«Ich kann noch Fussball spielen»

Philippe Senderos steht bei Aston Villa auf dem Abstellgleis. Vom eintönigen Trainingsalltag hat der Genfer nun genug.

«Ich habe nichts verlernt»: Philippe Senderos (links), hier beim Training mit der Schweizer Nationalmannschaft im November 2014. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

«Ich habe nichts verlernt»: Philippe Senderos (links), hier beim Training mit der Schweizer Nationalmannschaft im November 2014. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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Es gibt das Bild des Philippe Senderos, das ihn als furchtlosen Draufgänger zeigt. Als Mann, der das Verteidigen liebt. Als lauten Antreiber mit grimmigem Blick. Und nie erlahmendem Siegeswillen. Es ist ein Bild aus alten Tagen.

Senderos meldet sich am Telefon, er ist gerade mit dem Zug in Birmingham unterwegs. Der Alltag bietet ihm beruflich seit längerem nichts Prickelndes mehr, keine Zweikämpfe und Emotionen, die doch seine Karriere mitgeprägt haben. Der bald 31-Jährige ist zwar immer noch Fussballer, aber ausser Dienst. Er darf nur trainieren, meistens mit der ersten Mannschaft, manchmal mit den Reserven. Am Sonntag hat er in der Regel frei. Und wenn sein Club an den Wochenenden spielt, muss er zuschauen, obwohl er weder gesperrt noch verletzt ist. Er steht bei Aston Villa auf dem Abstellgleis.

Als er im Sommer 2014 nach halbjährigem Gastspiel bei Valencia in die Premier League zurückkehrte, glaubte er, die ideale Lösung für sich gefunden zu haben. Er bekam einen Zweijahresvertrag bei Aston Villa, der Trainer hiess Paul Lambert, und Senderos spielte Anfang Saison siebenmal in Folge durch. Aber dann zwickte es im Oberschenkel, Senderos fiel aus und kehrte am 8. November noch einmal zurück – es sollten seine vorläufig letzten zwei Minuten für Aston Villa sein. Er verletzte sich erneut, diesmal an der Wade.

Weit weg vom Nationalteam

Als er sich auch davon erholt hatte, war Lambert weg und Tim Sherwood da, aber für Senderos hielt er ab dem ­Sommer keinen Platz mehr auf der ­Kontingentsliste frei. Das bedeutete: Der Schweizer hatte bis Ende 2015 keine Spielberechtigung, was einem intern auferlegten ­Arbeitsverbot gleichkam. Daran ­änderte sich nichts, als Rémi Garde für Sherwood kam. Senderos hat zu akzeptieren, dass der französische Trainer ihm andere vorzieht. Und seine Über­legungen nicht kommuniziert.

Senderos hat für die Schweiz in den vergangenen elf Jahren 55 Länderspiele bestritten und 5 Tore erzielt, er war an zwei WM-Endrunden dabei und an der Euro 2008. Und natürlich hat der Genfer die Ambition, sein Palmarès mit der EM-Teilnahme in Frankreich zu erweitern. Nur ist er nicht in der Position, ­Ansprüche zu stellen. «Andere haben es mehr verdient als ich», sagt er, «zuerst muss ich wieder regelmässig spielen, um überhaupt an ein Aufgebot zu denken.»

Seit über einem Jahr sehnt er sich nach seinem Comeback. «Ich durfte nicht mehr das tun, was ich am liebsten mache. Mir fehlt das Vergnügen des Wettkampfs, das frustriert mich natürlich», sagt er. Zweifel über seinen Formstand lässt er nicht zu: «Ich habe nichts verlernt, ich kann noch Fussball spielen.» Nie hat er mit dem Gedanken gespielt, seine Karriere vorzeitig abzubrechen. Und Sorgen macht er sich auch keine, was die Zukunft angeht. Die liegt zwar nicht bei Aston Villa, aber Senderos’ Selbstvertrauen ist nach den vergangenen Monaten nicht beschädigt: «Man muss nur anschauen, wo ich überall spielte. Ich bringe viel Erfahrung mit.»

Als 18-Jähriger wechselte er 2003 von Servette zu Arsenal, nun schliesst er eine Rückkehr in die Schweiz nicht aus. «Vielleicht ist die Super League die ideale ­Lösung», sagt er, «ich prüfe alles, weil ich Lust habe, endlich wieder zu spielen. Und weil ich weiss: Ich habe noch schöne Jahre als Fussballer vor mir.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.01.2016, 19:03 Uhr)

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