FCZ verhängt 80 Stadionverbote weniger als St. Gallen
Von Matthias Halbeis und Simon Staufer. Aktualisiert am 12.10.2009 11 Kommentare
Grafik: «SonntagsZeitung»
Das Paar an der Stadion-Busstation in Basel war chancenlos. Die vier Fussballchaoten griffen unvermittelt an. Sie traktierten den Mann mit Fäusten, auch die Frau trafen Schläge. Die Täter wählten ihre Opfer beim Angriff vom vergangenen Sonntag bewusst aus: Als «Scheisspolizisten» beschimpften sie den Mann. Der Polizist aus Baselland hatte den Match FC Basel - FC Sion privat verfolgt. Er musste im Spital Verletzungen behandeln lassen. Die Tat ist vorläufiger Tiefpunkt der Gewaltspirale. In der laufenden Saison dreht sie ungebremst weiter.
Geht es um die Verantwortung für diese Entwicklung, verweisen Vertreter von Klubs und Ligen gerne auf gesellschaftliche Probleme. Recherchen der «SonntagsZeitung» zeigen: Viele Klubs machen die Hausaufgaben nicht. Erst eine Minderheit der Vereine spricht konsequent Stadionverbote aus. Und diese werden nur ungenügend durchgesetzt.
St. Gallen offensiv – Zürich zurückhaltend
Dies geht aus der vertraulichen «Stadionverbotsliste Fussball» der Schweizerischen Fussball-Liga (SFL) hervor. Das passwortgeschützte elektronische Dokument listet 565 gesperrte Personen inklusive Jahrgänge und Wohnorte auf. Verzeichnet ist weiter, zu welchen Klubs sich die Gesperrten zählen und wer sie mit dem Stadionverbot belegt hat.
Mit 90 Stadionverboten hat der FC St. Gallen am meisten Chaoten ausgeschlossen. Vergleichbare Zahlen weisen der FC Luzern, der FC Aarau, die Berner Young Boys und der FC Basel auf. Diese fünf Klubs haben 70 Prozent aller Stadionverbote ausgesprochen. Die restlichen Super-League-Klubs kommen auf nur gerade 60 Stadionverbote. Lediglich 10 davon sprach der FC Zürich aus, obschon ein Teil der Fans regelmässig Pyros zündet und Schlägereien anzettelt (siehe Tabelle links).
«Ins Stadion zu kommen, ist kein Problem»
Aufgrund der Liste lassen sich erstmals Angaben zur Herkunft der Gewalttätigen im Schweizer Fussball machen: Die meisten Chaoten mit Stadionverbot sind männlich und zwischen 18 und 25 Jahre alt. Eine beachtliche Zahl der Sanktionierten ist minderjährig. Die Randalierer stammen eher aus einkommensschwachen Dörfern als aus finanzstarken Gemeinden und wohnen eher in Klein- als in Grossstädten, wie die Forschungsstelle Sotomo berechnet hat. Die Liste weist keine Staatsbürgerschaft aus, ausländische Namen findet man kaum.
Spricht man mit Leuten, gegen die ein gültiges Stadionverbot vorliegt, wird klar: Wer an den Match will, geht trotzdem hin., sagt ein Betroffener. Einige Fans mit Stadionverbot beklagen, dass die Verhängung von Sanktionen willkürlich und ohne Rechtsmittel geschehe. Klar, dass solche Leute sich an kein Verbot halten wollen. Personen, die in kleineren Orten wohnen, respektieren die Sanktion eher: Sie fürchten, ihr Umfeld könnte vom Verstoss erfahren. Und sind überzeugt, dass dies arge soziale Folgen hätte.
Die Liste beweist, dass Kontrollen lückenhaft sind: 16 Chaoten kassierten ein Stadionverbot, obschon bereits ein anderes in Kraft war. Zum Teil waren die Delikte beim zweiten Mal schwerer. Ein Beispiel aus der Liste: Die erste Sanktion gab es für «Betreten des Spielfeldes», die zweite wegen Gewalt und Landfriedensbruch.
