«Ich muss mir keinen Unterricht in Demokratie erteilen lassen»

Scheich Salman bin Ibrahim Al Khalifa ist der aussichtsreichste Anwärter auf Sepp Blatters Nachfolge – und der umstrittenste. Er wirft seinen Kritikern vor, Klischees zu verbreiten.

Mitglied der bahrainischen Königsfamilie, Fan von Ryan Giggs und frühere Nummer 10 mit mässigem Talent: Der 50-jährige Scheich Salman. Foto: Hasan Jamali (Keystone)

Mitglied der bahrainischen Königsfamilie, Fan von Ryan Giggs und frühere Nummer 10 mit mässigem Talent: Der 50-jährige Scheich Salman. Foto: Hasan Jamali (Keystone)

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Zwei Wochen vor der Wahl des nächsten Fifa-Präsidenten stoppen die beiden Kandidaten mit den besten Chancen in Paris. Während sich Uefa-Mann Gianni Infantino mit Vertretern der grossen ­europäischen Clubs trifft, hat sich Scheich Salman etwa einen Kilometer entfernt im Fünfsternhotel Bristol einquartiert. Seine Entourage, die in der Lobby arbeitet, umfasst fünf Leute: Kampagnenleiter, persönlicher Assistent, PR-Berater, Assistentin, Kampagnenberater. Seit Oktober fliegt das Grüppchen um den Globus, um Wahlkampf zu betreiben. Der Kandidat – britisch-arabisches Englisch, sanfter Händedruck – bittet in einen Konferenzraum.

Sepp Blatter pflegte jeden Tag morgens um sieben Uhr im Büro zu sein. Sie leben in Bahrain – würde man Fifa-Präsident Salman überhaupt am Zürcher Hauptsitz antreffen?
Präsident zu sein, heisst nicht, dass man um sieben Uhr in Zürich im Büro sitzen muss. Man muss die Kontrolle haben. Und man muss die richtigen Leute auswählen. Was bringt es, wenn die falschen Personen morgens um sieben im Büro sitzen? Ich glaube, die Fifa sollte wie ein Unternehmen behandelt werden, wie ein Konzern. In der asiatischen Fussball-Konföderation, die ich leite, habe ich starke Manager eingesetzt, die sich ums Tagesgeschäft kümmern. Und ich stehe täglich mit ihnen in Kontakt.

Nochmals: Wie oft wären Sie am Fifa-Hauptsitz präsent?
Ich wäre so oft in Zürich, wie es nötig ist. Wenn es mich jeden Tag braucht, bin ich jeden Tag dort.

Das heisst, Sie könnten sich ­vorstellen, zum Teil in der Schweiz zu leben, eine Wohnung zu mieten?
Natürlich. Das Amt braucht viel Zeit, ich rechne mit mindestens sechs Monaten pro Jahr – selbst als Präsident, der sich nicht ins Tagesgeschäft einmischt.

Das bedeutet auch: Der Fifa-Sitz würde unter Präsident Salman in Zürich bleiben.
Ja. Ich sehe keinen Grund, das zu ­ändern. Die Fifa war schon immer in ­Zürich. Zugegeben, es gab Probleme in den letzten Monaten, aber ich glaube, die Fifa tut alles, was sie kann, um sich zu reformieren.

In Ihrem Kampagnenmanifest erwägen Sie, den Namen Fifa aufzugeben und durch eine Marke wie «World Football» zu ersetzen. Wie schwer ist der Schaden, den der Name Fifa erlitten hat?
Habe ich das so gesagt?

Ja, das steht in Ihrem Manifest.
Ich denke, die Fifa macht vieles richtig. Wenn Sie sich den Kern anschauen, das Organisieren von Fussballturnieren: Dort gibt es keine Probleme. Das Problem ist das Geschäft darum herum. Deshalb will ich den Verband in zwei ­Bereiche aufteilen: In eine «Fussball-Fifa» und eine «Business-Fifa». Und auf beiden Seiten brauchen wir die besten Spezialisten. Ich glaube, so können wir das Vertrauen der Öffentlichkeit und der Sponsoren zurückgewinnen.

«Die Fifa war schon immer in Zürich. Ich sehe keinen Grund, das zu ändern.»

Und der Name Fifa – kann er bleiben oder muss er weg?
Nein, nein, nein, der Name kann bleiben. Die Arbeit muss sich verändern, nicht der Name. Ein neuer Präsident bringt einen neuen Stil, und so wäre es auch mit mir.

Sie sprachen von «Problemen». Das ist vorsichtig formuliert. Der Generalsekretär: gefeuert. Der Präsident: suspendiert. Teile des Exekutivkomitees: suspendiert oder im Gefängnis. Die Sponsoren: zweifelnd. Die Frage drängt sich auf: Warum wollen Sie sich dieses ­Präsidentenamt antun?
Ich bin ein Vizepräsident der Fifa, und ich bin der Präsident der asiatischen Konföderation. Als ich diese vor drei Jahren übernommen habe, hatten wir dieselben Probleme. Wir hatten einen suspendierten Präsidenten . . .

