Neymars Tanz mit dem Gesetz

Brasilien und Spanien ermitteln wegen Steuerbetrug und Korruption gegen Neymar junior und senior. Der Prozess gilt als exemplarisch für den Sittenverfall – nicht nur im Fussball.

Seine ganze Attitüde sagt: Ich gehöre nicht hierhin: Neymar vor dem höchsten spanischen Gericht in Madrid. Foto: Javier Soriano (AFP)

Seine ganze Attitüde sagt: Ich gehöre nicht hierhin: Neymar vor dem höchsten spanischen Gericht in Madrid. Foto: Javier Soriano (AFP)

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Neymar da Silva Santos aus dem Städtchen Mogi da Cruzes bei São Paulo war 14 Jahre alt, als er sein erstes Probetraining bei Real Madrid machte. In Absprache mit seinem gleichnamigen Vater blieb er zunächst in Brasilien. Aber der Hype um diesen begnadeten Stürmer riss nie wieder ab. Mit 17 wurde er Profi beim FC Santos, dem alten Pelé-Club. Mit 18 debütierte er in der brasilianischen Nationalelf, er schoss im ersten Länderspiel sein erstes Tor, und Pelé sagte: «Wenn er so weitermacht, wird er noch besser als ich.»

Mit 19 wurde Neymar erstmals zum Fussballer des Jahres in Südamerika gewählt. Da lockten ihn bereits mehrere europäische Grossclubs mit Angeboten im zweistelligen Millionenbereich. Man kann sagen, dass er von klein auf vergöttert wurde. Aber Fussballgötter haben eine hohe Fallhöhe im irdischen Leben. Als Neymar 20 war, nagelten sie ihn erstmals ans Kreuz.

Neymar beteuerte, er kümmere sich nicht um Verträge.

Das Fussballmagazin «Placar» erschien damals, im Herbst 2012, mit einer verstörenden Titelseite: der milchbärtige Dribbelkünstler Neymar als gepeinigter Jesus Christus. Das sorgte nicht nur deshalb für Aufregung, weil in keinem Land der Welt mehr Katholiken leben als in Brasilien; die Nationale Bischofskonferenz protestierte vehement. Mauricio Barros, der damalige Chefredaktor von «Placar», hält das Titelbild bis heute für gelungen. Er sagt: «Es ging darum, eine Debatte zu befördern über Neymars Rolle als Sündenbock in einem schmutzigen Fussballgeschäft.»

Idylle im Sturm

Die Debatte lebt gerade wieder auf. Und Neymar wäre wahrscheinlich froh, wenn sie noch den Vorwurf von 2012 zum Gegenstand hätte. Damals ging es nämlich noch um Fussball. Dem grössten Talent Brasiliens wurde in seiner Heimat nachgesagt, ein «cai-cai» zu sein, in Deutschland sagt man dazu Schwalbenkönig. Einer, der noch spektakulärer fällt, als er dribbelt. Barros sagt: «Der Vorwurf war deshalb so unfair, weil hier das ganze Spiel auf den kleinen Betrug ausgerichtet ist.»

Mit seinen mittlerweile 24 Jahren hat Neymar junior sein Schwalbenimage weitgehend abgelegt. Beim FC Barcelona ist er ein Star rundum, extrovertiert und expressiv. Er versteht sich auch wunderbar mit Weltfussballer Lionel Messi, dem er huldigt, weil sich das nun mal so gehört. Und er versteht sich mit Torjäger Luis Suárez, der den Dreizack komplettiert, den Rekordsturm Barças. Es heisst, die drei seien Freunde, gönnten sich allen Erfolg, wohnten sogar nebeneinander. Und so spielen sie auch. Eine Idylle, wie man sie in diesem Sport nur selten sieht, ein Spektakel sondergleichen. Zugleich macht Neymar aber wieder als Sünder Schlagzeilen – und diesmal geht es um grossen Betrug.

