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«Favre und ich fordern einander – das ist gut»

Für Dieter Hoeness, Manager von Hertha Berlin, ist die Arbeit mit seinem Erfolgstrainer Lucien Favre nicht immer ganz einfach. Hoeness sagt: «Er hat sehr hohe Ansprüche, genau wie ich.»

Selten gleicher Meinung, aber mit Hertha Berlin an der Spitze der Bundesliga: Manager Hoeness und Trainer Favre.

Selten gleicher Meinung, aber mit Hertha Berlin an der Spitze der Bundesliga: Manager Hoeness und Trainer Favre.
Bild: Keystone

Dieter Hoeness, wird Hertha Berlin Deut­scher Meister?
Ja, irgendwann. Dieses Jahr sind wir al­lerdings gut beraten, keine Erwartungen zu wecken, die wir realistischerweise noch nicht erfüllen können.

Weshalb sind Sie so zurückhaltend?
Es gibt zwei, drei Mannschaften, die besser besetzt sind. Die Bayern sowieso. Wenn die spielen, was sie können, wenn sie wie eine Mannschaft auftreten, dann gibt es für mich ohnehin nur einen Meis­ter. Aber die Wirklichkeit zeigt ja, dass die individuelle Besetzung einer Mannschaft nicht das einzige wichtige Kriterium ist. Also haben wir eine theoretische Chance, vorausgesetzt, wir spielen an unserem Ma­ximum und die anderen bleiben deutlich unter ihren Möglichkeiten.

Sie üben sich in professionellem Understate­ment.
(lächelt) Wir kommen mit dieser Aus­senseiterrolle ganz gut zurecht. Es ist nur vernünftig, dass wir uns zurückhalten. Wir haben ja noch nichts erreicht. Meines Wis­sens gab es für den ersten Platz nach 22 Spieltagen noch nie den Meistertitel.

Hätten Sie vor eineinhalb Jahren gedacht, dass Hertha im März 2009 zwölf Runden vor dem Saisonende an der Spitze liegt, mit guten Möglichkeiten Meister zu werden?
Ich habe vor eineinhalb Jahren prognos­tiziert, dass wir uns in der nun laufenden Saison einen Uefa-Cup-Platz holen und im nächsten Jahr um die Champions-League­-Plätze mitkämpfen werden.

Das macht Hertha doch jetzt schon.
Die Mannschaften an der Spitze liegen nahe beieinander. Das Spiel gegen Mön­chengladbach am Samstag hat gezeigt, dass wir noch keine Klassemannschaft sind. Ein echtes Spitzenteam hätte die Par­tie nach dem 2:0 locker nach Hause ge­spielt. (überlegt) Wir haben viele Spiele knapp für uns entschieden, nicht unver­dient, aber halt knapp.

Wie gross ist das Verdienst von Lucien Favre?
Das ist natürlich gross. Aber in Deutsch­land wird gerne übertrieben. Ohne Mann­schaft kann kein Trainer der Welt Erfolg haben. Also erwähne ich auch die Spieler, die das umsetzen, was der Trainer mit ih­nen erarbeitet. Mir ist wichtig, dass der Erfolg nicht an einer einzigen Person festgemacht wird. Bei Hertha greift das Rä­derwerk sehr gut inei­nander. Das bringt uns den Erfolg. Ich weiss, dass es furchtbar abge­droschen klingt: Aber bei Hertha ist der Star die Mannschaft.

Die Mannschaft wirkt gesund.
Es ist uns gelungen, ihren Charakter zu verän­dern. Wir haben gute Ty­pen im Team, gestandene Spieler und junge Spieler mit viel Potenzial. Alle haben Hun­ger auf Erfolg, sie heben nicht ab, wenn es einmal etwas besser läuft, sie brechen nicht zusammen, wenn einmal ein kleiner Rückschlag folgt.

Wer sind denn die starken Persön­lichkeiten?
Arne Friedrich, Joe Simunic und Pal Dardai nehmen nicht nur auf dem Platz, sondern auch daneben viel Verantwortung wahr. Sie sind ganz wichtige Stabilisatoren. Und wichtig war auch, dass wir mit Friedrich, Simunic und Torhüter Drobny bereits ein Korsett im Ab­wehrbereich hatten, bevor Lucien Favre nach Berlin gekommen ist. Viele Kleinigkeiten bringen Hertha den Erfolg. Aber keine Frage: Einer muss das Ganze koordinieren, auf dem Trainingsplatz und in der Ka­bine. Das ist der Cheftrainer mit seinem Trainerstab.

Sie waren von Favre immer überzeugt?
Ja, aber ich habe schon im Mai 2007 auf einer Mitgliederversammlung gesagt, also bevor Favre kam: Es reicht nicht, nur den Trainer, der damals Götz hiess, auszutau­schen. Die Struktur der Mannschaft hat nicht gestimmt, insbesondere der Charak­ter. Und Hertha war damals in der Offen­sive sehr von Marko Pantelic abhängig. Wir wollten den Umbruch – und dafür brauchten wir den passenden Trainer.

Hat sich der Charakter der Mannschaft wegen Favre verändert?
Nein, wegen der Typen, die wir geholt haben. Das war eine Kooperation, das ha­ben wir zusammen gemacht. Es ist in Ber­lin anders als in England oder Wolfsburg. In Wolfsburg macht Felix Magath alles al­lein. Wir machen das wie die Bayern oder der HSV. Die Spieler werden unter Mit­wirkung des Trai­ners verpflichtet.