. . . Mohamed bin Hammam aus Katar, der gesperrt worden war . . .
. . . und wir hatten eine Organisation in Aufruhr. Jetzt, drei Jahre später, sind wir eine der stabilsten und stärksten Konföderationen. Nun sind auch bei der Fifa die Reformen im Gang, die Regeln werden laufend verschärft – und so wird es weitergehen. Das begrüsse ich. Wir brauchen Nulltoleranz gegenüber Fehlverhalten, Betrug und Korruption. Jetzt müssen wir die wichtigen Akteure wieder an Bord holen: die Ligen, die Clubs, die Landesverbände, die Fussballer-Gewerkschaft.

Aber warum braucht es gerade Sie? Warum sind Sie der beste Kandidat?
Das habe ich nicht alleine entschieden. Ich habe mit den Konföderationen ­gesprochen, mit den Landesverbänden, mit meinem Exekutivkomitee. Ich habe immer positive Reaktionen erhalten. Man hat gesehen, was ich in Asien geleistet habe. Und so sagte ich am Ende: Warum nicht?

Sie haben als achtjähriger Knabe begonnen, Fussball zu spielen.
Das war in den Siebzigern. Wir kickten in der Nachbarschaft, auf der Strasse, in der Schule, auf Lehmfeldern. Du konntest manchmal kaum den Ball kontrollieren, weil der Boden so holprig war.

Dann fingen Sie beim lokalen Verein Al-Riffa an. Auf welcher Position?
Mittelfeld.

Wie gut waren Sie?
Nun – ich war okay. Ich trug die Nummer 10, ich war der hinter den Stürmern, der nicht zu viel Defensivarbeit verrichten will . . . Das waren grossartige Zeiten! Aber ich spielte nicht professionell, wir hatten keine Profiliga in Bahrain. Auch heute übrigens nicht.

Was taten Sie, wenn Sie nicht Fussball spielten?
Mein Vater wollte, dass ich Buchhalter werde. Davon verstand ich nicht allzu viel. Ich begann zwar, in Bahrain ­Betriebswirtschaft zu studieren. Aber dann bearbeitete ich meinen Vater sechs Monate lang, bis er mir einen Wechsel des Hauptfachs erlaubte. Am Ende machte ich einen Abschluss in englischer Literatur und Geschichte. Und als sich die Gelegenheit bot, mich um das Nationalteam von Bahrain zu kümmern, sagte ich zu. Das war mein Einstieg.

«Ich war der hinter den Stürmern, der nicht zu viel Defensivarbeit verrichten will ...»

Ihre Lieblingsspieler seien Paul Scholes und Gary Neville gewesen.
Und Ryan Giggs! Ich bin Manchester-­United-Fan. Ich mag Fussballer, die den Verein nicht wechseln. Bei denen Leidenschaft und Loyalität zu einem Club an erster Stelle stehen. Nicht Verträge oder Geld. Das sieht man selten heute.

Ihr Konkurrent Gianni Infantino hat angekündigt, dass er als Präsident «mindestens 50 Prozent» der Fifa-Einnahmen an die Verbände ausschütten würde. Das sind Hunderte Millionen Dollar. Was sagen Sie zu diesem Versprechen?
Ich glaube, wir müssen realistisch sein. Wir alle wissen, dass der finanzielle Zustand der Fifa schon besser war als heute. Das Budget für die nächsten Jahre ist ­gemacht und vom Kongress abgesegnet. Wenn nun ein Kandidat den Verbänden eine solche Summe in Aussicht stellt, müssen wir uns fragen: Passt das mit den tatsächlichen Zahlen zusammen?

Und, passt es?
Ich für meinen Teil werde nichts versprechen, das ich nicht halten kann. Ich glaube auch, dass man die Fördergelder erhöhen muss, aber die Zahlen müssen auf realen Einnahmen basieren. Man kann nicht durch solche Versprechungen die ganze Organisation in Schieflage bringen.

In Ihrem Manifest fordern Sie mehr Transparenz innerhalb der Fifa. Wie finanzieren Sie Ihre Kandidatur, und wie hoch ist Ihr Budget?
Ich bezahle meine Kampagne selbst.

Wir befinden uns im Hotel Bristol – Sie haben diesen Besprechungsraum selbst bezahlt?
Ja, mit meiner Kreditkarte. Ich habe immer gesagt, dass ich selbst für meinen Wahlkampf aufkomme.

Gianni Infantino hat von der Uefa ein Budget von 500'000 Euro erhalten. Wie viel werfen Sie auf?
Wenn ich von Transparenz spreche, meine ich: Transparenz innerhalb der offiziellen Fussballorganisationen. Was ich selbst aus meiner eigenen Kasse bezahle, ist meine persönliche Entscheidung. Dafür bin ich niemandem Rechenschaft schuldig.

Seit den 90er-Jahren arbeiten Sie als Fussballfunktionär. Sie sind vermögend – erlauben Sie die Frage: Wie haben Sie Ihr Geld verdient?
Mario, ich denke, Sie stellen die falschen Fragen. Sie sprechen nicht über Fussball.

