Ein Goalie auf dem Weg an Europas Spitze
Von Thomas Schifferle. Aktualisiert am 30.08.2009
Diego Benaglio ist auch in diesem Moment Diego Benaglio. Er trägt das, was passiert ist, mit Fassung und Ruhe. Nicht dass es schön wäre, mit dem VfL Wolfsburg in München 0:3 verloren zu haben, mit dem aktuellen Titelhalter beim Rekordmeister. Aber Benaglio nimmt es als das, was es ist: als Niederlage, an der nichts mehr zu ändern ist.
In der jüngeren Vergangenheit und nach dem Abschied des Monuments Oliver Kahn machten sich die Bayern schon Gedanken darüber, den Schweizer Nationalgoalie zu verpflichten. Dieser Samstag aber ist nicht Benaglios glücklichster Tag. Das hat nicht allein mit dem Resultat zu tun, sondern auch mit der Entstehung des ersten Gegentores. Natürlich habe der Ball «extrem geflattert», sagt Benaglio so selbstkritisch, wie er ist, sein Anspruch sei es eben, auch solche Situationen besser zu lösen.
Es ist ein Arbeitstag mehr gewesen für Benaglio, ein Spiel mehr auf einem langen Weg. Keiner weiss, wo er endet, aber viele machen sich Gedanken darüber, wo das Ziel sein könnte. «Was ich ihm zutraue?», fragt der Wolfsburger Goalietrainer Andreas Hilfiker zurück. «Alles.»
Der Vater als beratende Kraft und Wolfsburg als Sprungbrett
26 Jahre alt wird Benaglio in neun Tagen, genau zwischen den zwei WM-Qualifikationsspielen der Schweiz gegen Griechenland und in Lettland. Das ist kein Alter für einen Fussballer, schon gar nicht für einen Torhüter. Die wirklich guten Jahre stehen ihm erst bevor, sie beginnen mit 28, 29, weil nirgends im Fussball die Erfahrung mehr zählt als im Tor; weil die Erfahrung ein «enormes Kapital» ist und weil man sie nur in Spielen auf «allerhöchstem Niveau» machen kann. So sagt das Hilfiker.
Wolfsburg sollte einmal ein Sprungbrett sein für Benaglio. Das wurde im Zürcher Elternhaus so besprochen. Bruno Benaglio ist von Anfang an beratende Kraft für Diego gewesen. Inzwischen versteht er sich weniger als Vater, mehr als Freund, weniger als Erzieher, mehr als Vertrauter.
Den Weg ist Diego gegangen, niemand sonst. «Den Erfolg hat er sich ganz allein erarbeitet», sagt der Vater. Und jetzt also hat der Sohn dieses Sprungbrett unter den Füssen, das viel kräftiger federt, als einst angenommen. Von hier aus reicht es weiter als zu einem Klub wie Dortmund, weil Dortmund in der Hierarchie hinter Wolfsburg zurückgefallen ist. Vielleicht reicht es gar zu einem der zehn, zwölf Klubs in Spanien, England und Italien, die Bruno Benaglio noch höher einstuft als Wolfsburg.
Zehn Jahre wird Benaglio noch spielen. Das denkt der Vater. Aber er denkt nicht, dass der Sohn so lange in Wolfsburg bleiben wird. Vorwärts soll es gehen oder nach oben, je nach Blickwinkel. Das Ziel ist klar umrissen: Diego soll herausfinden, wo sein Zenit ist, wo seine Grenze. Erst danach wisse man, sagt der Vater philosophisch angehaucht, ob man auch angekommen sei.
