«Die Tränen flossen, einfach so»

Ciriaco Sforza durchlebte nach dem Abgang bei GC schwierige Monate, bevor er als Trainer in Wohlen neue Lust an der Arbeit fand.

Mit Wohlen auf Erfolgskurs und als Mensch geläutert: «Ich bin froh, dass ich das Oberflächliche abgestreift habe», sagt Ciriaco Sforza. Foto: Anton Geisser

Mit Wohlen auf Erfolgskurs und als Mensch geläutert: «Ich bin froh, dass ich das Oberflächliche abgestreift habe», sagt Ciriaco Sforza. Foto: Anton Geisser

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Seine Präsenz ist sichtbar, überall im Stadion Niedermatten in Wohlen, und spürbar ist der Stolz, diesen Namen mit grosser Strahlkraft im Verein zu haben. Das Dach der Ersatzbank ist mit dem Schriftzug «(S)Forza Wohle» versehen, im Tribünengang sticht ein Poster mit dem berühmtesten Wohler heraus, im Clubraum hängt ein Schweizer Nationaltrikot mit der Nummer 10 in einem Bilderrahmen an der Wand: Ciriaco Sforza prägt den FC Wohlen der Gegenwart. Er hat die Mannschaft, die vor einem Jahr in schwere Not geraten war, zu einem ernsthaften Aufstiegskandidaten geformt. Dabei kostet der Profibetrieb nicht mehr als 2 Millionen Franken pro Jahr.

Sforza, bald 45, sitzt hinter einer Tasse Kaffee, redet leidenschaftlich über Fussball, den FC Basel, den für ihn auch in dieser Saison ­sicheren Meister. Er schwärmt von den Bedingungen bei Wohlen, der vorzüglichen Infrastruktur und spricht auch ohne Hemmungen über sich selber – über die Probleme, die ihm so sehr zu schaffen machten nach dem Abgang bei GC im April 2012.

Ciriaco Sforza, arbeiten Sie gerade an einem Wunder?
Ich nenne es lieber etwas Sensationelles. Wenn man berücksichtigt, wo der FC Wohlen vor einem Jahr war und welche Entwicklung er seither mitgemacht hat, ist das grossartig. Wir sind immer noch ein kleiner Verein, der nicht Geld ausgeben kann wie andere. Das erhöht den Wert der Leistung zusätzlich.

Wie lässt sich ein Challenge-League-Team, das vor dem Absturz in die 1. Liga stand, zu einem Aufstiegs­kandidaten formen?
Mit klaren Gedanken, klaren Strukturen, klaren Ideen. Wir haben eine junge Mannschaft, in der sich alle entfalten dürfen. Ich gebe den Spielern kreativen Freiraum, sie wissen: Bei mir basiert vieles auf Geben und Nehmen. Liefern sie, bekommen sie auch etwas von mir ­zurück. Wir sind eine Einheit. Und wir haben auch das nötige Glück.

Erinnern Sie sich gelegentlich an 1998, als Sie noch als Spieler mit Kaiserslautern in die 1. Bundesliga aufgestiegen waren und gleich deutscher Meister wurden?
Nein. Aber ich denke daran, dass es möglich ist, aufzusteigen. Alles andere wäre gelogen. Wenn ich auf Platz 1 bin und nicht das Ziel habe, es durchzuziehen, muss ich aufhören. Ich bin überzeugt, dass ich mit meiner Mannschaft bis zum Ende der Saison vorne mitspielen werde. Der Schnauf wird uns nicht ausgehen, ganz sicher nicht.

Nehmen wir an: 1. Meisterschaftsrunde 2015/16, Wohlen - Basel . . . Wie tönt das für Sie?
Wie ein Traum. Aber kein unrealistischer.

Wäre ein Aufstieg des FC Wohlen gut für die Super League?
Darüber kann man diskutieren. Aber ­sicher ist: Es wäre gut für den Fussball. Weil es zeigen würde, dass der Erfolg nicht nur davon abhängt, wie prall ­gefüllt die Kassen sind.

Und wenn ausserhalb von Wohlen die Nase gerümpft würde?
Das wäre mir egal. Wenn wir aufsteigen, haben wir uns das verdient.

Sehen Sie für sich auch die perfekte Chance, Ihren Ruf als Trainer ­wiederherzustellen?
Was heisst wiederherstellen? Ich sehe meinen Auftrag darin, jeden Spieler besser zu machen, Tag für Tag. Und ich spüre: Meine Richtung stimmt.

Sie stiegen 2006 als Trainerneuling beim FC Luzern gleich auf höchster Stufe ins Geschäft ein. War das im Nachhinein ein Fehler?
Was ist schon richtig, was ist falsch? ­Damals dachte ich: yes, go, machen! Es war eine Erfahrung, von der ich nun profitieren kann.

