«Ich will mit YB Meister werden»

Gestern Vormittag ist der neue YB-Trainer Vladimir Petkovic dem Team vorgestellt worden. Das Spiel gegen Xamax (2:1) verfolgte der schweizerisch-kroatische Doppelbürger aus einer Stadionloge. Ab heute leitet er das Training.

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Wie viele YB-Spiele haben Sie in dieser Saison gesehen? Vladimir Petkovic: Ich habe die Partie in Sion verfolgt und gesehen, dass YB Qualität hat. Aber es fehlte das Glück (YB verlor nach einem Vorsprung mit einem Mann mehr 1:2, die Red.).

Zuletzt fehlte YB mehr als Glück. Startet man mit einem Punkt aus vier Spielen nach so einer erfolgreichen Saison, ist es normal, dass das Selbstvertrauen abhanden kommt. Ich will die Moral wieder aufbauen.

Was wollen Sie konkret tun? Hat man eine solide Gruppe, kommt alles andere fast von selbst. Es ist fundamental, dass eine positive Stimmung herrscht. Jeder muss bereit sein, alles für das Team zu tun.

Das ist leichter gesagt als getan: Ersatzspieler sind nie zufrieden. Wenn ich spüre, dass ich einem eine Begründung für die Nichtberücksichtigung liefern muss, liefere ich sie. Ich werde viel mit den Spielern sprechen. Aber sie entscheiden mit ihren Leistungen selber, ob sie eingesetzt werden oder nicht. Jeder kann sich bestätigen. Für mich sind alle Spieler gleich. Am Anfang behandle ich jeden, als wäre er Diego Maradona. Was die Spieler dann mit dem Kredit machen, ist ihre Sache. An mir liegt es, herauszufinden, wer das Vertrauen rechtfertigt. Fussball ist wie das Leben: Man muss das Beste aus der Situation machen und die Möglichkeiten nutzen, die man erhält – voller Elan und positiver Einstellung.

Wie würden Sie sich als Trainer beschreiben? Ich bin einer, der offensiv spielen lassen will. Jeder Spieler muss aber ganz genau wissen, was er in der Defensive zu tun hat. Der Dialog zwischen Trainer und Spieler ist sehr wichtig. Meine Türe wird immer offen sein.

Wie steht es mit der Disziplin in der Mannschaft? Disziplin muss sein, gar keine Frage. Aber ich will den Spielern auch Freiheiten geben. Sie sollen Freude am Fussball haben und diese zeigen. Fussball ist ein Spiel. Erst der letzte Gedanke sollte der Arbeit gehören.

Wie werden Sie sich mit den Spielern unterhalten? Es ist sehr wichtig, dass die Sitzungen auf Deutsch abgehalten werden, und jeder versteht, was gesagt wird. Das heisst: Wer nicht Deutsch kann, muss Deutsch lernen. So zeigen die Spieler, dass sie in Bern bleiben wollen, dass sie sich mit YB identifizieren und Erfolg mit dem Klub haben wollen. YB kassierte in der letzten Saison mit Abstand am meisten Karten in der Liga. Auch zuletzt gab es Probleme – zum Beispiel mit Carlos Varela und Alberto Regazzoni, den Sie aus gemeinsamen Zeiten in Agno kennen. Die Rote Karte von Varela gegen Vaduz und die anschliessenden Kommentare in den Zeitungen haben mir nicht gefallen. Das muss besser werden. Für die Teambildung ist auch wichtig, dass Sachen, die in der Kabine vorfallen, intern bleiben. Nur so bleibt der Respekt gewahrt.

Bei YB herrschte zuletzt grosse Unruhe. Haben Sie keine Bedenken, dass das so weitergehen könnte? Es ist normal, dass es Unruhe gibt, wenn man in der Vorsaison Zweiter wurde und dann der Trainer entlassen wird. Aber von aussen ist es schwierig, diesen Vorgang zu beurteilen. Man kennt die Gründe nicht richtig.

Dennoch: Die frühen Trainerwechsel in Bern und Luzern zeigen, dass die Coaches mehr denn je unter Druck stehen. Das stimmt und war auch bei mir so, obwohl Bellinzona während 18 Jahren fast im Niemandsland spielte. Aber wir haben dort etwas aufgebaut. Und das will ich auch in Bern machen. Wir müssen vergessen, was war. Wir stehen im Heute und arbeiten für das Morgen. Es ist mir wichtig, Druck von den Spielern zu nehmen.