Bruno Benaglio war Juniorengoalie beim FCZ und später Feldspieler in der 4. Liga gewesen. Er verlor die Freude am Fussball, nachdem er am Knöchel verletzt worden war, und wendete sich dem Tennis zu. Der kleine Diego begann auch Tennis zu spielen, bis er in der Schule sah, dass da «tschuttet» wird. Dem Vater war nur wichtig, dass der Kleine etwas Sinnvolles unternimmt. Noch heute sagt er: «Nur wer etwas gerne und richtig macht, der macht das auch gut.» Und die Stichworte fallen: «Engagement, Disziplin, Teamfähigkeit, soziales Verhalten.» Es ist all das, was Diego Benaglio mit seinen 26 Jahren auszeichnet.
Mit dem Lastwagenpneu durch den Sand von Sylt rennen
Die Schritte vom Junior zum Meister- und Nationalgoalie waren überlegt, nicht überhastet. Als GC rief, wurde in der Familie entschieden, dass Diego seine Lehrstelle als Sportartikelverkäufer nicht antritt. Für Bruno Benaglio gab es damals eigentlich nur ein Risiko: dass Diego mit 19 oder 20 noch eine berufliche Ausbildung machen muss, wenn er sich im Fussball nicht durchsetzt. Das Angebot aus Stuttgart lieferte später jedoch die Bestätigung für Diegos Talent.
Madeira wurde zum Ort, wo Benaglio erstmals die Nummer 1 war. Das geschah fernab der Schweizer Öffentlichkeit, die nicht mitbekam, wenn er einmal an einer Flanke vorbeiflog. Im milden Klima der Atlantikinsel und in anspruchsvollen Spielen gegen internationale Grössen wie Porto, Benfica und Sporting Lissabon konnte er reifen.
Der Winter 2008 kam. Felix Magath wollte aus Madeira den jungen Mann nach Wolfsburg holen, den er von den Stuttgarter Amateuren her kannte. Es war zugleich die Zeit, als Magath mit dem 40-jährigen Andreas Hilfiker einen Goalietrainer engagierte, den er vom 1. FC Nürnberg her kannte. Hilfiker wiederum, einst achtmal im Tor der Schweiz, sagte seinem Chef, er könne den Transfer von Benaglio nur begrüssen.
Bei den Benaglios wurde intensiv darüber diskutiert. Diego reagierte zurückhaltend. Schliesslich konnte er ahnen, was mit Magath auf ihn zukommt: sich zum Beispiel im Trainingslager früh morgens einen Lastwagenpneu um den Bauch binden und so durch den Sand von Sylt rennen zu müssen. Wolfsburg stand nicht nur für Magath, das hiess auch: graue, langweilige Industriestadt, weit weg vom aufregenden Leben. Und auf der anderen Seite lockte Lazio, lockte Rom, die Ewige Stadt.
Die Kraft, sich von Negativem nicht ablenken zu lassen
Bruno Benaglio versuchte zusammen mit seiner Frau auch in diesem Fall, für Diego die Fakten aufzubereiten und ihm aufzuzeigen, wie er die Situation beurteilt. Natürlich wusste er, dass nicht er nach Sylt muss, aber er beobachtete, dass Lazio dabei war, auch einen argentinischen Torhüter zu verpflichten. Darum sagte er Diego: «Wenn du dich mit Wolfsburg anfreunden kannst, mach das. Es ist besser. Magath ist der Garant für den Erfolg.»
Diego Benaglio ist ein akribischer, bewusster Arbeiter. Er ist getrieben vom Ehrgeiz, besser zu werden. Selbstkritik ist ihm nicht fremd, im Gegenteil: Er geht nie zufrieden vom Platz. Schon gar nicht dann, wenn er so unglücklich aussieht wie bei diesem legendären 1:2 im vergangenen September gegen Luxemburg. Nationalcoach Ottmar Hitzfeld trug sich kurzzeitig mit dem Gedanken, ihn für das folgende Spiel gegen Lettland zu ersetzen. Er wünschte sich eine Nummer 1 mit mehr Ausstrahlung. Benaglio selbst war bewusst, dass seine Länderspiele bis dahin nicht so überzeugend ausgefallen waren wie seine Auftritte in Wolfsburg. Ihnen fehlte der Glanz der grossen Tat. Dem könne er nicht widersprechen, gab er damals zu.