Stürzten Sie sich nicht etwas gar naiv in das Abenteuer?
Ich war unerschrocken und sah halt eine Chance . . . Mit dem Wissen von heute würde ich eine Stufe weiter unten beginnen, weil der Druck in der Challenge League nicht der gleiche ist. Ich konnte nicht wissen, was alles auf mich ­zukommen würde.

Glaubten Sie, dass mit Ihrem ­prominenten Namen einiges von alleine funktionieren würde?
Ich ging davon aus, dass es schon irgendwie geht. Nach den gemachten Erfahrungen ist mir klar: Ich hätte mir mehr Zeit für eine Entscheidung lassen sollen. Heute würde ich mich fragen: Bin ich wirklich bereit? 2006 war ich es offensichtlich nicht, ich sprang einfach auf den Zug auf. Es war zu verlockend.

Trotzdem machten Sie nach Luzern gleich bei GC weiter.
Im ersten Jahr lief alles prima. Aber ­danach war ich dem Verein gegenüber zu lieb. GC hatte grosse Finanzprob­leme, die besten Spieler wurden verkauft. Ich hätte mich gegen die Clubleitung wehren müssen: Okay, ihr verkauft die Besten, dann gehe ich auch. Oder ihr holt Neue. Ich trug aber alles mit und rieb mich enorm auf. Am Ende war die Trennung eine echte Erlösung.

Wieso?
Ich war platt, total ausgelaugt, es ging nicht mehr. Meine Kraft war aufgebraucht, ich benötigte zwingend eine Auszeit. (Pause) Das Ganze hatte mich krank gemacht. Ich bin froh, dass ich mir das eingestehen konnte und nichts vorspielte. Ich fühlte mich bei GC allein, auch alleingelassen.

Sie mussten unter anderem mit dem Vorwurf leben, sich mit vielen Transfers verzettelt zu haben.
Ja, aber eben: Das hat für mich damit zu tun, dass ich zu lieb war mit dem Verein. Hilf rechts, hilf links, hilf dort, und gleichzeitig litt meine eigentliche Arbeit darunter. Es frass mich auf. Die Energie schwand immer mehr, bis ich erschöpft war. Es waren schlimme Momente, die ich danach mitmachte.

Wie äusserte sich das?
Als die Zeit bei GC zu Ende war, unternahm ich oft lange Spaziergänge. Und unterwegs flossen die Tränen, einfach so. Meine Gefühlswelt war völlig durcheinander. Ich spürte Enttäuschung, auch eine totale Leere. Es gab Nächte, da ­erwachte ich immer um 2 Uhr schweissgebadet, wieder kamen Tränen, aber wieder wusste ich nicht, warum genau. Ich kann nur mutmassen. Schon mit 16 Jahren war ich Profi geworden, ich lebte nur für den Fussball, ich war Teil eines Geschäfts, in dem man stark sein muss. Ich machte 2006 als Trainer in der ­Super League weiter, ja, und dann war Schluss . . . Sieben, acht Monate machte ich danach eine ganz harte Phase mit.

Fühlten Sie sich wertlos? Zweifelten Sie an sich?
Ich zweifelte nie an meinen Fähigkeiten als Trainer. Und wertlos . . . ? Nein, nicht unbedingt. Aber es war heftig, was sich abspielte . . . Es kann schon eine Rolle gespielt haben, dass ich keinen Club mehr hatte, dafür viel Zeit. Dazu kamen private Dinge (die Scheidung von seiner Frau). Es gab in dieser Zeit oft Phasen, in denen ich unmöglich allein sein konnte.

Warum?
Ich hatte ständig Angst, dass mir etwas zustossen könnte, dass mein Herz ver­sagen würde und niemand in meiner Nähe wäre. Sicher und halbwegs geborgen fühlte ich mich nur in den eigenen vier Wänden. Ich weinte oft, wehrte mich aber nicht dagegen. Es musste raus.

Verloren Sie die Lust am Fussball?
Ich ging nicht mehr ins Stadion, den Fernseher schaltete ich nur noch selten ein. Es gab wichtigere Dinge als Fussball. Meine Person. Meine Gesundheit.

Wer half Ihnen aus der Krise?
Ich nahm psychologische Hilfe in Anspruch, und ich greife jetzt noch darauf zurück. Ich hätte niemals Medikamente genommen. Aber der Psychologe war nötig, um wieder auf die Beine zu kommen. Ich habe keine Hemmungen, darüber zu reden. Eine Schwäche einzugestehen, ist eine Stärke. Ich bin froh, dass ich das Oberflächliche abgestreift habe.

