Ein vergessener Torjäger

Kein Schweizer NHL-Stürmer spielt bei seinem Club derzeit eine grössere Rolle als Montreals Sven Andrighetto – und fast niemand merkt es.

Fester Blick, offene Fragen: Stürmt Sven Andrighetto weiter für Montreal und erstmals fürs Schweizer Nationalteam?

Fester Blick, offene Fragen: Stürmt Sven Andrighetto weiter für Montreal und erstmals fürs Schweizer Nationalteam? Bild: Keystone

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Als Patrick Fischer seinen ersten Nordamerika-Trip als Nationaltrainer plante, machte er um Montreal einen Bogen. Denver, Minneapolis, Calgary, Vancouver: So lauteten die Destinationen für Anfang März. Was sollte er auch in Montreal? Dort spielte schliesslich kein Kandidat fürs die WM in Moskau. Und so verpasste der Schweizer Auswahlcoach die Auftritte des einzigen NHL-Erstlinienstürmers, den sein Land derzeit hat.

Die Episode ist typisch für Sven Andrighetto. 23 Jahre alt ist er, doch richtig Notiz genommen vom schnellen Angreifer haben nur wenige – in der Heimat und lange auch in Übersee. Das erstaunt, denn auf dem Eis ist der Ustermer alles andere als unauffällig. «Ich bin ein Offensivspieler», sagt er über sich selbst, «das ist die Rolle, die zu mir passt.» Zuletzt füllte er diese Rolle wie nie zuvor in der NHL. Bei seinem jüngsten Auftritt stürmte er im ersten Block, hatte die meiste Eiszeit aller Stürmer und kam länger im Powerplay zum Einsatz als jeder seiner Mitspieler.

Genau vor einer Woche war das, gegen Ottawa. Danach hielt ihn eine Oberkörperverletzung vom Spielbetrieb fern – seinen Geburtstag am Montag verbrachte er im Behandlungsraum. Doch etwas Ernstes ist es nicht – für die Nacht auf heute gegen die New York Rangers war das Comeback geplant.

Nur zwei Gespräche mit dem Trainer, eines mit dem General Manager

Für Montreal geht es dabei nicht mehr um Punkte, das Playoff ist längst verpasst. Das Team startete brillant in die Saison, gewann die ersten neun Spiele. Andrighetto erlebte das noch in Neufundland, wo die Canadiens ihr Farmteam haben. Ende November wurde er dann in die NHL geholt. «Da waren wir noch Erster der ganzen Liga», erinnert sich der Schweizer. Doch seine Beförderung fiel zusammen mit der Verletzung von Stargoalie Carey Price – und der Absturz begann. «Ich will ehrlich sein: Es war eine sehr schwierige Saison», sagt Andrighetto darum über diese Spielzeit, die zugleich ein persönlicher Meilenstein ist.

Mit 37 Spielen (6 Tore, 7 Assists) hat er den Wert seiner Debütsaison 2014/15 bereits verdreifacht; seit November verbrachte er keine drei Wochen mehr beim Farmteam. Er lebt zwar noch in einem Apartmenthotel, doch Andrighetto ist in Montreal angekommen.

«Eine Superstadt» findet der Schweizer die Metropole, in der einst auch Mark Streit, Yannick Weber und Rafael Diaz erste NHL-Erfahrungen sammelten. Montreal gewann 24-mal den Stanley-Cup, atmet Eishockey. «Fans und Medien sind hockeyverrückt», so Andrighetto. Er wird auf der Strasse angesprochen und um Autogramme gebeten, «obwohl ich noch kein grosser Name bin.»

Insofern kann man sagen, dass die Öffentlichkeit dem Stürmer mehr Aufmerksamkeit schenkt als die eigenen Chefs. Mit Trainer Michel Therrien hat er diese Saison «insgesamt zweimal» gesprochen, mit General Manager Marc Bergevin nur ein einziges Mal. So ist das in der NHL, «es findet sehr wenig Kommunikation statt». Dabei gäbe es durchaus Themen: zum Beispiel, was für Pläne der Club mit dem Schweizer hat, dessen Vertrag Ende Saison ausläuft.

Womit wieder Patrick Fischer ins Spiel kommt. Denn ob Andrighettos Saison in zwei Wochen weitergeht, liegt am Nationalcoach. Kontakt hatten die beiden noch nicht, doch sie kennen und schätzen sich. Als «sehr torgefährlich» beschreibt Fischer Andrighetto, den er schon bei der U-20 betreute, als sie im WM-Viertelfinal 2013 erst im Penaltyschiessen an Gastgeber Russland scheiterten. Der Schweizer Topskorer damals hiess nicht Martschini, Bertschy oder Simion – sondern Andrighetto.

Weltmeisterschaft in Russland «wäre sicher ein Highlight»

Ein abschlussstarker Stürmer könnte helfen, wenn es im Mai bei den Erwachsenen erneut um WM-Ehren geht. An Andrighetto liegt es nicht. «Wenn ich ein Aufgebot bekäme, würde ich sehr gerne gehen», sagt er, «es wäre sicher ein Highlight.»

Andrighetto ist bewusst, dass seine aktuelle Rolle in Montreal auch den zahlreichen Verletzten im Team geschuldet ist: «Ich habe viel Eiszeit, weil sie den Jungen die Chance geben, etwas zu zeigen.» Seinem Ziel, sich unter den Top-9-Stürmern eines NHL-Teams zu etablieren, ist er trotzdem näher denn je.

Den Hauptgrund, warum das ein sehr hohes Ziel ist, kennt er zu gut. Nachdem er mit 17 von den GCK Lions ins kanadische Junioren-Hockey wechselte, wurde er im Draft zweimal übergangen – man traute dem nur 1,78 Meter grossen Skorer nicht zu, sich gegen NHL-Verteidiger durchzusetzen. Andrighetto musste im Playoff schon den besten Punkteschnitt der gesamten Juniorenliga (QMJHL) erreichen, bis die Canadiens ihn 2013 doch noch auswählten.

Seither hat der Zürcher viel an sich gearbeitet. Er orientiert sich an Spielern wie Patrick Kane und Pawel Dazjuk, die sich trotz geringer Grösse mehr als behaupten in der NHL. Und auch Kraft hat der Schweizer «schon viel zugelegt», sein aktuelles Wettkampfgewicht von 85 Kilo nennt er «genau optimal». Als kleiner Spieler dürfe man nicht zu schwer sein, sonst leide die Spritzigkeit. Aber man müsse auch aufpassen, während einer anstrengenden NHL-Saison nicht zu viel Substanz zu verlieren.

Andrighetto hofft, diesen heiklen Balanceakt noch lange zeigen zu können. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 27.03.2016, 11:25 Uhr)

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