Sanktionen wegen Missachtung des Verbots gibt es kaum
Nach Auswüchsen bei Spielen fordern der Fussballverband und die Klubs gerne mehr Engagement der Polizei. Doch für den Generalsekretär der Polizeidirektoren-Konferenz (KKJPD), Roger Schneeberger, ist klar: «Alle Konzepte zur Verhinderung von Gewalttaten können wir nur erfolgreich umsetzen, wenn die Klubs konsequent Stadionverbote erteilen.» In der Hooligan-Datenbank der Bundespolizei sind Personen verzeichnet, die von Klubs wegen eines Gewaltdelikts ein Stadionverbot erhalten haben. Laut Schneeberger gebe es kaum Einträge, die von einer Sanktion nach einem missachteten Stadionverbot herrührten. Er nimmt die Klubs in die Pflicht: «Die Einhaltung von Stadionverboten könnte besser kontrolliert und durchgesetzt werden.»
Konfrontiert mit den Recherchen gibt der Sicherheitschef des Schweizer Fussballverbandes (SFV), Ulrich Pfister, zu: «Die Klubs könnten bei der Sicherheit ihre Arbeit verbessern.» In bestimmten Fällen betreffe dies auch die konsequente Verhängung von Stadionverboten. Roger Müller, Sprecher der Swiss Football League, sagt: «Es ist ein offenes Geheimnis, dass Stadionverbote nicht immer und überall konsequent umgesetzt werden.» SFV und Liga sagen, sie hielten die Vereine zu konsequenterem Handeln an.
Polizeistudien sprechen von mafiaähnlichen Strukturen
Härteres Durchgreifen verspricht der FC Zürich: Der Verein hat seine interne Organisation auf diese Saison hin so umgestellt, dass Angaben zu Straftätern schneller bei der Polizei in Erfahrung gebracht werden können und der Klub konsequenter Stadionverbote aussprechen kann. Der FC Basel hofft auf Verständnis, eine Zugangskontrolle wie in einem Flughafen sei in einem Stadion nicht umsetzbar: «Wir betreiben einen hohen Sicherheitsaufwand», sagt FCB-Sprecher Josef Zindel. Trotzdem könne der Verein nicht ausschliessen, dass unter 20’000 Zuschauern ausnahmsweise auch jemand ins Stadion kommt, der mit einem Stadionverbot belegt ist.
Klar ist, dass alle Klubs unter enormem Druck stehen: Einerseits steigen aufgrund der Ausschreitungen die Sicherheitskosten. Und andererseits bedrohen militante Fussballchaoten systematisch Klubleitungen und Sicherheitsbeauftragte, wenn sie konsequenter gegen Gewalt vorgehen: Anrufe in der Nacht, Belästigungen im Restaurant und regelmässige Warnungen per Post sind Standard.
Es gibt keine Anzeichen, dass sich diese Gruppen mässigen: Die militanten Fans vernetzen sich inzwischen über die Klubgrenzen hinweg. Polizeistudien sprechen von mafiaähnlichen Strukturen: Die Anführer in den Fanblocks seien nur vorgeschobenes Führungspersonal. Die wahren Hintermänner koordinierten die Gewaltausbrüche von den Sitzplatzsektoren aus. Die Kontakte zum Klub suchten solche Fangruppen nur, um an wichtige Informationen über die Sicherheitsvorkehrung zu kommen, nicht, um gemeinsame Lösungen zu finden. Sie wollen – wie der gewaltbereite Anhang des FC St. Gallen kürzlich auf einem Transparent deklarierte – weiter für «gewaltige Stimmung» im Stadion sorgen. (SonntagsZeitung)
Erstellt: 12.10.2009, 10:18 Uhr
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11 Kommentare
@Pasquale Auberson: dann müssen sie auch autos verbieten. schliesslich erreichen die tempo 200 und fahren allenfalls durch eine fussgängerzone. mir ist kein fall bekannt, wo sich jemand mit pyro im stadion verletzt hat, ganz im gegensatz zum 1. august. Antworten








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