Christian Gross hat den VfB Stuttgart aus der Krise und in den Champions-League-Achtelfinal von heute Abend gegen Barcelona geführt. Das ist für ihn auch eine Begegnung mit der Vergangenheit.
Offensive Haltung: Trainer Gross ist bereit für das Spiel, welches Erinnerungen weckt. Bild: Keystone
Christian Grosslachte verschmitzt und fand die Frage «freundlich und sehr charmant» formuliert. Sie ging so: «Herr Gross, wie weit hilft es Ihnen, dass Sie mit dem FC Basel einst ein 1:1 in Barcelona erreicht haben?» Damit vernachlässigte die deutsche Journalistin gekonnt das Hinspiel der ChampionsLeague-Gruppenphase vor anderthalb Jahren, das dem 1:1 im Camp Nou vorausgegangen und in dem der FCB mit 0:5 regelrecht zerzaust worden war. Gut verständlich, scheute Gross als Antwort vor dem heutigen Achtelfinal gegen die Spanier den Vergleich mit damals. «Das ist eine neue Ausgangslage», sagte er, «es sind andere Stärkeverhältnisse.»
«Wir müssen perfekt sein»
Nun trifft der Zürcher mit dem VfB Stuttgartauf den FC Barcelona. Das bedeutet zwar immer noch Aussenseiter gegen Favorit – aber immerhin ist für ihn ein Champions-League-Achtelfinal nach 31 Spielen in der Königsklasse eine Premiere. Gross geniesst das, weil «Barça» einer seiner Lieblingsklubs ist und «die weltbeste Mannschaft» und er trotzdem zu wissen glaubt, «wie man sie bremst». Allerdings ist ihm sehr bewusst, «dass dies im Spiel jeweils schwieriger ist als in der Theorie». Nach seiner Entlassung in Basel im vergangenen Sommer hat Gross mehrere Wochen in Spanien verbracht und sich unter anderem Spiele der Katalanen angesehen. Er ahnt: «Wir müssen perfekt sein.»
Damit ist viel über das Mass der Herausforderung gesagt, die Gross heute Abend in der Mercedes-Benz-Arena bevorsteht. Schliesslich ist «perfekt» nicht gerade die treffendste Umschreibung für den bisherigen Saisonverlauf des fünffachen Deutschen Meisters. Wenigstens sieht die Lage rosiger aus als vor dem 6. Dezember, jenem Tag, an dem Gross anstelle von Markus Babbel ans Ruder kam.
Auf dem Relegationsplatz liegend, wurde der Klub von ihm übernommen und zu sechs Siegen in acht Meisterschaftsspielen sowie in den ChampionsLeague-Achtelfinal geführt. Unter Babbel hatte Stuttgart in 15 Ligaspielen ganze 12 Tore geschossen, unter Gross waren es in 8 Spielen auf einmal 20. Allein Stürmer Cacau traf in drei Spielen mit dem Schweizer an der Seitenlinie fünf Mal. Dem Deutsch-Brasilianer gelang zuletzt beim 5:1 in Köln sogar der erste Hattrick eines Stuttgarters seit Jürgen Klinsmann im fernen Jahre 1986.
Abstiegskampf ist nicht beendet
Den Kantersieg in Köln bezeichnet Gross prompt als «idealen Steilpass für das Barcelona-Spiel» – obwohl er doch vor der Rückrunde Anfang Januar beteuert hatte: «Die Champions Leagueist nur ein Dessert.» Auch gestern wiederholte er, dass die Königsklasse wirklich bestenfalls Zugabe, er dagegen gekommen sei, «um den Abstieg zu verhindern». Und solange die 40-Punkte-Marke, die in der Bundesliga als rettendes Ufer gilt, nicht erreicht sei, stellte Teammanager Horst Heldt klar, «ist der Abstiegskampf auch nicht beendet». Nur zur Vergewisserung: Stuttgart liegt auf Platz 9.
Aber wer konnte denn ahnen, dass es so gut laufen würde mit Christian Gross? Als «das Beste, was dem labilen VfB passieren konnte», beobachtete ihn die «Süddeutsche Zeitung» jüngst, als «geborenen Chef, den die Aura des leidenschaftlichen Fussball-Lehrers umweht» die «Frankfurter Allgemeine». Nationalspieler Sami Khedira, in dem Gross seinen unverzichtbarsten Spieler sieht, prophezeit: «Mit ihm können wir Grosses erreichen.» (Tages-Anzeiger)