Ivan Ergic, der Fussball-Philosoph
Von Sascha Rhyner. Aktualisiert am 21.01.2009
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Er wird heute 28-jährig. Doch das kümmert Ivan Ergic herzlich wenig. «Ich hasse Konventionen wie Geburtstage, Valentinstag, Silvester», erklärte er in einem «Blick»-Interview. Was auf den ersten Blick nach einem Querulant tönt, ist in Tat und Wahrheit ein Mann, der als einer der wenigen in diesem Geschäft seinen Beruf hinterfragt. Er ist in Kroatien als Sohn serbischer Eltern geboren. Über Belgrad floh die Familie nach Australien, wo Ivan als 18-jähriger bei Perth Glory debütierte.
Beim australischen Verein wurde Juventus Turin auf das Talent aufmerksam. Der italienische Rekordmeister «parkierte» Ergic in Basel. Er sollte in der Schweiz zum international tauglichen Spielmacher reifen. Die erste Begegnung mit dem europäischen Profi-Fussball hinterliess bei Ergic jedoch Spuren. Er verlor das Vertrauen in die Grossklubs und in Spielerberater und Agenten – «Parasiten, die sich nur bereichern wollen».
Heute ist Ergic sein eigener Berater und Agent. Die Verträge mit den Vereinen handelt er auf eigene Faust aus. «Auch wenn ich einen schlechteren Vertrag bekomme, weiss ich, dass es sauber gelaufen ist», sagte er im Interview mit dem «Blick». Weiter sagt er: «Vielleicht hat mich die Geschichte mit Juventus geprägt. Dort sitzen einige Verantwortliche heute im Gefängnis. Und wenn so etwas bei einem grossen Klub passiert, kann man sich vorstellen, was bei kleineren abgeht.»
Federer grösser als Barça-Stars
Geprägt hat Ergic aber auch seine Krankheitsgeschichte. Nach einer Adduktorenverletzung fiel er erst monatelang wegen Pfeifferschem Drüsenfieber aus; anderthalb Jahre konnte er deswegen nicht spielen. Und nur vier Wochen nach seinem Comeback folgte der herbe Rückschlag. Er wandte sich an die psychiatrische Uniklinik in Basel. Er konnte nicht mehr mit dem Druck umgehen, dem er als Fussballprofi ausgesetzt war. Die Angst, perfekt sein zu müssen, hat ihn in die Depression getrieben.
«Ich wollte schon in jungen Jahren immer alles perfekt machen und niemanden enttäuschen, was wohl auch mit den Ansprüchen meiner Eltern an mich zu tun hatte», erklärte er einmal. Er sagt aber auch, «dass ich als Junge ein vollkommen anderes Bild vom Profifussball hatte, ein Bild der Fairness. Wenn man nun aber sieht, was sich im Hintergrund dieses Geschäfts alles ereignet, dann ist es nicht einfach, mental damit umzugehen.»
Die Nationalteams sind für Ergic umgeben von übertriebenem Chauvinismus, deshalb trat er auch aus der serbischen Auswahl zurück. Und dass nach dem Spiel gegen Barcelona in der Champions League die Barça-Stars ihre Trikots nicht mit den Basler tauschen wollten, kommentierte er lakonisch: «Das passiert halt, wenn du in diesem Spektakel so vergöttert wirst.» Im Gegensatz dazu lobte er den Auftritt von Roger Federer in FCB-Kabine. «Er ist für mich viel grösser als alle Barça-Spieler und ist trotzdem bescheiden geblieben», so Ergic.
Ergic und Gross – keine Freunde
Obwohl erst 28-jährig, ist Ergic in Basel unumstrittener Führungsspieler. Christian Gross machte ihn deshalb auf die Saison 2006/07 zum Captain; nach zwei Jahren gab Ergic das Amt jedoch wieder ab – freiwillig und auf eigenen Wunsch. Die Beziehung zu Trainer Christian Gross ist mit den Jahren deutlich abgekühlt. Heute sagt Ergic, das Verhältnis sei professionell und schiebt nach: «Aber wir sind sicher nicht gerade Freunde.»
Ergic hat andere Ansprüche an sich und die Fussballwelt. Dass Fairness im modernen Fussball nicht gefragt ist, beschäftigt ihn dabei gleich wie zunehmende Kommerzialisierung. Er spricht von «einer Art modernen Machiavellismus», wo ausschliesslich die Resultate im Vordergrund stehen. Das widerstrebt einem Sportler, der den Schiedsrichter korrigiert, wenn er das Gefühl hat nicht gefoult worden zu sein. Selbst in einem entscheidenden Spiel.
Die Finanzkrise beurteilt Ergic in seiner typischen, differenzierten Art: «Wenn ein paar Reiche viel Geld verlieren, ist das vielleicht gar nicht so schlecht. aber die werde ja wieder nur von öffentlicher Hand gedeckt und es trifft die kleinen Leute am härtesten.» Den Einstieg von Öl-Scheichs und Oligarchen findet Ergic mehr als pervers.
Ohne Gel nicht akzpetiert
Vor der Euro geisselte er die Vermarktungsstrategie der Uefa und der Organisatoren. Es würde das Gefühl vermittelt, etwas Existenzielles zu verpassen, wenn sie nicht dabei sind. EM und WM seien zu einem «Mythos überepischer Dimensionen» geworden. Hinter «allen Maximen steht ein ontologisches Prinzip: ‹Ich bin an der EM, also bin ich.›», erklärte er vor der Euro in der «SonntagsZeitung». Viele seiner Berufskollegen verstehen solche Sätze schon gar nicht erst. «Ohne Gel in den Haaren akzeptieren sie dich nicht. Das ist nur Schein. Nach aussen ‹la bella figura› und hinten dran – naja…», kritisiert Ergic.
Sein Vertrag mit dem FC Basel läuft am Ende der Saison aus. Ob er weiterspielen will oder mag, weiss er noch nicht. Gespräche mit dem FCB sollen bald stattfinden. Zu jedem Preis will er nicht bleiben, es muss für ihn stimmen. Und das bedeutet nicht, dass die Zahlen im Vertrag möglichst hoch sein müssen. Die Gerüchte, dass er nach Belgrad zurückkehrt, mochte er im «Blick»-Interview weder bestätigen noch dementieren: «Dort gibt es viele Clowns, viele Halbkriminelle, Korruption. Mehr als anderswo. Vielleicht so wie in Italien.» Ein Engement in Frankreich würde den Mittelfeldspieler allenfalls noch reizen. Und Trainer wird er ohnehin nicht am Ende seiner Aktivlaufbahn: «Ich glaube nicht, dass ich im Fussball weiterarbeiten will.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 21.01.2009, 15:17 Uhr