In Favre haben Sie sich nie getäuscht?
Nein, ich habe ihn ja schon lange beobachtet und seine Karriere ver­folgt. Und ich habe mich bei vielen Leuten, die den Schweizer Fussball ken­nen, über ihn erkundigt. (lacht) Kalle Rummenigge (Anmerkung: Vorstandsvor­sitzender von Bayern München) hat mir bei dieser Gelegenheit übrigens gesagt, dass sich Favre von sich aus nach meiner Telefonnummer erkundigt hatte, schon Wochen bevor er bei uns ein wirkliches Thema wurde. Kalle hat Favre aber eine Telefonnummer gegeben, die nicht mehr in Betrieb war. Favre hat mir auf die Mail­box gesprochen, aber ich habe die Mel­dung nie abgehört.

Also kam das Interesse für Hertha auch von ihm aus?
Offensichtlich hat auch Favre in Hertha einen Kandidaten gesehen, bei dem er den nächsten Schritt in der Karriere machen konnte. Er soll enttäuscht gewesen sein, dass ich ihn nicht zurückgerufen habe.

Was ist Favres grösste Qualität?
Er arbeitet auf dem Trainingsplatz un­glaublich akribisch mit den Spielern, an der Struktur, an den Laufwegen, an den Automatismen . . . Er ist hartnäckig, und er hat ein vernünftiges Konzept. Jeder Spieler weiss genau, was er zu tun hat. Er legt Wert auf jedes Detail, auch bei der Spielvorbereitung. Und in der Personal­planung ist er absolut gewissenhaft, er setzt sich sehr intensiv mit möglichen Transfers auseinander. Da kann es auch zu Meinungsverschiedenheiten kommen.

Es kommt also auch bei Hertha wie einst beim FC Zürich vor, dass er fast perfekte Transfers in letzter Minute platzen lässt?
(schmunzelt) Es kann unterschiedliche Meinungen geben. Joe Simunic . . .

. . . den Favre nicht mehr wollte, aber Sie ha­ben sich durchgesetzt.
Darum ging es mir gar nicht. Das wäre eine zu kleinkarierte Betrachtungsweise. Es geht auch nie da­rum, ob ein Spieler von Hoeness oder von Favre ver­pflichtet wurde. Hertha BSC ver­pflichtet Spieler. Ich war einfach von Simunics Qualitä­ten überzeugt und habe mit Favre lange darüber gesprochen. Heute weiss er den Wert von Simunic zu schätzen. Mir gefällt es, dass man sich mit Favre reiben kann. Er hat sehr hohe Ansprüche, genau wie ich. Wir fordern einander – das ist gut.

Favres Beziehung mit Pantelic ist nicht mehr zu kitten.
Immer, wenn Pantelic fit ist, stellt Favre ihn auf.

Favre regt sich auf, weil Pantelic nach jedem Spiel drei, vier Tage nicht trainiert, sondern sich nur pflegen lässt.
Ich kann den Ärger des Trainers verste­hen. Wenn Pantelic diese Defizite nicht hätte, hätte er vor seiner Zeit bei uns kaum für Klubs wie Yverdon gespielt.

Wenn Pantelic den Verein im Sommer verlässt, muss Hertha einen neuen Stürmer verpflichten. Sie waren zu Beginn der Rück­runde beim Zürcher Derby . . .
. . . ja, und ich habe dem Bobadilla von den Grasshoppers einfach mal zugeguckt. Er ist aber nur einer von vielen, die für uns infrage kommen könnten.

Sie schliessen nicht aus, weitere Spieler aus der Schweiz zu verpflichten?
Nein. Es gibt dort viele gute Spieler. Un­sere Spieler aus der Schweiz (Anm.: Lus­tenberger, von Bergen und Raffael) haben ihre Bundesligatauglichkeit bewiesen.

Das Geld für neue Spieler ist trotz Schulden von 30 Millionen Euro vorhanden?
Wir haben unsere Verbindlichkeiten über die letzten Jahre fast halbiert. Die 30 Millionen sind ein Sockel, mit dem wir leben können. Eine weitere Schulden­reduktion ist nicht vordringliches Ziel. Wenn wir zusätzliche, nicht eingeplante Erträge hätten, würden wir sie in die Mannschaft investieren. Falls wir die Champions League erreichen, würden wir mit dem Geld das Kader verstärken.

Das Budget von Hertha liegt diese Saison bei 72 Millionen Euro. Muss dieser Betrag wegen der Finanzkrise in der kommenden Saison nach unten angepasst werden?
Wir planen kommende Saison gesamt­haft mit 6 Millionen Euro weniger. Den Personaletat werden wir von 31 auf 28 Mil­lionen reduzieren.

Hertha muss sparen . . .
. . . ja, aber es gibt auf der Einnahmen­seite variable Faktoren. Wir können im jetzigen Moment nicht wissen, ob wir nächste Saison international spielen wer­den. Konkreter planen können wir im Mai oder Juni. Für den Moment müssen wir kürzertreten. Das ist der Grund, weshalb wir mit Arne Friedrich den Vertrag verlän­gert und seine Bezüge um zwanzig Pro­zent gesenkt haben. Er war einverstanden.

Hat Favre diese Einsicht auch gehabt?
Er hatte nie in der Bundesliga gearbeitet und kam aus der Schweiz . . . Nun haben wir seinen Vertrag um ein Jahr verlängert. Es ist nur normal, dass wir seine Bezüge angehoben haben. (Anm.: Favres Grundge­halt soll neu eine Million Euro betragen.)

Weshalb haben Sie seinen Vertrag vorzeitig bis 2011 verlängert?
Er leistet gute Arbeit, und mir ist die Kontinuität wichtig. Und auch er wollte Planungssicherheit. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.03.2009, 08:39 Uhr

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