren im Viertel San Giovanni, seit dem 21. Lebensjahr Captain der Rotgelben. Ein Symbol, ein Volksheld. Sie nennen ihn Tribun, «Pupone», grosser Bube, oder den achten König von Rom. Es gab da vor langer Zeit einmal sieben Etrusker – und heute Totti.

Wer so lange in einer Stadt bei einem Club lebt, um den ranken sich die Anekdoten. Einmal, beim Derby gegen Lazio, da zog Totti nach seinem Treffer das Trikot über den Kopf, auf dem Unterhemd stand: «Ich hab euch wieder aufs Klo gesetzt.» Jahre später bekam Totti eine Parkbusse. Der Verkehrspolizist, ein Lazio-Fan, hat auf den Zettel geschrieben: «Diesmal setzen wir dich drauf.»

Die selbstironischen Totti-Witze

Ein andermal ging die Mannschaft in die Haftanstalt Rebibbia, und Totti traf auf zwei alte Freunde aus seinem Quartier, man umarmte sich, Totti sagte: «Ich bin Profi geworden, sie sitzen im Knast.» Distanz, das kannte er nicht.

So besuchte er alleine Krankenhäuser der Stadt und veröffentlichte für Unicef Totti-Witz-Bücher. Er konnte über sich selbst lachen und verkaufte über 1 Million Exemplare. (Kennen Sie den: Tottis Ehefrau Ilary fragt: «Oh Liebling, liebst du mich, liebst du mich, liebst du mich denn wirklich?» Und Totti: «Gemach, eine Frage nach der anderen.»)

Auf dem Platz hatte er eine Inselbegabung. Totti kann den Ball vor dem Gegenspieler verstecken, sagte man in Rom. Sein Chippen war einmalig, seine Volleys, seine Heber ebenso (wie jener damals gegen Inter). Er konnte mit dem Ball übers ganze Feld laufen und famos Freistösse schiessen. Die «Süddeutsche» schrieb einmal vom Deus ex Machina, dem inszenierten Auftauchen einer Gottheit.

Der Heber gegen Inter, ab Sekunde 10.

Sehenswert war aber immer auch, wie die Nummer 10 auf Fremdberührungen reagierte: Totti streckt den Rücken durch, zieht die Arme hoch, er verliert den Boden unter den Füssen – das in einer bemerkenswerten Koordination. Er fällt und krümmt sich, er hält die Wade und verflucht wenig später den Schiedsrichter, sofern dieser nicht reingefallen ist.

Viel Vergangenheit, viel Nostalgie liegt im Erzählten. Der Stern des Fussballers Totti hängt nur noch mit einer Stecknadel befestigt am Himmel. Er wird fallen. Gott sei Dank hat Spaletti ihn fürs Erste begnadigt. Er darf noch einmal spielen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.02.2016, 12:07 Uhr

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