In Brasilien und in Spanien wird derzeit gegen ihn und seinen Vater ermittelt, der auch sein Berater ist. Es geht um vorsätzlichen Steuerbetrug und um Korruption. Die brasilianische Justiz hat gerade ein Privatflugzeug, eine Jacht sowie mehrere Immobilien und Konten Neymars konfisziert. Damit wird eine Forderung der Steuerbehörden über umgerechnet 46 Millionen Franken abgedeckt. Laut der Anklageschrift der brasilianischen Staatsanwaltschaft sollen Neymar und sein Vater zwischen 2011 und 2013, als der Junge noch in Santos spielte, über Scheinunternehmen im grossen Stil Gelder am brasilianischen Fiskus vorbeigeschleust haben. Die Beschuldigten streiten alles ab.

Transfer im Nebel

Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht auch der Wechsel Neymars vom FC Santos zum FC Barcelona aus dem Jahr 2013, bei dem offiziell 62 Millionen Franken an Ablösegeldern flossen. Die Frage ist, was inoffiziell floss. Seit längerem ist bekannt, dass Barça wohl einen Teil der tatsächlich vereinbarten Summe über versteckte Kanäle überwies, unter anderem an Marketingfirmen des Stürmers – dabei ging es wohl auch darum, die Finanzämter in Spanien und Brasilien zu täuschen. Barcelonas einstiger Präsident Sandro Rosell musste wegen der Ermittlungen zurücktreten. Über ihm und seinem Nachfolger Josep Maria Bartomeu hängt bis heute der schwere Verdacht, die wahre Transfersumme verschleiert und Millionen an Steuern hinterzogen zu haben.

Unlängst wurden beide Neymars, junior und senior, vor das höchste spanische Gericht zitiert, die Audiencia Nacional in Madrid. Es war ein Auftritt mit Allüren. Die beiden reisten mit einem Privatjet aus Barcelona an, obwohl es doch alle 20 Minuten einen Linienflug gibt zwischen den Städten. Erwartet wurden sie von 100 Reportern und vielen Fans, die auf ein Selfie mit dem Fussballer hofften. Einige bekamen eins – und ein Lächeln dazu.

Der Vater trug einen Anzug, wie man ihn im Süden bei Hochzeiten trägt, inklusive funkelnder Krawattennadel. Auch der Sohn präsentierte sich im schwarzen Jackett. Und mit grün getönter Sonnenbrille und blondiertem Haarkamm. All das signalisierte: Wir gehören hier nicht hin – was will man eigentlich von uns?

Bei der Anhörung soll Neymar junior beteuert haben, er kümmere sich nicht um Verträge und solche Sachen, das mache alles der Senior. So, im Wortlaut, verteidigte sich auch schon Lionel Messi, als ihn ein Gericht wegen der Geschäfte von Vater Jorge befragte, die freilich alle ihn betreffen, den Unterhalter der Familie mit dem starken linken Fuss. Und wie Vater Messi lud auch Vater Neymar alle Verantwortung für die Verhandlungen mit den Arbeitgebern des Sohnes auf sich. Aber nur die, von Schuld keine Spur.

«Sombreros» über der Affäre

Anhand des Falles des Steuersünders Uli Hoeness, des gefallenen Präsidenten des FC Bayern München, kann man sich ausmalen, was in unseren Gefilden los wäre, wenn sich ein internationaler Fussballstar vor Gericht verantworten müsste. Gemessen daran wird der Fall Neymar in Brasilien und Spanien immer noch erstaunlich diskret behandelt.

Als der Trainer von Barcelona, Luis Enrique, jüngst gefragt wurde, wie stark sein linker Flügel unter dem Gerichtsfall leide, sagte er: «Etwa 0,00001 Prozent.» Ungefähr ebenso geringfügig leidet Neymars Image wegen der Affäre. Der Brasilianer wischt alles weg mit seinem schönen Spiel, seinen ausladenden Sturmläufen, den leichtfüssigen Übersteigern, den «Rabonas», «Lambrettas», «Sombreros». Er hat die eleganten Kunststücke alle drauf, ohne Tempoverlust. Vielleicht beherrschte kein Fussballer die zirzensischen Nummern jemals besser als er. Manchmal übertreibt er es mit dem Zirkus, provoziert die minder talentierten Gegenspieler, tänzelnd und lächelnd. Das gibt dann viel zu reden, füllt ganze Seiten in den vier Sportzeitungen Spaniens.

