Supermacht sucht Superfussballer

Mit Milliarden will China den Anschluss an die Fussball-Weltspitze schaffen. Und dafür tut man alles.

Die Chinesen wollen in absehbarer Zeit auch im Fussball zur Supermacht werden.

Die Chinesen wollen in absehbarer Zeit auch im Fussball zur Supermacht werden. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn Karl-Heinz Rummenigge über seine erste Reise nach China mit Bayern München spricht, erzählt er lieber früher als später die Anekdote vom Flughafen: 2012 war es, Tausende begeis­terter Chinesen empfingen in Guangzhou das deutsche Starensemble. Zur Begrüssung intonierten sie die Bayern-Vereinshymne «Stern des Südens» – deutsch und (etwas weniger) deutlich. Dies hinterliess beim Vorstandsvorsitzenden Rummenigge einen bleibenden Eindruck.

Nicht nur der Stern des Südens funkelt im Reich der Mitte. Auch andere europäische Giganten wie Real Madrid, Paris St-Germain und die Manchester-Klubs City und United stillen die Sehnsucht der Chinesen nach Fussballhelden. Der Chinese liebt Fussball, doch unter den knapp 1,4 Milliarden Einwohnern findet sich kein einziger Weltklassespieler. Und das Nationalteam gilt unter der roten Fahne gar als rotes Tuch: Erst einmal trat China an einer Weltmeisterschaft an; die Premiere endete 2002 nach drei ­Vorrundenniederlagen ohne Torerfolg im Fiasko.

Die Einkindpolitik und das präsidiale Dreifachziel

China und Fussball, die Supermacht des 21. Jahrhunderts und die global populärste Sportart – das war bis vor kurzem eine Fernbeziehung. Die heimische Liga war geprägt von Bestechungsaffären und Wettskandalen. Jeglicher Versuch, eine Fussballkultur aufzubauen, scheiterte an der ­Basis. In einem Land, in welchem die Regierung der Bevölkerung während Jahrzehnten eine Einkindpolitik vorschrieb, kann der Teamgedanke den Jungen schwerlich eingeimpft werden.

Der anerkannte Künstler Lü Peng formuliert die Situation in einer Reportage im Magazin der «Süddeutschen Zeitung» so: «Die besten Fussballspieler wachsen auf in einem Geist der Verspieltheit, schau dir Messi an. Das fehlt den Chinesen komplett. Immer haben wir eine Mission, immer müssen wir dem Vaterland dienen. Verkrampft und eingeschüchtert von klein auf.»

Mit der Misere soll Schluss sein, aus dem Fussball in der Volksrepublik ein Volkssport werden. Die Vorgabe kommt von höchster Stelle: Xi Jinping – seit 2013 Staatspräsident, seit je Fussballfan – hat den Aktionsplan «Reform und Entwicklung des chinesischen Fussballs» erlassen. Das Dreifachziel: China soll wieder an einer WM teilnehmen, China soll eine WM ausrichten, China soll eine WM gewinnen.

Trotz Superlativen weit von einer Supermacht entfernt

Gibt die Kommunistische Partei etwas vor, wird es kraft finanzstarker Unternehmen mit Vehemenz umgesetzt. Geld ist in China kein Problem, nun wird es gezielt im Fussball eingesetzt. An mehr als der Hälfte der 16 Erst­ligaklubs sind Firmen beteiligt, deren Chefs zu den reichsten Männern des Landes zählen.

Der erste Reformschritt sah Investitionen in die Ausbildung vor: Grund- und Mittelschulen wurden und werden in Fussballinternate umgewandelt, kompetente Trainer aus dem Ausland rekrutiert. Der Serienmeister Guangzhou Evergrande unterhält mittlerweile die grösste Nachwuchsakademie in der Welt: 3000 Kinder, 50 Trainingsplätze. Als Koordinator amtet der frühere Hoffenheim-Trainer Marco Pezzaiuoli.

Gegenüber dem deutschen Onlineportal «Sport 1» sagt der frühere Bundesligatrainer, China sei trotz verbesserter In­frastruktur weit davon entfernt, im Fussball zur Supermacht zu werden: «Fussball kommt zwar in den Schulen als Pflichtfach dazu, aber die Strukturen sind dreissig Jahre hintendrein. Im Nachwuchsbereich gibt es keinen regelmässigen Spielbetrieb. Wir spielen im Dreimonatsrhythmus, weil China zu gross ist.» Zudem würden nur wenige Vereine Wert auf die Ausbildung legen; es würden «der kurzfristige Erfolg und das kurzfristige Geld» zählen.

260 Millionen Euro und ein Zweifler namens Cahill

Pezzaiuoli denkt dabei an den zweiten Schritt im Aktionsplan, die Absicht, die heimische Liga mit auswärtigen Stars aufzuwerten. Ebendiese Absicht manifestiert sich in aller Deutlichkeit im Transfergebaren dieses Winters. Die Chinese Super League startet ihren Betrieb Anfang März. Jede Mannschaft kann fünf Ausländer im Kader haben, wovon einer aus Asien stammen muss. Pro Match dürfen vier eingesetzt werden. Bisher gaben die Klubs rund 260 Millionen Euro (!) für Spieler aus europäischen Ligen aus.

Die Zahl beeindruckt, doch noch beeindruckender ist, dass selbst die Teams aus der zweithöchsten Liga China League One in der laufenden Transferperiode mehr Geld investiert haben als jene aus der deutschen Bundesliga oder Italiens Serie A.

