Schlimmer Verdacht gegen FCZ-Profi Cabral

Der Mittelfeldspieler wurde in England wegen Vergewaltigung angeklagt und muss Ende April vor Gericht. Er bestreitet die Vorwürfe.

Bis auf weiteres nicht mehr in der Mannschaft des FCZ: Adilson Tavares Varela, kurz Cabral. Foto: Steffen Schmidt (Freshfocus)

Bis auf weiteres nicht mehr in der Mannschaft des FCZ: Adilson Tavares Varela, kurz Cabral. Foto: Steffen Schmidt (Freshfocus)

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«Der FC Zürich hat mit Bestürzung von den Vorwürfen in den englischen ­Medien gegen den Spieler seiner ersten Mannschaft Cabral (Adilson Tavares ­Varela) erfahren.»

So stand es in der Medienmitteilung, die der FCZ gestern Nachmittag verschickte, aufgescheucht durch Meldungen in englischen Zeitungen und auf Schweizer Newsportalen. Dem 27-jährigen Cabral wird vorgeworfen, im Januar 2015, während seiner Zeit beim englischen Premier-League-Verein Sunderland, eine Frau in offenbar zwei Fällen vergewaltigt zu haben. Er soll in den vergangenen Wochen immer wieder zu Einvernahmen nach England gereist sein, die ­Gerichtsverhandlung am Crown Court in Newcastle beginnt nun am 25. April.

Es gilt für Cabral die Unschuldsvermutung. Vor allem in England hat es in der Vergangenheit immer wieder Anklagen gegen Profifussballer wegen sexueller Übergriffe gegeben. Sie endeten selten mit einem Schuldspruch. Sunderland und Cabral lösten den eigentlich bis 2017 laufenden Vertrag wenige Tage nach der verhängnisvollen Januar-Nacht auf. Ob das aufgrund der polizeilichen Ermittlungen oder als Folge der sport­lichen Situation geschah, ist unklar. ­Cabral hatte beim englischen Club nach seinem Transfer vom FC Basel im Sommer 2013 nie eine Rolle gespielt und war nur zu zwei Einsätzen gekommen.

Teuer und enttäuschend

Der ehemalige Schweizer U-Nationalspieler kapverdischer Herkunft war im ­Alter von 6 Jahren in die Schweiz gekommen und in der Nähe von Lausanne aufgewachsen. Nach dem Ende in Sunderland blieb er vertragslos, bis er im Sommer 2015 beim FCZ unterschrieb.

In Basel war er fünffacher Meister, aber auch der Wasserträger für ­talentierte Mitspieler gewesen. In Zürich hätte er mit seinen «Siegergenen» (der damalige Trainer Urs Meier) Führungsfigur werden sollen. Der Spitzenverdiener mit einem geschätzten Einkommen von 450'000 Franken pro Saison ist davon jedoch weit entfernt geblieben. Die bleibendste Erinnerung an seine Arbeit ist ein Zwist um einen Freistoss beim Cupspiel in Tavannes. Weil er ihn unbedingt ausführen wollte, attackierte er Mitspieler ­Simonyan. Dafür wurde ­Cabral intern gebüsst. In der Mannschaft hat er sich mit seinem selbst­gerechten Auftreten schnell Feinde ­geschaffen. Und unter dem finnischen Chef Sami Hyypiä sind seine Dienste nicht mehr gefragt. Seit der Winterpause hat er keine Minute gespielt.

Als Cabral und sein Berater mit dem FCZ den Vertrag bis 2019 aushandelten, sagten sie nichts von einem laufenden Verfahren in England und einer drohenden ­Anklage. Ob das arbeitsrechtlich von Relevanz ist? Oder relevant wird, weil die Klage dem FCZ vielleicht eine gute Gelegenheit bietet, um aus dem Vertrag mit dem teuren Spieler auszusteigen?

