Die Fifa bestätigt alle Vorurteile
Von Thomas Schifferle. Aktualisiert am 03.12.2010 425 Kommentare
Die Fifa hat entschieden: Russland und Qatar dürfen die Fussball-WM 2018 und 2022 ausrichten. (Video: Reuters )
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Eines lässt sich den Mitgliedern der Fifa-Exekutive nach diesem Donnerstag nicht absprechen: Was immer die Welt von ihnen denkt und ihnen vorhält, sie lassen sich nicht beeinflussen. Sie gehen ihren Weg, unbeirrt, unerschrocken. Nur so ist es möglich und erklärbar, dass Russland die Fussball-WM 2018 organisieren darf und Qatar jene von 2022.
Die Erschütterungen und Enthüllungen der letzten Tage und Wochen, die Vorwürfe, ihre Stimmen gegen Geld zu vergeben und illegale Absprachen zu treffen, haben die Altherrenriege um Sepp Blatter nicht erreicht. Ausser in einem Punkt, und da lassen sie keine Zweifel, dass ihnen die jüngsten Medienberichte aus England so gar keinen Spass bereitet haben: Sie straften die exzellente und emotionale Kandidatur Englands derart ab, dass sie mit lediglich zwei Stimmen schon im ersten Wahlgang ausschied.
Wahl der Macht
Das grösste Land der Welt, Russland, und der Ministaat am Persischen Golf, Qatar, sind in der Lage, eine WM zu organisieren, wahrscheinlich sogar vorzüglich. Darum geht es nicht, auch Südafrika vermochte im vergangenen Sommer den Grossanlass problemfrei zu veranstalten. Es geht vielmehr um die Auffälligkeiten dieser Wahl, um diese Spiele um Macht und Geld, die wieder so offensichtlich geworden sind. Die Fifa schaffte es mühelos, alle Vorurteile zu bestätigen, welche die Welt gegen sie hat. Ihre Voten an diesem Donnerstag haben sie den Rest an Glaubwürdigkeit gekostet.
Russland: Das ist die Wahl der Macht, der Politik. Ministerpräsident Wladimir Putin hat seinen Triumph wie vor drei Jahren, als er am olympischen Kongress in Guatemala einfiel und die Winterspiele 2014 nach Sotschi holte. Jetzt wählte er eine gegenteilige Strategie. Am Vortag verkündete er sein Missfallen über das «skrupellose» Verhalten von Mitbewerbern, und deshalb reise er nicht nach Zürich, um die Fifa unbeeinflusst entscheiden zu lassen. Er inszenierte sich als Ehrenmann. Und es hat gewirkt. Ein Insider der russischen Delegation hat es einen «Unterzug» genannt.
Ökologischer Unsinn
Qatar: Das ist die Wahl des Geldes. Qatars Bewerbung wurde von den Fifa-Inspektoren recht harsch kritisiert, jedenfalls schlechter bewertet als die seiner Konkurrenten. Das Land ist unbeleckt von Fussballtradition, es herrschen im Schnitt 40 Grad im Sommer, wenn die Spiele stattfinden, seine Wahl ist ein ökologischer Unsinn, weil die Luft in den Stadien gekühlt wird. Aber Qatar ist unermesslich reich, es bietet alles, was immer sich die Fifa-Exekutive wünscht. Es ist die Heimat von Mohamed Bin Hammam, einflussreichem Exekutivmitglied der Fifa, Vertrauensmann und Wahlhelfer Blatters. Qatar setzte sich in der Abstimmung eindrucksvoll durch. Was nur den Schluss zulässt: Die Meinungen in der Fifa waren längst gemacht.
«Wir entwickeln den Fussball», sagte Blatter in der Zürcher Messe. Das ist sein Credo: mit dem Spiel die Welt besser machen. Er sagt das nicht, um von Kritik abzulenken, er tut es, weil er das wirklich glaubt, weil genau das seine Mission ist, die ihn umtreibt. Deshalb erhielt aus seiner Sicht Russland den Zuschlag und vor allem auch Qatar. Dabei ist genau dieses Argument der quälend oft bemühten Entwicklungshilfe im Fall des Golfstaates unhaltbar. Die Stadien werden nach 2022 wieder abgebaut und in Länder verschickt, die damit auch etwas anfangen können.
Wahl gesichert
Und es gibt einen dritten Sieger: Er heisst Sepp Blatter. Mit den gestrigen Entscheiden ist seine Wiederwahl als Fifa-Präsident im kommenden Mai endgültig gesichert. Die Stimmen aus Afrika fallen ihm dank der WM in diesem Sommer zu, jene aus dem zahlenmässig starken europäischen Osten dank Russland, jene des arabisch-asiatischen Raums dank Qatar. Vor diesem Hintergrund ist vielleicht eine weitere Äusserung des 74-Jährigen zu verstehen. Er sagte gestern: «Das ist wirklich ein grosser Tag.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.12.2010, 06:33 Uhr
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425 Kommentare
Und jetzt, nach dieser feinfühligen, ergreifenden Zeremonie der Weltmeisterschafts-Vergabe, zu der Hohe Häupter zur FIFA-Hütte pilgerten, stünde Herr Sepp Blatter die Würde - nachdem es mit dem Friedens-Nobelpreis (noch) nicht geklappt hat - eines Ehren-Kardinals unbedingt zu. Er, der den Menschen so viel Freude bringt! Antworten




