Gross, das 1:8 in Sitten und der Meistertitel
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Christian Gross ist am Freitag in Form. Ausführlich und humorvoll äussert er sich am wöchentlichen Pressegespräch zu zahlreichen Themen und philosophiert beispielsweise, warum Stürmer selten Trainer werden. «Vielleicht ist das so, weil sie als Fussballer das Spiel nicht vor sich haben und selten strategisch vorgehen müssen.» Der Mann lebt Fussball, er ist soeben aus Belgien zurückgekehrt, wo er am Donnerstag den ersten YB-Gegner in der Europa-League-Qualifikation beobachtete. «Westerlo ist ein unbequemes Team», sagt Gross. «Aber Europacup ist erst in der nächsten Woche. Jetzt konzentrieren wir uns einzig auf die Partie in Sitten am Samstag.»
Es ist das erste Auswärtsspiel von Gross mit YB. In der Saison 2001/2002 bestritt der Trainer mit dem FC Basel, wo er seit 1999 arbeitete, am 4.Juli 2001 zufälligerweise ebenfalls die erste Begegnung in der Fremde in Sitten – und verlor 1:8! YB-Goalietrainer Pascal Zuberbühler stand im FCB-Tor, Murat und Hakan Yakin waren die Basler Schlüsselspieler. «Ist das nicht verjährt?», fragt Gross schmunzelnd zurück, als er auf die vernichtende Niederlage im Wallis angesprochen wird. Er spricht dann von «einer der bittersten Niederlagen» in seiner Trainerkarriere, aber auch davon, dass Basel eigentlich gut vorbereitet gewesen sei und sich lange Zeit gut präsentiert habe.
Heftige Polemik in Basel
Der Schlüsselmoment bei jener 1:8-Niederlage sei die Rote Karte gegen Hakan Yakin (wegen Schiedsrichterbeleidigung) vor der Pause gewesen, sagt Gross. Ausgerechnet der riesenhafte George Koumantarakis, in jener Zeit für viele der Inbegriff für den Kick-and-Rush-Fussball Basels, erzielte zu Beginn der zweiten Halbzeit noch das 1:2-Anschlusstor für den FCB. «Danach gelang dem Gegner alles, er spielte sich in einen Rausch», erinnert sich Gross. Es passte zu diesem denkwürdigen Abend, erzielten die Sion-Stürmer Julien Poueys und Samuel Ojong (der für Poueys eingewechselt worden war) jeweils innerhalb von sieben Minuten einen Hattrick, um das Resultat von 2:1 auf 8:1 zu schrauben. Die Polemik in den Medien war wie die Unruhe im FCB-Umfeld riesig. Viele forderten die Entlassung von Gross. Die «Basler Zeitung» fragte den Trainer halb im Scherz, halb im Ernst: «Christian Gross, sind Sie noch im richtigen Beruf?» Gross überlebte den wüsten Sturm, auch dank der Unterstützung des Präsidenten René C. Jäggi. «Wir mussten nach dem 1:8 einiges aufarbeiten», sagt Gross. «Und ich denke, das haben wir nicht so schlecht gemacht.»
Am Ende jener Saison gewann der FC Basel den ersten Meistertitel seit 22 Jahren und den ersten Cupsieg seit 27 Saisons. YB wartet seit 25 Jahren auf eine Meisterschaft und seit 24 Saisons auf einen Pokalerfolg – so gesehen wäre eine 1:8-Niederlage heute im Tourbillon möglicherweise gar kein schlechtes Omen für die Young Boys. Zumal Gross ab 2002 in 6 Jahren 8 Titelgewinne (je 4 Meisterschaften und Cupsiege) mit dem FCB feierte.
Gross strebt mit «Dominanz, Entschlossenheit und besserer Effizienz als beim 1:1 gegen Basel» heute selbstverständlich den Sieg an. Schier unglaublich erscheint, dass bei Sion 2001 mit Laurent Roussey beim 8:1 gegen Basel der gleiche Coach an der Linie stand wie heute. Seit damals beschäftigte der Verein ja gefühlte 100 und gezählte 27 Trainer in 10 Jahren. Roussey war früher übrigens Stürmer. (Berner Zeitung)
Erstellt: 23.07.2011, 12:22 Uhr
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