Fussball, Machos und Depressionen
Von Ivan Ergic. Aktualisiert am 18.12.2009
Ivan Ergic: Der 29-Jährige spielt seit dieser Saison beim türkischen Erstdivisionsklub Bursaspor. Davor stand er während 10 Jahren beim FC Basel unter Vertrag. 2004 musste er sich ein Jahr lang wegen Depressionen an der Universitätsklinik Basel behandeln lassen. (Bild: Keystone)
Robert Enke, Goalie der deutschen Nationalmannschaft, brachte sich Anfang November um. Er war einer von Tausenden, die täglich Selbstmord begehen, weil sie die Dynamik des modernen Lebens nicht aushielten. Doch erst wenn sich eine bekannte Persönlichkeit umbringt, hört einen Moment lang das Schweigen über gesellschaftliche Tabus auf. Während sich die Menschen von der Schweinegrippe verrückt machen lassen, kosten Psychosen, Phobien oder Depressionen, wie sie Enke hatte, weit mehr Menschenleben. Und das Gefühl vieler, permanent müde zu sein, raubt der Gesellschaft ihre Lebensenergie. Die öffentliche Debatte, die auf Enkes Selbstmord folgte, bewegte sich allerdings an der Oberfläche. Eine vertiefte Analyse hätte gezeigt, dass unser Wertesystem vollständig verschoben ist.
In seiner Autobiografie beschreibt der frühere Fussballer Sebastian Deisler, der ebenfalls an Depressionen litt, wie es ihm bei Bayern München ergangen war. Was Deisler erzählt, gilt für jeden Verein, in dem nur Siege zählen und ein Männlichkeitskult herrscht. Wenn jemand nicht nur Härte und Verbissenheit zeigt, sondern auch Gefühle, werden ihm weibliche Attribute zugeschrieben, und er wird Tante oder Mutter gerufen. Das ist in einem Männerreservat wie dem Fussball die grösstmögliche Erniedrigung. Sebastians Mitspieler nannten ihn Deislerin. Solches hörte er nicht nur von Mitspielern, sondern auch vom Trainer und von den Zuschauern. Diese Zuschreibungen verraten die Komplexe einer patriarchalen Gesellschaft: Männlichkeit dominiert, und der Männlichkeitskult duldet keine Schwächen. Jene, die an psychischen Krankheiten oder Impotenz leiden, müssen sich schämen.
Wer das einfordert, woran Enke und Deisler gescheitert waren, ist allerdings der eigentliche Feigling in diesem Spiel. Seine Feigheit besteht aus der Angst, die eigene Persönlichkeit zu analysieren und seine Sensibilität zu erhöhen. Würde er sich länger im Spiegel betrachten, würde er vielleicht feststellen, dass davon wenig vorhanden ist. Die eigenen Schwächen kaschiert er mit machohaftem Gehabe, und er gibt sich ein gutes Gefühl, indem er die «Schwächeren» diskreditiert.
Diese Gladiatoren und Titanen, wie sie sich gerne nennen lassen, sind nicht schuld daran, dass sie kompromisslose Sieger wurden und gierig sind nach Titeln und Medienaufmerksamkeit. Die Indoktrination der Fussballer verantwortet die gesamte Gesellschaft, und sie beginnt schon bei den Kindern. Bereits bei den Junioren wird der Kult des Siegens und der Wettbewerbsfähigkeit gepflegt. Die Kinder werden so programmiert, dass sie nur zufrieden sind, wenn sie gewinnen. Indem sie an den Kampf gewöhnt werden, entwickeln sie wenig Empathie. Herrscht in der Gesellschaft ein latenter Sozialdarwinismus vor, so ist der Sport die reinste Form des Verdrängungswettbewerbs. Wer sich darin durchsetzt und es an die Spitze schafft, hat sich am besten an die dort herrschenden Gesetzmässigkeiten angepasst. Und er denkt nicht darüber nach, welche Rolle er dabei spielt.
Im Spitzensport gehört der Sportler allen, nur nicht sich selber. All die Erwartungen und Wünsche werden von aussen an ihn herangetragen. Deisler beispielsweise wurde bereits in jungen Jahren von der deutschen Öffentlichkeit zum kommenden Leader hochstilisiert - zu einem, von dem die Zukunft des deutschen Fussballs abhängen würde. Später hat Deisler bekannt, dass er unglaubliche Angst davor hatte, die Erwartungen nicht zu erfüllen. Welch grosse Last das für den jungen Fussballer gewesen sein musste, hat die Öffentlichkeit nicht interessiert. Es standen ja «nationale Interessen» auf dem Spiel.
Eine unerträgliche Heuchelei
Unsere Gesellschaft, die nichts mehr liebt als das Spektakel, weist jedem Einzelnen eine Rolle zu. Auch der Sportler nimmt jene Rolle ein, welche ihm die Gesellschaft zuschreibt. Die Masse entscheidet darüber, wer er ist und welchen Wert er hat. Sie befindet darüber, wann er als Held und wann er als «Scheissmillionär» zu gelten hat. Der Sportler wird so zum öffentlichen Gut, und jede Information über ihn, auch die intimste, ist von Interesse. Das zeigte sich im Fall von Robert Enke besonders drastisch: Selbst im Augenblick seines Todes gewährte man seiner Familie und seinen Verwandten keine Ruhe, damit sie sich würdig von ihm verabschieden konnten: Fussballfunktionäre hielten Reden, Politiker schickten Kondolenztelegramme, und die Fans trauerten kollektiv im Stadion. Wie in jeder Theatervorstellung musste auch hier der letzte Akt durchgeplant werden, bevor der Vorhang fiel. Und selbst nach der Aufführung geht die Vorstellung weiter: mit Enke in der Rolle als Legende.
Im Nachhinein stellte sich heraus, dass Enke Angst hatte, «seinen Sport» zu verlieren. Der Fussball war ihm Stütze, Lebensinhalt und Identifikation, sagte seine Witwe. Die Angst, das zu verlieren, was einen ausmacht, muss ungeheuerlich sein. Die Frage ist nur, warum sich jemand auf einen einzigen Aspekt des Lebens reduzieren lässt. Die Antwort ist die, dass in der heutigen Gesellschaft die Spezialisierung voranschreitet. Um Erfolg zu haben, muss man seine ganze psychische und physische Energie in ein Spezialkönnen stecken. Gerade Sportler sind von klein auf dazu verdammt, sodass sie keine Auswahl haben, auch wenn sie lieber etwas Sinnvolleres tun würden.
Der Sportler wird so geformt, dass er nicht erkennt, dass noch andere Möglichkeiten existieren. So wird er ängstlich und verbissen zugleich: Er erfährt sich nur so lange selber, wie er Erfolg hat. Mit Geld hat das nur am Rande zu tun. Auch Manager, Banker und Börsenspekulanten begehen in Zeiten von Finanzkrisen nicht wegen des verlorenen Geldes Selbstmord. Sie fühlen sich erniedrigt, weil ihnen ausser der Arbeit nichts Sinn gibt.
Jede Epoche kennt Schwächen und Widersprüche. Was unsere charakterisiert, ist eine unerträgliche Heuchelei. Die gleiche Gesellschaft, vor deren Erwartungen und Wertesystem Enke Angst hatte, betrauert und vermisst ihn jetzt. Und die gleichen Funktionäre, Trainer und Fans, die von den Spielern verlangen, Gras zu fressen - eine im Fussball beliebte Metapher für bedingungslosen Einsatz -, haben Enke ein spektakuläres Begräbnis bereitet.
Aus dem Serbokroatischen von Dario Venutti (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.12.2009, 08:43 Uhr
