Lucien Favre ist wieder unter Strom
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Vor der Arena beseitigen Arbeiter die jüngsten Spuren, die am Sonntag über 50 000 Menschen hinterlassen haben. Es ist der Wochenanfang in Gladbach, über der Hennes-Weisweiler-Allee strahlt die Sonne. Kühl ist es, aber es herrscht eine aufgeräumte Stimmung, die perfekt zum Vorabend passt, an dem der Letzte der Bundesliga Schalke 2:1 besiegt und sich neue Hoffnung gegeben hat. Der «Express» schreibt: «Traumstart! Favre macht Borussia wieder glücklich.» Die «Bild» dichtet: «Das war Favrelhaft! So wird das‹Super-Hirnli› ganz schnell zum‹Retterli›.»
Lucien Favre also. Vor dem Training hat er die Mütze tief ins Gesicht gezogen, er ist ohne Rast und in Eile, seit acht Tagen geht das so. «Arbeit, Arbeit», ruft der 53-Jährige, der vor einer Woche wieder aufgetaucht ist nach fast 17 Monaten ohne Anstellung. Er, neben Bayerns Louis van Gaal der einzige ausländische Trainer in der Bundesliga, wagt sich auf ein rutschiges Parkett. Mönchengladbach mag eine reizvolle Adresse sein, mit reicher Tradition, 60 Millionen Euro Budget und hohem Zuschauerschnitt, aber ohne Lust, noch lang Misserfolg zu erdulden. Favre ist als Hoffnungsträger empfangen worden, der dafür sorgen soll, dass der Verein nicht in der Zweitklassigkeit versinkt und damit eine Stadt leiden lässt. Mönchengladbach ist keine Schönheit, der Fussball ist der ganze Stolz in dieser Ecke Nordrhein-Westfalens, die von 14 Prozent Arbeitslosigkeit ergriffen ist.
Kein Zufall in Detailfragen
Favre ist der zehnte Trainer in Gladbach seit 1999. Seine Vorgänger sind entlassen worden oder haben sich freiwillig verabschiedet, wie Jupp Heynckes Anfang 2007, als er Morddrohungen erhielt und Polizeischutz brauchte. Und die Anfeindungen gegen Michael Frontzeck überstiegen auch jegliches Mass. Der Neue kommt unverbraucht mit der Frische einer langen Pause, die er auskostete. Er darf jetzt wieder in offizieller Funktion nächtelang den Gegner studieren und auf dem Platz stehen, bis auf weiteres kann er die Weiterbildung in Form von Sprachkursen und Spielbeobachtungen in halb Europa unterbrechen. Favre ist zurück in seinem Element und steht unter Dauerstrom, weil er sich nicht verzeihen würde, in Detailfragen nachlässig zu werden.
Gleichzeitig will der Romand nichts davon hören, dass es ein Wunder wäre, wenn der Ligaerhalt gelänge: «Schliesslich glaube ich daran.» Und wer ihm in Aussicht stellt, sich im Erfolgsfall ein Denkmal verdienen zu können, dem entgegnet er: «An so etwas denke ich nicht. Weisweiler und Lattek, das waren Trainerlegenden. Ich muss zuerst viel arbeiten.» Am Montag läuft er zuerst mit jenen, die gegen Schalke spielten. Dann beobachtet er die Reservisten im Training. Danach warten Journalisten. Favre fragt ungläubig: «Muss ich jetzt jeden Tag reden?» An diesen Rhythmus muss er sich zuerst wieder gewöhnen. Er steht im Ruf, ein konzeptionell denkender Coach zu sein, der seine Zeit braucht, bis die Ideen greifen und seine Spieler den gewünscht gepflegten Fussball bieten. Jetzt aber ist höchste Eile gefragt in Gladbach, nur steht das für Favre keineswegs im Widerspruch mit seiner Philosophie: «Das wichtigste ist die Spielintelligenz. Es geht nur darum, richtig zu lesen, was auf dem Platz passiert und zu antizipieren.» Die «Rheinische Post», findet nach dem Einstand trotzdem: «Da sag noch einer, Favre habe keine Feuerwehrmann-Qualitäten.»
Er merkt, wie schnell die Stimmung umschlagen kann. Ein 2:1 gegen Schalke genügt, um eine Welle der Euphorie auszulösen. Favre hält den Zeitpunkt für reif, zu kontern: «Es war ein Spiel, und es war nur ein Spiel. Und Schalke kostete die Champions League viel Energie.» Als wäre ihm das viele Lob seit seiner Ankunft schon fast zu viel des Guten. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.02.2011, 11:27 Uhr
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