Im Februar geriet er auch im Klub in eine Baisse. Mit zwei unterlaufenen Flanken trug er die Schuld am 0:2 im Uefa-Cup-Spiel bei Paris St-Germain. Kniebeschwerden dienten als Erklärung. Spekulationen kamen gleichwohl in Gang, Magath suche einen neuen Goalie. Drei Monate später war Benaglio der gefeierte Rückhalt des neuen deutschen Meisters Wolfsburg. «Er hat Nervenstärke gezeigt», lobt Hitzfeld. Hilfiker weiss: «Sein Erfolg kommt nicht von ungefähr.» Die Erklärung liefert der Vater: «Eine seiner Qualitäten ist es, sich von negativen Ereignissen nicht ablenken zu lassen.»
Fokussieren ist das Wort, das Sportler gerne verwenden: sich auf das Wesentliche konzentrieren, pragmatisch denken und handeln, mental stark sein. Oder um es mit Hilfiker zu sagen: «Diego ist klar im Kopf.» Das hat, so sieht es der Vater, mit der Erziehung zu tun, mit der Stimmung innerhalb der Familie, zu der auch Diegos jüngerer Bruder Mauro gehört. Einer ihrer Grundsätze heisst: Wer unten ist, steht wieder auf, wer oben ist, wird nicht überheblich. Realismus schwingt da mit, vielleicht sogar etwas Demut. Und ein zweiter zentraler Satz ist: nie nur sich und ein einzelnes Ereignis in den Mittelpunkt stellen, sondern immer das grosse Ganze sehen.
Diego Benaglio: Das ist der Coole, der Abgebrühte, der Mann, der auf dem Platz nichts lieber mag als Drucksituationen. Er ist der Anständige, der Korrekte, er denkt und handelt zurückhaltend, so sehr, dass von ihm keine Antworten für ausgefallene Schlagzeilen zu erwarten sind. Dass das wenig aufregend sein mag, ist vielleicht das Problem von Journalisten, sicher nicht von Benaglio. Denn wie sagt Hilfiker: «Die Hierarchie innerhalb einer Mannschaft entsteht auf dem Platz, nicht mit Reden.»
«Aha, da ist noch ein Goalie, auf den Verlass ist»
Hitzfeld denkt längst nicht mehr darüber nach, im Tor der Nationalmannschaft etwas zu verändern. Was er zuletzt gegen Italien sah, hat ihn im Urteil bestätigt, dass Benaglio auf dem Platz präsenter geworden ist, dass er mehr mitspielt und so zeigt: «Aha, da ist noch ein Goalie, auf den Verlass ist.» Er adelte seine Leistung mit «Weltklasse».
Weltklasse für einen Abend - und was ist auf Dauer? «Es braucht nicht gleich Real Madrid als Klub zu sein, damit er sich weiter entwickeln kann», sagt Hitzfeld, jetzt etwas moderater. Und Hilfiker: «Er hat so grosse Möglichkeiten, dass er in Europa ein Top-Goalie werden kann. Er ist auf einem guten Weg.» Und Stephan Lichtsteiner, Verteidiger, Freund und Zimmerpartner Benaglios im Nationalteam: «Für mich hat er jetzt schon Weltklasse-Niveau erreicht.»
Bruno Benaglio wurde es warm vor Stolz, als er am 23. Mai seinen Sohn mit der Meisterschale feiern sah. Es ist die Bestätigung gewesen, dass Diego den richtigen Weg eingeschlagen hat. «Aber Bilanz ziehen, ob es eine gute Karriere gewesen ist», sagt er, «können wir erst, wenn Diego seine Schuhe an den Nagel gehängt hat.» (SonntagsZeitung)
Erstellt: 30.08.2009, 14:31 Uhr



