Sport

Einst Hoffnungsträger – bald Ladenhüter?

Von Florian A. Lehmann. Aktualisiert am 26.07.2010

Franck Ribéry trainiert wieder bei den Bayern. Die Klubbosse halten noch zu ihrem gestürzten Star, obwohl der Vereinstrainer den prominenten Franzosen gar nicht mehr braucht.

Einsame Runden: Franck Ribéry befindet sich im Wiederaufbau und steht vor einer ganz heiklen Phase seiner Laufbahn.

Einsame Runden: Franck Ribéry befindet sich im Wiederaufbau und steht vor einer ganz heiklen Phase seiner Laufbahn.
Bild: Keystone

Es ist wieder einmal eine positive Meldung des 27-jährigen Profi-Fussballers. Franck Ribéry hat am Sonntag das Training bei seinem Arbeitgeber aufgenommen. Auf dem Klubgelände an der Säbener Strasse absolvierte der Franzose unter Fitnesscoach Thomas Wilhelmi die nächste Stufe seines Vorbereitungsprogrammes. So richtig ran darf der rekonvaleszente Sportler noch nicht. Vor kurzem an beiden Leisten operiert, ist Vorsicht beim Wiederaufbau angebracht. «Bis zum Training mit der Mannschaft muss ich wahrscheinlich noch eine Woche bis zehn Tage warten», lauten die offiziellen Worte des prominenten Arbeitnehmers auf der Website der Bayern.

Dass er dabei von den wenigen Zaungästen mit Applaus empfangen wurde, wird ihm guttun. Denn die jüngste Vergangenheit verlief für den Mittelfeldspieler alles andere als rosig und geplant, und schon gar nicht von Applaus begleitet: stetige Verletzungen, eine desaströse WM mit der disziplinlosen Bande namens «Les Bleus», das anschliessende Intermezzo auf dem OP-Tisch und schliesslich der Sexskandal mit der minderjährigen Prostituierten Zahia D. – das einstige Idol lieferte Schlagzeilen der negativen Art, nicht nur in seiner Heimat. Da ist der von der Öffentlichkeit angeschossene und von der Justiz ins Visier genommene Fussballer schon mal froh, dass er in München seine ersten Runden drehen darf. Und je weniger Publikum und Journalisten sich an der Säbener Strasse einfinden, umso besser für den Mann aus Boulogne-sur-Mer mit dem markanten Gesicht.

Der Ruf ist ruiniert

Ribéry ist froh, dass er von der Vereinsspitze beschützt und geduldet wird – vorerst wenigstens. Er solle als Sündenbock für die in Frankreich verachtete Nationalmannschaft herhalten, die Justiz würde ein politisch motiviertes Verfahren gegen ihn betreiben, wetterte gemäss «Spiegel online» Bayern-Präsident Karl-Heinz Rummenigge gegen französische Behörden und Medien. Dass der deutsche Rekordmeister seinen Skandal-Spieler noch schützt, hat allerdings primär kaum mit Nächstenliebe zu tun.

Denn der Franzose, im Sommer 2007 als Hoffnungsträger der Bayern verpflichtet, ist sportlich in seiner dritten Saison mit den Rot-Weissen in die Bedeutungslosigkeit abgestürzt. Sein Image hat auf Grund seiner Leistungen sowie seiner Eskapaden neben dem Rasen stark gelitten. Ribérys Ruf ist im Sommer 2010 nicht ramponiert, sondern ruiniert. Sogar sein direkter Vorgesetzter, Trainer Louis van Gaal, meint im «Kicker» vielsagend: «Ich haben den grossen Ribéry noch nicht gesehen, dafür war er zu oft verletzt.» Der Holländer weiss auch ganz genau, dass er den einstigen Mittelfeldmotor in seinem Bayern-Gefüge eigentlich nur noch als Joker oder Ergänzungsspieler braucht. Sein zusammengefügtes Team hat schliesslich in der vergangenen Rückrunde ohne Ribéry funktioniert, sowohl in der Liga als auch im Cup. Andere haben die Rolle als Star und Matchwinner übernommen, allen voran Arjen Robben. In der Champions League hätte Ribéry mit seinem Platzverweis gegen Olympique Lyon sein Team beinahe noch um den Finaleinzug gebracht. Im Endspiel gegen Inter war er gesperrt. Es ist eine Höchststrafe für einen Fussballer, bei einem solch bedeutenden Event nur Zuschauer zu sein.

An Marktwert verloren

Noch vor einem Jahr war die Situation ganz anders: Da füllten tägliche Transfergerüchte um den dominanten Franzosen die Spalten der Sportseiten. Real Madrid, Chelsea und Manchester United buhlten um die Gunst von Ribéry. Doch er blieb in der Bundesliga – und ein Jahr später sind die Top-Destinationen Europas für den Profi so weit weg wie ein Trip auf die Galapagos-Inseln. Für den Fussballer, der ja Qualitäten besitzt, wäre schon ein Teileinsatz im DFB-Pokal Mitte August gegen die Amateure von Germania Windeck bereits ein Erfolg.

Bayerns Teppichetage schützt das Sorgenkind, das sich selbst ins sportliche und juristische Abseits gedribbelt hat, um es noch einmal moralisch aufzurichten und sportlich aufzubauen. Denn der Marktwert des Professionals ist tief gefallen, die Münchner können ihn momentan unter den aktuellen Umständen nicht gewinnbringend verkaufen. Überspitzt ausgedrückt könnte Ribéry, der einen Vertrag bis zum 30. Juni 2015 hat und ein Gehalt von zehn Millionen Euro bezieht, fast so etwas wie zum Ladenhüter mutieren. Der Klub hofft jedoch, dass sich der Spieler selbst von seiner Baisse erholen und im Bayern-Dress bald wieder an alte Vorstellungen anknüpfen wird. «Ich will eine starke Saison spielen», lautet der Vorsatz des inzwischen kleinlauten Profis, der in seinem Leben so gewaltig unter Druck steht wie noch nie.

Die grosse Frage ist, ob die Justiz den Fussballer überhaupt auf dem Platz gewähren lässt. Denn Ribérys Ehe-Foul respektive Seitensprung im Rotlicht-Milieu könnte hinter schwedischen Gardinen enden. Und von der Gefängniszelle aus hat noch niemand auf dem Fussballplatz ein Tor erzielt.

Aber bei Ribéry weiss man ja nie so recht.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.07.2010, 16:44 Uhr

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Stand: 25.05.2012 15:24
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