Früher war beim FCB mehr Lametta

Urs Fischer liefert dem FC Basel das, was von ihm erwartet werden durfte – aber reicht es auch?

Urs Fischer beim FCB: Keine Swarovski-Einhörner. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Urs Fischer beim FCB: Keine Swarovski-Einhörner. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

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Ja, möglicherweise ist das alles etwas unfair. Der FC Basel hat punktemässig den besten Start in die Super League seit 13 Jahren hingelegt. Er überwintert im Cup. Und er hat mit einem Punktgewinn heute in der Champions League gegen Arsenal immer noch die Möglichkeit, auch im Frühjahr europäisch zu spielen. Und doch wirkt die Stimmung um den Club derzeit reichlich freudlos und wird Urs Fischer häufiger von den Medien seziert als die tiefgefrorenen Maikäfer im Biologieunterricht der Oberstufe.

Ist der Trainer des FCB mutlos? Überzeugt seine Taktik? Fördert er die Jungen, setzt er europäisch Glanzlichter? Und gilt ein 6:0 gegen Vaduz eigentlich als Spektakel, nur weil sechs Tore gefallen sind? Ja, wer in Basel an der Seitenlinie steht, der muss unglaublich vielen verschiedenen Ansprüchen genügen.

Natürlich bemühen sich alle Vereinsvertreter nach Kräften, all die Diskussionen um Fischer als reine Medien­geschichten darzustellen. Und doch können sie nicht verhindern, dass eine nicht ganz einfach zu greifende Unzufriedenheit rund um den Club entsteht.

Das kann nicht Urs Fischer alleine ­angelastet werden. Aber er hat das Pech, die exponierteste Stelle beim FCB innezuhaben. Eigentlich liefert Fischer ­genau das ab, was man von ihm erwarten konnte, als er im Sommer 2015 als Basler Trainer installiert wurde. Auf die aktuelle Jahreszeit umgelegt: Wer sich von Fischer einen Weihnachtsbaum aufstellen lässt, der kann recht sicher sein, dass der Stamm exakt senkrecht im ­Ständer steckt. Glitzernde Swarovski-Einhörner dagegen sollte man als Schmuck­elemente eher nicht erwarten.

Eine Klausel im Vertrag

Genau das wird Fischer nun vorgehalten: dass er zu wenig Spektakel biete, und dass es unter ihm bislang keine ­magischen Nächte in der Champions League gegeben habe. Das Basler Publikum blickt auf Fischers nüchternen Weihnachtsbaum und stellt mit Loriots nörgelndem Opa Hoppenstedt fest: «Früher war mehr Lametta.»

Dabei hatte der FCB nach dem arg professoral auftretenden Paulo Sousa ehrliche Arbeit ohne Extravaganzen ­gesucht. Und er hat genau das erhalten. Kein Wunder, sagt Bernhard Heusler immer wieder, dass ihn beeindruckt, wie ernsthaft das Team unter Fischer auch an wenig prestigeträchtige Aufgaben wie ein Auswärtsspiel in Vaduz herangehe. Und vor dem 0:0 in Rasgrad erklärte der FCB-Präsident, auf Fischers Jobsicherheit über den Juni 2017 hinaus angesprochen: «Wir haben doch nicht den ­geringsten Anlass, über Veränderungen nachzudenken oder zu reden.»

Klar ist: Eine Klausel in Fischers Vertrag verlängert seinen Vertrag automatisch, wenn gewisse sportliche Ziele erreicht werden. Wie diese aussehen, ist geheim. Und dass ihr Erreichen allein keine Versicherung gegen einen frühzeitigen Abschied ist, weiss die Öffentlichkeit spätestens seit Murat Yakins Ende trotz des gewonnenen Titels 2014.

«Die Gespräche können darum durchaus auch mit der Personalie Urs Fischer zu tun haben, das ist legitim.»Urs Fischer

Möglich, dass Fischers Arbeit vereinsintern anders beurteilt wird, als es die Öffentlichkeit tut. Der Gewinn der Meisterschaft hat beim FCB oberste Priorität; mit ihr zapft der Club vorerst weiter die sprudelnden Millionen der Champions League an. Und hier liefert ­Fischer: Mehr als zwölf Punkte Vorsprung in der Liga nach 17 Runden kann niemand ernsthaft verlangen.

Wer verstehen will, warum Fischers Arbeit trotzdem derart skeptisch ­betrachtet wird, blickt am besten in den Sommer 2009 zurück. Fischer trainierte die U-21 des FC Zürich, als sich der FC Basel in einer Sinnkrise neu erfinden musste. Eben hatte sich der Club von Überfigur Christian Gross getrennt. Nach zehn Jahren, in denen galt: Gross, das ist der FCB – und der FCB, das ist Gross.

Nach dem schmerzhaften Trennungsprozess von jenem Mann, der den Erfolg nach Basel gebracht, am Ende aber auch zu viel Macht in sich vereint hatte, stand für den Vorstand fest: Nie mehr soll sich der FCB so sehr von einer einzelnen Person abhängig machen. Seither ist es die Clubführung, die die langfristige Vereinsstrategie vorgibt und nicht der Trainer.

Das hat den Vorteil, dass in Basel nicht jede Veränderung an der Seiten­linie grundsätzlich die Ausrichtung des Teams infrage stellt. Der Nachteil: Mit ­jedem weiteren Trainerwechsel werden die anhaltenden Erfolge in der Meisterschaft von der ­Öffentlichkeit mehr und mehr dem Gesamtkonstrukt FCB angerechnet: Dem Verhandlungsgeschick des Präsidenten Bernhard Heusler, der Spürnase des Sportdirektors Georg Heitz, den Millionen, die die Erfolge in die Kasse spülen. In der Aussenwahrnehmung bleibt dem Trainer da in der nationalen Liga bloss noch die Rolle des Erfüllungsgehilfen. Prestige bringt ihm nur der ausserordentliche Erfolg auf internationaler Ebene.

Ein solcher wäre ein Punktgewinn gegen Arsenal. Fischers Zukunft aber wird sich nicht heute Abend entscheiden. Wichtiger ist, ob die Vereinsspitze denkt, dass er der Trainer ist, mit dem sich der FCB weiterentwickelt. Darum ist bemerkenswert, was Fischer letzten Freitag erzählt hat. Dass er in der Winterpause mit der Clubführung reden werde. Und dass nicht sein Vertrag Thema sei, sondern die Ausrichtung des Clubs – die Frage, welche Richtung der FCB grundsätzlich einschlagen wolle. Seine freimütige Schlussfolgerung: «Die Gespräche können darum durchaus auch mit der Personalie Urs ­Fischer zu tun haben, das ist legitim.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.12.2016, 21:41 Uhr

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