Eine angeschlagene Nation hofft auf ihre Fussballer
Von Florian A. Lehmann. Aktualisiert am 09.09.2009
Umfrage
Welches Resultat erwarten Sie heute Abend in Riga?
1:0
2:0
3:0
2:1
3:1
3:2
0:0
1:1
2:2
3:3
0:1
0:2
0:3
0:4
1:2
1:3
1:4
2:3
2:4
3:4
1851 Stimmen
Artikel zum Thema
Für den Sport-Fan stellt Lettland keine Unbekannte dar. So hat doch jüngst der FC Zürich gegen den lettischen Meister Ventspils den Sprung in die kontinentale Königsklasse geschafft. Weniger gut sind die Erinnerungen der Schweizer Eishockey-Supporter an die Sportler aus Nordost-Europa. Dank dem Penaltytriumph in der Zwischenrunde gegen das Team von Ralph Krueger vermiesten die Gäste aus dem Baltikum die grosse Hockey-Party in Bern. Schon vor drei Jahren an der A-WM hatten die Schweizer in der Skonto-Eishalle von Riga, die schwer an eine Gemüse-Markthalle mit einer dünnen Eisschicht erinnert, den Viertelfinal verpasst.
Letztlich bleibt auch die überraschende Qualifikation des Fussball-Nobodys für die EM 2004 in Portugal haften. Das torlose Unentschieden gegen Deutschland in der Gruppenphase ging als mittlere Sensation in die Geschichte ein. Schliesslich bleibt noch der erknorzte 2:1-Sieg der Hitzfeld-Truppe vom 11. Oktober in St. Gallen gegen Lettlands Bollwerk im Rahmen dieser WM-Qualifikation in Erinnerung.
Historische Konflikte
Aber was wissen wir eigentlich über Lettland und deren Bewohner? Ehrlich gesagt: nicht viel. Die Schotten sind geizig, die Schweizer sollen strebsam und ein bisschen «bünzlig» sein – aber wo ist Lettland und wie sind sie, die Letten? Wir schauen zuerst mal im Lexikon nach und erfahren, dass die Republik eine Fläche von 64,589 km2 hat. Sie ist damit flächenmässig etwas kleiner als der Freistaat Bayern (70'551 km2), aber grösser als die moderne Eidgenossenschaft (41'258 km2). Dafür treten sich in der Schweiz mit 7,7 Millionen Einwohnern (186 Einwohner pro km2) bedeutend mehr Leute auf den Füssen herum als in Lettland (2,271 Millionen/35 Einwohner pro km2).
Viele Gewässer (Flüsse, Seen, Stauseen) durchfliessen Lettland; bezeichnenderweise wurde mit «Rix» ein Biber als Maskottchen für die Eishockey-A-WM 2006 ausgewählt. Und: Die Nation grenzt ans Meer, der Berg Gaizinkalns ist mit einer Höhe von 311 Metern über Meer die höchste Erhebung. Folglich: Lettland ist keine Binnennation und schon gar kein Alpenland.
Historisch gesehen hat die EU-Nation (und die Region) einiges durchgemacht. Darunter leidet heute noch das Verständnis zwischen den lettischen Letten (59 Prozent der Bevölkerung) und den russischen-Letten (28 Prozent). Und wer schon einmal das Vergnügen hatte, Lettland zu besuchen, wird feststellen, dass beachtlich viele Studentinnen und Studenten ausgezeichnet Deutsch sprechen. Natürlich hat dieser Aspekt historische Hintergründe. (Übrigens: Die Letten-Badi an der Limmat, wo sich Herr und Frau Zürcher im Sommer abkühlen, hat definitiv nichts mit Lettland zu tun.)
Die Krise drückt auf das Gemüt
Während der traditionelle Schweizer gerne mal «Chäs u Broot» oder ein Fondue isst, trägt bei der traditionellen lettischen Küche die Kartoffel die Nummer 10. Ihr kommt kulinarisch die Rolle als Spielmacherin zu. Gerne bruzelt das lettische Volk beim Picknick über dem Grill Schaschlik, ein kühles Blondes als flüssiges Beigemüse darf dabei nicht fehlen. Heutzutags hat – wie überall in Staaten aus der ehemaligen Sowjetunion – auch die ausländische Gastronomie den Stammplatz in den Menükarten der Restaurants gefunden.
Möglichkeiten zum Ausgehen gab es anlässlich der Hockey-WM in der Hauptstadt Riga viele. «Inzwischen ist die Partyzeit aber vorbei», erklärt der lettische Sportjournalist Maris Szembergs gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Die Wirtschaftskrise setzt der Bevölkerung schwer zu. Die Leute haben wenig Geld, um sich in der Freizeit zu vergnügen. Viele Leute haben Angst vor einer düsteren Zukunft.» Dennoch erwähnt Szembergs vor dem Fussball-Knüller gegen die Schweiz schmunzelnd, dass viele Letten gerne in den Alpenländern Skifahren würden. «Gerade weil das bei uns unmöglich ist.»
Laute, treue und patriotische Fans
Damit wären wir wieder beim Sport, der in Lettland einen grossen Stellenwert einnimmt, wohl einen grösseren als in der Schweiz. Szembergs weist darauf hin, dass in der Gunst des Publikums normalerweise Eishockey und Basketball vor Fussball stehen. Der 1:0-Sieg in Israel hat wieder eine grosse Fussball-Euphorie im Land geweckt, ähnlich wie vor fünf Jahren, als Lettland an der EM-Endrunde in Portugal verblüffte. Dass die Fans aus der baltischen Nation heissblütig und patriotisch sind, hat der Beobachter schon an manchen Eishockey-Weltmeisterschaften miterleben können. Zu Hause, etwa vor drei Jahren in Riga, war der Lärm im neu gebauten Hockey-Stadion gar ohrenbetäubend. Den Schweizer Fussballern steht demnach ein ungemütlicher Abend in der altertümlichen Skonto-Arena bevor.
«Die Letten sind sehr gastfreundlich», sagt Arina Burcev, die mit ihrer Familie bei ihrem Schweizer Cousin an der Zürcher Goldküste zu Gast ist. Natürlich verfolgt sie den Match von heute Abend am TV, im Beisein mit der Schweizer Fraktion des Hauses. «Die wirtschaftlich missliche Lage stimmt uns jedoch sehr traurig.» Darum hofft Arina, ohne unhöflich gegenüber ihren Schweizer Gastgebern zu sein, auf einen lettischen Erfolg. «Das würde unsere Moral heben.»
Kommt nicht in Frage, liebe Cousine. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 09.09.2009, 16:46 Uhr



