Lucien Favre muss Berlin verlassen
Von . Aktualisiert am 26.05.2009 22 Kommentare
Für Lucien Favre kann es mit Hertha nur noch bergab gehen. Genau genommen hat der Niedergang in den letzten Tagen bereits begonnen. Nach der 0:4-Niederlage bei Absteiger Karlsruher SC krochen in Berlin bereits all jene hervor, die durch die erfolgreiche Arbeit des Schweizers zum Schweigen verdammt gewesen waren. Jene, die gerne mäkeln. Jene, die es stört, dass der akkribische Trainer kein Showman und Sprücheklopfer ist. Jene, die immer noch nicht verstehen, dass die Mannschaft wichtiger als Stars wie Arne Friedrich, Marko Pantelic oder Andrej Woronin ist.
Captain Friedrich, der nach einer Verletzungspause in den beiden letzten Spielen nur auf der Ersatzbank sass, durfte sich ausweinen. «Ich bin enttäuscht von Favre», sagte der deutsche Nationalverteidiger mit einem Jahresgehalt von drei Millionen Euro. Nach dem Verpassen der Champions League wurde Favre von der «Bild», die ihn davor stets als «Super-Hirnli» gefeiert hatte, zum Verlierer der Woche abgestempelt.
In der Medienmetropole Berlin werden die Ansprüche nach der überraschend erfolgreichen Saison weiter steigen. Selbst wenn sich Favres Team erneut für die Europa League, den Nachfolgewettbewerb des Uefa-Cups, qualifizieren sollte, würde in der Hauptstadt kaum mehr einer applaudieren. Dabei wäre es erneut ein kleines Wunder, wenn Hertha sein Niveau halten könnte.
Bereits klar ist, dass die beiden Sturmdiven Pantelic und Woronin gehen. Auch um Patrick Ebert, Abwehrchef Josip Simunic und Favres Lieblingsschüler Raffael ranken sich Transfergerüchte. Das Personal-Budget wird von 33,6 auf 28 Millionen Euro gesenkt. Für Verstärkungen können die Berliner, die unter Favre die Schuldenlast von 56 auf 30 Millionen Euro senken konnten, nur 2,5 Millionen Euro ausgeben. Dafür bekommt man nicht einmal einen Spieler wie FCZ-Topskorer Almen Abdi.
Dabei tun Verstärkungen bei Hertha Not. Von den technischen Grundvoraussetzungen bewegt sich das Kader im unteren Drittel der Liga. Einzig der mannschaftlichen Geschlossenheit und Favres taktischer Schulung war der Höhenflug, der die Berliner gar vom Titel träumen liess, zu verdanken. Von einer Spielkultur, wie sie der FC Zürich in den Meisterjahren 2006 und 2007 unter dem Romand zelebrierte, war Hertha meilenweit entfernt. Wer Favre kennt, weiss, dass ihm ein ganz anderer Fussball vorschwebt.
In Herthas Führungsetage tobte zudem in den letzten Monaten ein Machtkampf. Präsident Werner Gegenbauer versuchte Manager Dieter Hoeness, der in einem Jahr seinen Hut nehmen will, zu demontieren. Dabei wurde auch argumentiert, dass die Zusammenarbeit zwischen Hoeness und Favre nicht funktioniere. Favre musste dabei höllisch aufpassen, dass er nicht zwischen die Fronten geriet und nicht missbraucht wurde.
«Ich habe meinen Vertrag verlängert und konzentriere mich voll auf meinen Job hier», sagte der 51-Jährige gegenüber «20 Minuten», als er gefragt wurde, wann Hertha zu klein für ihn werde. Gemäss «Berliner Morgenpost» soll er bei einer losen Anfrage von Meister VfL Wolfsburg, der inzwischen Armin Veh als Nachfolger von Felix Magath verpflichtet hat, dankend abgelehnt haben. Wenn das stimmt, war das ein Fehler.
Die nächste Anfrage eines ambitionierten Vereins, die bestimmt kommen wird, sollte sich Favre anhören. In Berlin hat er mehr erreicht als es die Strukturen auf Dauer zulassen. Er hat mit seinem Team die Stadt für den Fussball begeistert, sodass zuletzt 70'000 ins Olympiastadion strömten. Jetzt sollte der ehrgeizige Westschweizer wieder an sich selbst denken. So wie vor zwei Jahren, als er den FC Zürich verliess. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 26.05.2009, 15:27 Uhr









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