Sie haben angekündigt, als Präsident auf ein Salär zu verzichten. Es geht um Ihre Unabhängigkeit.
Ich bin auch Geschäftsmann. In erster Linie Immobilien.

Ihre Kandidatur wird in Europa scharf kritisiert. Professor Mark Pieth oder die deutsche Parlamentarierin Claudia Roth sagt: Um Vertrauen zurückzugewinnen, braucht die Fifa einen Präsidenten, der in einer demokratischen Gesellschaft verwurzelt ist. Als Mitglied der royalen Familie Al Khalifa, die Bahrain regiert, erfüllen Sie dieses Kriterium nicht.
Es ist unfair, mich so zu beurteilen. Sie können nicht einfach aus meinem Namen ableiten, dass ich gegen Demokratie bin. Ich bin vor drei Jahren zum Präsidenten der asiatischen Föderation gewählt worden – und vor fünfzehn Jahren zum Vorsitzenden meines Landesverbands. Gewählt, nicht ernannt. Es gab Versammlungen, und es gab geheime Wahlen. Ich muss mir keinen Unterricht in Demokratie erteilen lassen, besonders nicht von Leuten, die meinen Hintergrund nicht kennen. Ich glaube, manche Kritiker lassen sich von Vorurteilen leiten, statt auf die Fakten zu schauen.

Welche Rolle spielen Sie in Ihrer Familie? Haben Sie direkten Zugang zum Premier oder zum König?
Wir sind eine Familie von über 2000 Personen. Meine Karriere, meine Kontakte, meine Beziehungen – alles spielte sich immer in der Fussballwelt ab, das hat nichts mit meiner Familie zu tun. In Asien, dem bevölkerungsreichsten Kontinent, hat man mir die Leitung der grössten Fussballkonföderation anvertraut. Das zählt für mich.

«Was ich aus eigener Kasse bezahle, ist meine persönliche Entscheidung.»

2009 traten Sie in Asien gegen Mohamed bin Hammam an, es ging um einen Sitz in der Fifa-Exekutive. Es kursieren Vorwürfe, Sie hätten für den Wahlkampf Vermögen Ihres Verbands ausgegeben, ein Teil sei aus Fördergeldern der Fifa gekommen.
Das Geld aus den Förderprojekten ist direkt an die Unternehmen gegangen, welche die Aufträge ausgeführt haben. Das können Sie auf der Fifa-Website nachschauen. Und mit dem Geld des Landesverbands ist alles in Ordnung, die Regierung Bahrains hat das überprüft. Bedenken Sie: Ich bin damals angetreten, um die Korruption zu bekämpfen. Ich wollte die asiatische Föderation reformieren. Diese Vorwürfe gegen mich kommen immer dann hoch, wenn eine Wahl ansteht. Das ist eine Schmierenkampagne.

Sie sagen also, Sie hätten auch jenen Wahlkampf selbst bezahlt.
Ja. Wie auch die Kampagne um die Präsidentschaft der Asienföderation 2013.

In zwei Wochen wählt die Fifa einen neuen Präsidenten. Befürchten Sie, dass die USA wieder zuschlagen und den Neustart überschatten?
Wenn Behörden zum Schluss kommen, dass jemand sich falsch verhalten hat, dann ist es richtig, durchzugreifen. Die Justiz hat unsere volle Unterstützung, sei es jene der USA oder eines anderen Lands. Wir von der Fifa handeln, sobald wir entsprechende Informationen haben. Aber die Sache muss fair ablaufen.

Wie meinen Sie das?
Im Mai fliegen Fifa-Offizielle via Miami nach Zürich. Man lässt sie die Zollkontrolle passieren. Dann wartet man ab – um sie um sechs Uhr morgens im Hotel zu verhaften. Nicht am Flughafen bei der Einreise. Und vorab werden die Medien informiert, die Fotos machen. Wer so handelt, betreibt PR.

Welche Rolle sollte Sepp Blatter am Kongress spielen? Er ist gesperrt – sollte man ihn als Präsident dennoch offiziell verabschieden?
Wir müssen auf das endgültige Urteil warten. Herr Blatter hat das Recht, sich zu verteidigen. Ob er am Kongress dabei sein kann? Ich halte mich an die Fifa-Regeln. Wenn diese besagen, dass gesperrte Offizielle nicht teilnehmen können – dann ist das nun mal so. Die Regeln gelten für alle.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 12.02.2016, 23:01 Uhr)

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Salman

Royaler Kandidat

Scheich Salman bin Ibrahim Al Khalifa entstammt der Familie, die das Gebiet des Kleinstaats Bahrain seit 1783 kontrolliert. Der heutige König und die Hälfte der am­tierenden Minister sind mit ihm verwandt. Der 50-Jährige übernahm 1996 die Leitung der Nationalmannschaft. Von 2002 bis 2013 präsidierte er die Bahrain Football Association, dann wurde er zum Vorsitzenden der asiatischen Konföderation gewählt. Salman ist verheiratet und lebt mit Frau, zwei Töchtern und einem Sohn in Bahrain. (ms)

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