FCZ-Präsident Ancillo Canepa hat sich in der Vergangenheit nicht davor ­gescheut, rechtlich fragwürdig vorzugehen. Er verlor einen Prozess gegen den ehemaligen Trainer Rolf Fringer nach einer ungerechtfertigten fristlosen Kündigung. Er kündigte im vergangenen Sommer auch Patrick Rossini fristlos ­wegen eines Verstosses gegen das Fremdprämienverbot und verklagte den ehemaligen Spieler auch noch auf 250'000 Franken Schadenersatz. Rossini hat den Spiess nach einem für ihn günstigen ­Liga-Urteil mittlerweile umgedreht und klagt seinerseits.

Kommt die fristlose Kündigung?

Georges Chanson, Fachanwalt SAV Arbeitsrecht aus Zürich, ist nicht sicher, ob es im Fall Cabral bereits genügend Gründe für eine fristlose Trennung gibt. Das hänge von den konkreten Umständen ab. Er bezweifelt, ob der Spieler bei den Vertragsgesprächen eine Offen-­barungspflicht gegenüber dem FC Zürich hatte. Deshalb sei auch fraglich, ob der Verein einen Irrtum geltend machen könne aufgrund der Annahme, einen Spieler mit einwandfreiem Leumund verpflichtet zu haben.

Canepa hat Cabral gestern Dienstagnachmittag zu einem Gespräch aufgeboten. Der FCZ teilte danach in einem weiteren Communiqué mit, dass der Spieler das laufende Gerichtsverfahren bestätigt habe und beim April-Termin in Newcastle erscheinen wolle. Cabral habe aber auch «klar betont, dass er die gegen ihn erhobenen Vorwürfe bestreitet».

Eine Rückkehr zu normalen Zeiten wird es für Cabral aber vorderhand nicht ­geben. Die beiden Parteien sind übereingekommen, dass sich der Fussballer für die kommenden Tage «zurückziehen» und nicht am Trainings- und Spielbetrieb teilnehmen wird. Wie es ­danach weitergeht? «Weitere Informationen werden nicht vor kommender Woche erwartet», schreibt der FCZ. Dass Cabral in absehbarer Zeit wieder in die Mannschaft zurückkehrt, ist allerdings schwer vorstellbar.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.03.2016, 23:22 Uhr)

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Viele Anschuldigungen, wenig Schuldsprüche

Dass Profisportler wegen sexueller Übergriffe oder Vergewaltigung angezeigt werden, ist in der Vergangenheit immer wieder vorgekommen. Der berühmteste Schuldspruch betrifft Mike Tyson. Der ehemalige Boxweltmeister im Schwergewicht wurde 1992 wegen ­Ver­gewaltigung zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt, drei davon auf Bewährung.

Eine Häufung von Fällen gibt es im britischen Fussball. Der Waliser Ched Evans findet keinen Club mehr, seit er im Oktober 2014 nach dreijähriger Haft wegen Vergewaltigung wieder freigekommen ist. Zuletzt hat der ehemalige Sunderland-Spieler Adam Johnsoneinen Sturm ausgelöst. Der einst für zehn Millionen Pfund eingekaufte frühere englische Nationalspieler pflegte während der Schwangerschaft seiner Frau eine sexuelle Beziehung zu einer 15-Jährigen und bekannte sich im Februar dieses Jahres schuldig, er wurde von seinem Club entlassen.

Schneller als der Schuldspruch kommen Verdächtigungen und Klagen, häufig fehlen stichhaltige Beweise. Kobe Bryant, Starbasketballer der LA Lakers, wurde 2003 wegen Vergewaltigung verhört, die Untersuchung aber eingestellt. NFL-Quarterback Ben Roethlisberger war zweimal wegen sexueller Übergriffe angeklagt. Einmal einigte er sich mit der Klägerin aussergerichtlich, möglicherweise mit einer Geldzahlung. Beim anderen Mal kam es zu keiner Anklage. Auch diverse Fälle mit Fussballern – die berühmtesten sind Robin van Persie (Fenerbahce), Celestine ­Babayaro (ehemals Chelsea), Loic Rémy (Chelsea), Jonny Evans (West Brom) oder Robinho (ehemals Real Madrid) – führten zu keiner Strafe. In der Schweiz standen erst im Januar drei ehemalige Spieler des FC Thun wegen angeblicher Vergewaltigung im Jahr 2006 vor Gericht, sie wurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen. (ukä.)

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