Und wie geht es Ihnen jetzt?
Sehr gut. Mein Leben hat neu angefangen, ich bin voller Energie. Geist und Körper wissen, in welche Richtung es ­gehen soll. Ich habe gelernt, dass ich auf meinen Bauch hören muss, auf meinen Verstand – und sicher nicht mehr auf Leute, auf die ich in der Vergangenheit zu oft hörte. Ich tue das, was mir guttut, ich konzentriere mich auf das, was ich kann. Und ich will authentisch sein, nicht etwas vorspielen.

Sie waren im Herbst in Luzern im Gespräch, sagten aber ab. Ist das auch eine Konsequenz Ihres ­Lernprozesses?
Vor ein paar Jahren hätte ich kaum lange überlegt und zugesagt. Diesmal aber hörte ich in mich hinein und kam zum Schluss, dass es nicht der richtige ­Moment ist. Ich bin in den letzten Monaten ein anderer Mensch geworden, zu hundert Prozent. Ich bin ehrlich mit mir, das gibt mir ein gutes Gefühl. Und ich bemühe mich darum, Konflikte aktiv ­anzugehen, anstatt zu hoffen, dass sie sich von selber lösen. Der Ciriaco Sforza vor zehn Jahren und der von heute – das sind Welten.

Was empfinden Sie, wenn Sie jetzt über den Ciriaco Sforza von damals nachdenken?
Ich war ein Mensch, der vermutlich viele aufgeregt hat, der polarisiert hat. Ich wirkte vielleicht unnahbar, aber das war auch eine Art Schutzmechanismus. Und wenn ich provoziert und kritisiert wurde, dann verstärkte sich das Ganze nur noch.

Sind Sie heute ein so guter Trainer wie noch nie in Ihrer Karriere?
Ich habe viel dazugelernt. Von daher könnte das schon zutreffen. Wenn man, wie wir in Wohlen, finanzielle Limiten hat, muss man Ideen entwickeln, Strukturen schaffen und Fantasie haben, um den Unterschied auszumachen.

Und Fantasie haben Sie?
Ich glaube, das sieht man.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 11.02.2015, 23:51 Uhr)

Deutscher Meister und Champions-League-Sieger

Am 2. März wird Ciriaco Sforza 45-jährig. Der Schweizer mit italienischen Wurzeln wuchs in Wohlen auf, verliess das Freiamt aber schon als 16-Jähriger, weil die Karriere rief: GC, Aarau und wieder GC waren seine Stationen, bevor er nach Kaiserslautern zog. Er wechselte zu Bayern, für ein Jahr zu Inter Mailand, wieder zu Kaiserslautern, noch einmal zu Bayern und schliesslich ein drittes Mal zu Kaiserslautern. Sforza wurde Meister mit Kaiserslautern und Bayern, 2001 gewann er mit den Münchnern auch die Champions League. Für die Schweiz bestritt er 79 Länderspiele. 2006 hörte er als Spieler auf – und fing in Luzern als Trainer an. Seine Zeit dort endete im August 2008. Im Sommer 2009 übernahm er GC, im April 2012 kam es zur Trennung. Vor einem Jahr ersetzte er in Wohlen David Sesa, führte die Mannschaft, die abgeschlagen am Tabellenende lag, zum Ligaerhalt – und nun an die Spitze der Challenge League. (pmb.)


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Challenge League

17. Runde

03.12.Servette FC - FC Winterthur1 : 1
03.12.FC Zürich - FC Wil 19002 : 0
04.12.FC Aarau - FC Wohlen- : -
04.12.FC Schaffhausen - FC Chiasso- : -
05.12.Neuchatel Xamax FCS - FC Le Mont LS- : -
Stand: 03.12.2016 20:55

Rangliste

NameSpSUNG:EP
1.FC Zürich17143046:1045
2.Neuchatel Xamax FCS16102430:1832
3.FC Wil 19001774624:1725
4.Servette FC1773722:2524
5.FC Aarau1664626:2822
6.FC Le Mont LS1655611:1720
7.FC Wohlen1661918:3019
8.FC Winterthur1746717:2418
9.FC Schaffhausen16411120:3213
10.FC Chiasso1625912:2511
Stand: 03.12.2016 20:55

18. Runde

10.12.FC Chiasso - Servette FC- : -
10.12.FC Wil 1900 - Neuchatel Xamax FCS- : -
11.12.FC Le Mont LS - FC Aarau- : -
11.12.FC Wohlen - FC Schaffhausen- : -
12.12.FC Winterthur - FC Zürich- : -

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