Aber der Gerichtsfall? Eine Spalte reicht da völlig aus, zumal in den katalanischen Blättern. Und in seiner Heimat Brasilien sind die Berichte über den Steuerfall Neymar noch schwieriger zu finden. Das könnte auch damit zu tun haben, dass es hier um den einzigen echten Fussballhelden geht, den Brasilien noch hat, vielleicht geniesst er deshalb Artenschutz. So sieht das jedenfalls Enrico Ambrogini, der Direktor von Bom Senso FC, einer systemkritischen Vereinigung von aktiven und ehemaligen brasilianischen Profis, die für eine moralische Wende im Sport eintreten.

Götter mit Grenzen?

Der Fall Neymar ist für Enrico Ambrogini auch Ausdruck des Sittenverfalls im brasilianischen Fussball. Der nationale Verband CBF habe ein völlig intransparentes Transfersystem geschaffen, «eine Blackbox», sagt Ambrogini, die allerlei Finten und Mechanismen möglich mache, um Steuern zu sparen. Über Handgelder, über Bildrechte, über Scheinfirmen. Die Neymars mögen nicht im Einklang mit dem Gesetz gehandelt haben, wohl aber nach üblichen Sitten.

Die brasilianischen Fans scheinen das wie die katalanischen zu tolerieren, solange Neymar Tore schiesst. Im sogenannten Land des Fussballs setzt sich ohnehin erst ganz allmählich die Überzeugung durch, dass sich Fussballgötter an dieselben Gesetze halten sollten wie normalsterbliche Brasilianerinnen und Brasilianer.

Traditionell lief das ab wie beim berühmten Heimflug der brasilianischen Weltmeister von der WM 1994. Die Seleção war mit 3,4 Tonnen Gepäck in die USA gestartet und kehrte nach dem Finalsieg mit 14,3 Tonnen zurück. Brasilien ist ein protektionistisches Land, jeder Bürger muss peinlich genau verzollen, was er im Ausland einkauft. Der damalige Verbandspräsident Ricardo Teixeira verhinderte die Zollinspektion der Maschine aber mit dem Argument, das sei den Helden der Nation nicht zuzumuten. Später tauchte eine Packliste der weltmeisterlichen Shoppingtour auf: eine Stereoanlage für Stürmer Romario, ein Fernseher und ein ergometrisches Fahrrad für Verteidiger Jorginho, ein Computer und ein Kopierer für Nationaltrainer Parreira, ein Pferdesattel für Verbandsboss Teixeira. Alles zollfrei. Der Fall ist heute unter dem Stichwort «voo da muamba» (Schmuggelflug) ­bekannt.

Der renommierte Fussballkolumnist Barroso sagt: «Dahinter steckt die alte Idee, wonach Fussballhelden und ihre Funktionäre über alle Gesetze erhaben sind.» Und zumindest Neymars Vater und Berater scheint sich von dieser Idee noch nicht ganz gelöst zu haben. Es laufen bereits Verhandlungen mit dem FC Barcelona über einen neuen Vertrag, über 2018 hinaus, mit höherem Gehalt und offenbar mit unsicherem Ausgang – wegen der Steuersache. «Mein Sohn möchte ja gerne hierbleiben», sagt Neymar senior, «er braucht dafür aber finanzielle und juristische Sicherheit.» Das Interesse anderer Clubs sei gross. Es hört sich wie eine Drohung an. Nun fragt sich natürlich, ob die Neymars die Rolle der Justiz richtig deuten.

Die Madrider Tageszeitung «El País» stellte neulich die Frage: «Könnte es sein, dass Neymar ins Gefängnis geht?» So weit ist es allerdings längst noch nicht. Aber wenn sich die neuen Vorwürfe, vor allem die der brasilianischen Staatsanwälte, erhärten sollten, dann ist es auch nicht vollkommen ausgeschlossen.

In früheren Zeiten war es in Brasilien fast unmöglich, als reicher und einflussreicher Mensch verhaftet zu werden. Gegenwärtig sitzen der grösste Bauunternehmer, der erfolgreichste Banker und der einflussreichste politische Spindoktor im Gefängnis. Die früheren Zeiten gehen auch in Brasilien allmählich zu Ende. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 15.03.2016, 18:32 Uhr)

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