Inwiefern? So ein Stadion, so ein Klub, so eine Stadt: Da ist von Natur aus Druck vorhanden. Da sollte man nicht noch Benzin ins Feuer giessen. Ich werde einen Schirm über das Team halten und versuchen, die Spieler abzuschirmen. In Bellinzona liessen Sie meist mit drei Verteidigern spielen. Ich möchte, dass wir das System sehr elastisch sehen. Dazu muss man mental bereit sein. Ich werde diesen Prozess am Montag im ersten Training einleiten. Ich habe meinen Mannschaften immer gesagt: «Wir müssen hoch angreifen. Attackieren wir den Gegner 70 Meter vor unserem Tor, dürfen wir uns auch einmal einen Fehler erlauben.» Ich will aggressiven, schönen Fussball sehen – stets mit der Mentalität, unbedingt gewinnen zu wollen.

Sie führten Bellinzona in die Super League und in den Cupfinal, mussten dann aber Ihren Trainerposten verlassen. Weshalb? Es gab eine Umstrukturierung. Das musste ich akzeptieren. Neue Leute mit neuen Ideen kamen, und sie wollten einen neuen Trainer, auch wenn die Zuschauer deshalb unzufrieden waren. Mir ist wichtig, dass ich Bellinzona erhobenen Hauptes verlassen konnte. Ich habe einiges geleistet und werde im Tessin stets offene Türen vorfinden.

Im Tessin waren Sie nicht nur Trainer, sondern auch bei der Caritas angestellt. Ja, ich habe zwei 120-Prozent-Jobs gehabt (lacht). Tagsüber habe ich bei der Caritas gearbeitet, um 17.30 Uhr war Training. Die zwei Morgentrainings pro Woche habe ich dem Konditionstrainer übertragen. Er hat meine Ideen umgesetzt.

Wie war es, arbeitslose Menschen zu coachen? Es war eigentlich nur eine andere Mannschaft. Es gab durchaus Parallelen zwischen diesem Team und der AC Bellinzona.

Welche? Auch die Mannschaft der Arbeitslosen musste man führen, motivieren und manchmal zwingen, zum Wohl des Gesamten etwas zu tun.

Wir nehmen an, dass Sie nun keine zwei 120-Prozent-Jobs mehr haben… Das ist natürlich so. Am Montagvormittag gebe ich bei der Caritas meine Schlüssel ab. Dann übernehme ich meine Arbeit bei YB. Ich habe die Caritas-Leute schon im April darüber in Kenntnis gesetzt, dass das Doppelmandat wahrscheinlich nicht mehr lange dauern werde. Die Mitarbeiter wussten Bescheid.

Demnach war es immer Ihr Ziel, in der Super League tätig zu sein. Ja, ich habe zwölf Jahre auf die Chance hingearbeitet, bei einem Klub wie YB tätig zu sein. Es ist wunderschön, bei einem solch renommierten Klub zu arbeiten.

Welche Ziele verfolgen Sie? YB gehört nicht ans Tabellenende, das ist klar. Ich will mit YB Meister werden; je früher umso besser. Ich setze mir immer hohe Ziele. Bei Bellinzona startete ich damals übrigens nach elf Runden auch als Zweitletzter in der Challenge League.

Am Sonntagmorgen wurden Sie der Mannschaft vorgestellt. Was haben Sie gesagt? Ich habe der Mannschaft für das Spiel gegen Xamax viel Glück gewünscht. Ab Montag reden wir richtig. Dann beginnt die Ausbildung der Spieler, um meine Ideen zu verstehen.

Die YB-Leitung hat grünes Licht gegeben, um neue Spieler zu holen. Das internationale Transferfenster schliesst Ende August, national sind Zuzüge bis Ende September möglich. Haben Sie bereits klare Vorstellungen? Ich habe viele Ideen. Aber zuerst will ich die Spieler richtig kennen lernen. Nach einigen Wochen werde ich eine definitive Meinung haben und wissen, auf wen ich setzen kann. Alle beginnen bei mir bei null.

Bleibt Thomas Häberli Captain? Ja. Ich will nicht sofort alles auf den Kopf stellen.

Am Donnerstag geben Sie mit YB im Uefa-Cup zu Hause gegen Debrecen Ihren Einstand. Vor ein, zwei Monaten sah es nicht danach aus, dass ich bei einem solchen Traditionsklub wie YB ein Thema wäre. Und nun spiele ich mit YB dort, wo ich eigentlich mit Bellinzona hätte sein sollen:?In Europa. Ich freue mich sehr und hoffe, das wird auch nach dem Spiel so sein.

Zu welchen Trainern blicken Sie hinauf? Mir gefällt die Arbeit von Fabio Capello und Arsène Wenger. Capello weiss genau, dass man in der Abwehr sehr konkret vorgehen muss. Und Wenger lässt bei Arsenal seit Jahren attraktiven, schwungvollen Fussball spielen. Ich werde mit den Spielern häufig über Taktik reden.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 12.08.2008, 08:30 Uhr

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