«So macht es keinen Spass mehr»

Wieso CEO Manuel Huber die Situation der Grasshoppers nicht mehr schöner reden will, als sie ist.

Sie steuern GC – doch wohin? Manuel Huber (rechts) und Trainer Pierluigi Tami. Foto: Urs Lindt (Freshfocus)

Sie steuern GC – doch wohin? Manuel Huber (rechts) und Trainer Pierluigi Tami. Foto: Urs Lindt (Freshfocus)

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Er sieht gesund aus wie immer, sein Auftreten ist selbstbewusst wie immer. ­Manuel Huber macht nicht den Eindruck, als wäre er von irgendetwas gebeutelt, von der sportlich angespannten Lage, von der wirtschaftlich ungewissen Zukunft, von der medialen Kritik an seiner Person. Er trägt hellen Anzug, weisses Hemd und am Revers einen GC-Pin.

Die Laune ist gut, und er ist im Element, als er Anfang Woche in einem Restaurant am Stauffacher sitzt. Er kommt vom einen Termin und muss nachher gleich zum nächsten. Das ist der Managerrhythmus, den er nicht ungern anschlägt, obwohl der ihn einmal schon gesundheitlich angegriffen hat, bevor er CEO-Sportchef im Doppelamt war.

Sein Arbeitgeber ist eine Heraus­forderung für ihn. Das hat nichts mit ­Hubers Alter zu tun, im Oktober wird er 30, erst 30; das hat vielmehr mit der Schwierigkeit der Aufgabe zu tun, mit den sportlichen und vor allem den existenziellen Sorgen, die den Verein belasten. Der gebürtige Aargauer hat GC ­während sieben Tagen die Woche im Kopf, er kann schlecht abschalten, wenn eine Saison läuft, «man weiss das, wenn man einen solchen Job annimmt», sagt er. Seinen Mitarbeitern rät er: «Nehmt kein Beispiel an mir, was die Arbeitsstunden angeht.»

Als vieles aus dem Ruder lief

Huber ist nicht gleich GC, aber Huber ist in den letzten drei Jahren zu einem ­Gesicht des Vereins geworden, seit er vom Verwaltungsrat mit allen Kompetenzen für das Tagesgeschäft ausgestattet worden ist. «Der Bessermacher», hat der «Tages-Anzeiger» ihn vor einem Jahr genannt, als GC wieder zur Ruhe fand; ein «Sportchef auf Bewährung» ist er jetzt für den «Blick». Dazwischen liegt der ­Absturz vom sportlichen Höhenflug in die Tristesse, für den das Boulevardblatt Huber schuldig spricht. Der Verwaltungsrat sieht über die Kritik hinweg, weil er unerschüttert zu seinem leitenden Angestellten steht. Sonst hätte er ihm auch nicht das Mandat übertragen, zur eigenen Entlastung einen Sportchef zu suchen. Huber selbst will «nicht alles auf die Goldwaage legen», was geschrieben wird. Gleichwohl gibt er zu: «Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, die Kritik würde mit mir nichts machen.»

Die Stimmung im Verein ist angeblich schlecht, die Stimmung in der Mannschaft auch, der Trainerstab soll gegen Huber sein und Kim Källström wegen Hubers falscher Versprechungen heim nach Schweden geflüchtet sein, die Abgänge von Ravet, Dabbur etc. werden ebenfalls Huber angelastet. So kommt die Kritik daher. Er sagt: «Ich weiss sehr gut, wer für und wer gegen mich ist und was an Vorwürfen woher kommt und ob die Sachverhalte stimmen.»

«Ja und Amen» zu den Forderungen der Spieler

Er hat einen vordringlichen Auftrag vom Verwaltungsrat: Geld zu erwirtschaften. Die Zeiten sind noch nicht so lange her, da lief bei GC vieles aus dem Ruder. Mehrere Spieler verdienten fix 25'000 Franken im Monat und kamen mit Zusatzleistungen auf 700'000, 800'000 Franken im Jahr. Der Verein habe teilweise «Ja und Amen» zu dem gesagt, was die Spieler gefordert hätten, sagt Huber heute. «Das ­haben wir mit einem neuen Vertragsmanagement überarbeitet und halten damit auch das Budget ein.» In dieser verschwenderischen Preiskategorie verdient keiner mehr, seit Källström weg ist – jener ­Källström, der in Zürich doppelt so viel verdiente wie der am nächst­besten ­bezahlte Spieler.

Das ist das GC von heute: ehrlich sich selbst gegenüber, aber sportlich weit entfernt von einem 2. Platz wie 2013 und 2014. Oder umgekehrt: sportlich zwar grau, aber wenigstens wirtschaftlich in keiner Traumwelt mehr.

