Diego als Vase

Damals, in der kleinen Pizzeria in Neapel.

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Edoardo Bennato trat schon in grossen Arenen auf, er war der erste Sänger, der das San Siro in Mailand bis auf den letzten Platz füllte und vor 80 000 spielte, doch jetzt ist er wieder auf kleineren Bühnen unterwegs, kürzlich auch im Kaufleuten in Zürich. Mit wie immer getönter Sonnenbrille, zwischendurch mit seiner Mundharmonika, er sieht aus, als wäre er 50, wird aber bald 70. Zuerst ist der neapolitanische Cantautore alleine auf der Bühne, singt seine Hits von einst, «Abbi dubbi», «Sono solo canzonette», und auch das Lied von der Insel, die es nicht gibt, «L’isola che non c’é», in Anlehnung an Peter Pans «Nimmerland», er erzählt darin, dass es dort keine Helden und Heiligen gibt, keine Polizisten, Soldaten und keine Diebe, keine Gewalt, kein Krieg, kein Hass und keine Waffen.

Bennato und seine Band spielen dann auch Songs seines inzwischen 28. Albums, «Pronti a Salpare», es sind viele Lieder über Neapel, kritische, aber auch Liebeserklärungen an seine Stadt. Fotos und Filme begleiten die Musik, und einmal sieht man Diego Maradona, die schönen Seiten des Argentiniers, dessen Leben immer wieder eine Geschichte von Absturz und Auferstehung war, Maradona als einzigartigen Fussballer, dribbelnd, tänzelnd, schiessend, im hellblauen Dress von Neapel im Stadio San Paolo nahe dem Arbeiterviertel Bagnoli, wo Edoardo Bennato aufgewachsen ist.

Neapel, Maradona, Bennato. Da kommen Erinnerungen auf, an jene Tage im schwül-heissen Sommer 1990, Italia novanta, die Weltmeisterschaft, Bennato sang zusammen mit Gianna Nannini das WM-Lied «Un’ estate italiana», es war in dieser Zeit so etwas wie die italienische Nationalhymne. Die Tage in Neapel, der Stadt, die niemanden kalt lässt, der Stadt der Gauner und Genies und den Gaunern, die Genies sind, und einmal, es war der Abend vor dem Halbfinal Argentinien gegen Italien – Maradona in Neapel, seinem Neapel! – liefen wir durch das etwas verrufene Altstadtquartier Forcella, es ging gegen Mitternacht zu. In den engen Gassen spielten Kinder mit einem Plastikball, die Tore aus Büchsen markiert, Wäsche hing über ihren Köpfen an den Leinen, die Abfallsäcke standen wohl schon seit Tagen am gleichen Ort, alte Leute, vielleicht ihre Grossmütter und -väter, schauten aus den Fenstern, schwere Motorräder fuhren vorbei, Motoren heulten, die Kinder kickten.

Und da war auch diese Pizzeria Di Matteo in der Via Tribunali, klein ist sie, wenige Tische, und die Pizzen, die besten in der Stadt, heisst es, aber das sagen viele in Neapel, wo angeblich die Pizza erfunden wurde, werden am offenen Fenster verkauft, 3000 Lira, so erinnere ich mich, damals die billigste. Der Patron, ein Di Matteo in dritter Generation, zeigte uns stolz ein Bild an der Wand mit den vielen Bildern, inzwischen wird auch eines von Bill Clinton dort hängen, der vier Jahre später hier war, es gibt Aufnahmen auf Youtube vom Besuch des amerikanischen Präsidenten. Aber damals war der Pizzachef auf eines besonders stolz: «Schauen Sie hin», sagte er, und zu sehen war Edoardo Bennato zusammen mit der ganzen Belegschaft, er komme oft vorbei für eine Pizza.

Und er? Wir zeigten auf eine grosse Vase beim Eingang, auf der sein Gesicht modelliert war: «Nostro Diego!», Di Matteo rief es laut, er umarmte die Vase, aber «no, no», wenn Diego hierherkäme, müssten sie das ganze Quartier absperren. Ein Bild hing aber in der Pizzeria, Bennato zusammen mit Maradona – im San Paolo. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2017, 20:59 Uhr

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