Ob die horrenden Investitionen nicht nur dem Portemonnaie der Zuzüge dienen, sondern den chinesischen Fussball stärken? Tim Cahill hegt Zweifel. Der 36 Jahre alte Australier steht in seiner zweiten Saison bei Shanghai. Er sagt in einem Interview mit dem australischen TV-Sender Fox Sports: «Die Chinesen sind technisch gut, läuferisch gut, aber sie können keine Tore schiessen. Und was machen die Klubs? Sie verpflichten vor allem Offensivspieler. Also wird das Toreerzielen noch stärker in der Verantwortung der Ausländer liegen.»

Der Stürmer ist überzeugt, dass die vermeintlichen Heilsbringer ihre Mehrjahresverträge nicht respektieren, sondern nach einer Saison des Abkassierens die Liga wieder verlassen werden. «Die Spieler denken ans Geld, aber nicht daran, wie es ist, in China zu leben. Die Liga wird zur Drehtür: Spieler kommen, Spieler gehen.»

Das Motto lautet: Eine Hand wäscht die andere

Ob der Pläne, die Popularität des Fussballs in Asien zu steigern, frohlocken in Europa die Grössten unter den Grossklubs. Von Madrid über Manchester bis München wird eine Eine-Hand-wäscht-die-andere-Politik verfolgt: Man biete Hilfe bei der Entwicklung des Fussballs in China und erhalte im Gegenzug Zugang zum Wachstumsmarkt Nummer eins.

Vor diesem Hintergrund ist es zu verstehen, wenn Real Madrid zwanzig Trainer zur Unterstützung in die Akademie nach Guangzhou entsendet, wenn milliardenschwere chinesische Investoren bei Atletico Madrid und Manchester City einsteigen, wenn sich Bayern München für den Breitenfussball im asiatischen Raum engagiert.

Die Bayern setzen übrigens ihren Sturm auf den chinesischen Markt fort: So stellen sie dem Staatsfernsehen CCTV exklusives Filmmaterial zur Verfügung und unterhalten eine chinesische Website (www.fcbayern.cn). Dass sie wegen der China-Offensive selbst ihren Vereinsslogan überdenken wollen, ist hingegen nur ein Gerücht – schliesslich klingt «Mia san mia» mit entsprechender Betonung und ein wenig Fantasie schon fast wie Chinesisch. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 12.02.2016, 11:25 Uhr)

Stichworte

Finanzexzesse ohne Ende

Chinas Fussballklubs sind im schier grenzenlosen Kaufrausch. Die beiden obersten Ligen des Landes gaben in der Wintertransferperiode, die in China bis Ende Februar dauert, bisher fast 500 Millionen Franken Ablösesumme für neue Akteure aus. Der weitgehend unbekannte Brasilianer Elkeson etwa wechselte im Januar für 20 Millionen vom chinesischen Vorzeigeklub Guangzhou Evergrande nach Shanghai. Landsmann Alex Teixeira ging für 55 Millionen von Donezk zu Jiangsu Suning, wo er Teamkollege eines weiteren Brasilianers wird: Sein Klub überwies 40 Millionen für Ramires an Chelsea. Jackson Martinez, der Atletico Madrid verliess, schliesslich kostete 50 Millionen und spielt nun bei Evergrande.
Das sind die heftigsten Beispiele absurder Summen, welche chinesische Klubs investieren. Trainer wie Marcello Lippi oder derzeit Luiz Felipe Scolari (Evergrande) verdienen auch mal 15 Millionen im Jahr. Ottmar Hitzfeld erzählte im «Blick», er hätte bei Evergrande über 30 Millionen für 18 Monate erhalten – netto und ohne Prämien.

Es sind nicht mehr abgetakelte Altmeister wie einst Nicolas Anel­ka oder Didier Drogba, die nach China gehen. Es sind Weltklassespieler wie der 29-jährige Martinez, die im besten Fussballeralter stehen. Und es gibt Menschen, die eine grosse Gefahr für den europäischen Klubfussball erkennen. Arsène Wenger, Manager Arsenals, meinte: «Natürlich sollte sich selbst die Premier League sorgen. Denn es macht den Anschein, als hätte China genug finanzielle Kraft, um eine ganze Liga dorthin zu bewegen.» Wenger prognostizierte angesichts dieser ungesunden Entwicklung und wegen der Geldschwemme, die Englands Vereine dank gigantischer TV-Verträge erreicht, bald die ersten 150-Millionen-Transfers.

Allerdings ist nicht davon auszugehen, dass Cristiano Ronaldo, Neymar und Kollegen aus der Upperclass bald in China kicken werden. Und der Schweizer Granit Xhaka, der im Sommer in die Premier League gehen dürfte, sagt in der «Sport-Bild»: «Ich würde nie nach China wechseln.» Andere Fussballer sehen das aus nachvollziehbaren Gründen anders, liegen die Wochenlöhne der besten ausländischen Akteure in China doch bei mindestens 200'000 Franken.fdr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Werbung

Kommentare

Blogs

Never Mind the Markets Der Trump-Faktor lässt Finanzmärke kalt

Politblog Parlamentarier, springt über euren Schatten!

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Die Lichter am Ende des Laufstegs: Models präsentieren an der Fashion Week in Paris die Kollektion von Designer Simon Porte Jacquemus. (27. September 2016)
(Bild: Etienne Laurent (EPA, Keystone)) Mehr...