Viel zu hohe Ausgaben

GC zahlt weiterhin anständige Löhne, sie liegen auch nicht unter dem Niveau von Vaduz oder anderswo. Aber Huber gibt zu bedenken: «Wenn wir das nicht mehr zahlen können, müssen wir neue Lösungen finden.»

In den letzten zehn Jahren hat der Gesamtaufwand des Vereins nie unter 19,5 Millionen Franken betragen. Sagt Huber und widerspricht dem, was von früheren Verantwortlichen zu diesem Thema zu hören war. Etwas über 20 Millionen an Ausgaben sind es im Moment. Und das ist unverändert viel zu viel für das, was GC an ordentlichen Einnahmen hat. 8 Millionen muss es sonst wie erwirtschaften – am besten aus Transfers, sagt der Verwaltungsrat um Präsident Stephan Anliker. Rund 55 Millionen hat GC in den letzten zehn Jahren aus Spielerverkäufen eingenommen, die Ausbildungsentschädigungen nicht eingerechnet. Macht pro Jahr 5,5 Millionen. Das ist ein stattlicher Betrag und hilft, das Defizit zu decken, aber die Frage ist: Woher soll dieser Betrag jetzt kommen? Und woher in Zukunft? Die Substanz hat über die Jahre gelitten. Einen Dabbur, Bobadilla, Tarashaj, Bauer, Hajrovic, Zuber oder Vilotic, die für je 3,5 bis 6,5 Millionen verkauft wurden, gibt es in dieser Mannschaft weit und breit nicht.

Geldgeber müssen auch jetzt Garantien leisten, damit GC von der Swiss Football League eine Lizenz erhält. Es erleichtert die Situation auch nicht, dass die Vereinsführung seit ­Jahren dafür die immer gleichen sechs, sieben Leute angehen muss, die Spross, Stüber oder Fromm. «Wir kämpfen uns seit Jahren durch», sagt Huber, «so macht es nicht nur keinen Spass mehr, so kann auf Dauer auch nichts aufgebaut werden.»

Die beschämende Leistung

Die nächste Lizenz sollte in erster ­Instanz gesichert sein und damit die ­Periode bis 2018. Aber was dann?

Als GC vor eineinhalb Wochen Rückkehrer Munas Dabbur als Retter in der Not präsentierte, mochte Huber nicht in allgemeiner Glückseligkeit schwelgen. Auch er stand unter dem Eindruck des 0:3 von Lugano, als er sich für die Leistung der Mannschaft «schämte». An diesem Dienstag letzter Woche also nannte er die wirtschaftliche Krise beim Namen und beendete zugleich die Träume, GC könne sich unter den bestehenden Rahmenbedingungen in drei, vier Jahren vielleicht wieder einmal auf Augenhöhe mit dem FC Basel bewegen: «Irgendwann muss jemand einmal ­sagen, was die Wahrheit ist.»

Während Basel in Ruhe einen neuen finanzkräftigen Besitzer findet, muss sich GC weiter im Klinkenputzen üben. Geschäftsmodelle hat der Verwaltungsrat zusammen mit Huber dafür ausgearbeitet, «wir sind für potenzielle Investoren gerüstet.» Er erzählt mit gewissem Stolz davon, Ende letzten Jahres in ­London Tottenham-Manager Mauricio Pochettino und Watfords Besitzer Gino Pozzo getroffen zu haben, er erzählt von ihrem Erstaunen, was GC aus Transfers erwirtschaftet hat. Nur hilft das GC kein wenig weiter. Von dieser Seite fliesst aus London kein Geld nach Zürich.

Was ist, wenn sich nichts ändert?

Auf dem Campus in Niederhasli ist ­Trainer Pierluigi Tami seit einem Jahr ­informiert über die Pläne und Zwänge ­seines Vereins. Ganz so leicht fällt es ihm nicht, damit zugange zu kommen. ­Huber sagt dennoch: «Er ist dafür verantwortlich, das Best­e aus den Möglichkeiten herauszuholen.» Und im Nachsatz: «Wenn er das nicht schafft, ist das nicht gut.»

Das 0:1 am vergangenen Sonntag gegen Sion war zwar die dritte Niederlage in Folge, die Leistung war aber ein Zeichen, dass noch Leben in der Mannschaft steckt. Morgen Samstag spielt sie gegen YB. Und die Woche darauf in ­Luzern. Und irgendwann wird 2018 sein, und die Frage heisst vielleicht: Was ist, wenn sich bei GC bis dahin grundsätzlich nichts geändert hat? Huber denkt nach, bevor er sagt: «Entweder spielen wir weiter in der Super League. Oder . . .» Dann geht er. Der nächste Termin. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.02.2017, 22:58 Uhr

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