Verbandsboss Gilliéron: «Wir sind enttäuscht von der Fifa»
Von Julien Oberholzer (Si). Aktualisiert am 17.12.2011 113 Kommentare
Chronologie des «Fall FC Sion»: von Kairo bis Tokio
Am 22. Februar 2008 verpflichtet der FC Sion den ägyptischen Goalie Essam El Hadary. Sein bisheriger Klub, Al Ahly aus Kairo, unterstellt dem Internationalen Vertragsbruch. Dennoch debütiert El Hadary am 21. April 2008 für die Walliser und verlässt den Klub etwas mehr als ein Jahr später wieder nach zahlreichen enttäuschenden Leistungen.
Am 2. Juni 2009 verurteilt die Fifa El Hadary und den FC Sion zu einer Zahlung von 1,36 Millionen Franken an Al Ahly. Zudem wird Sion mit einer einjährigen Transfersperre belegt.
Am 13. Juni 2009 verpflichtet der FC Sion den Franzosen Abdoul Karim Yoda. Der juristische Krieg zwischen Sion und der FIFA hat definitiv begonnen.
Am 2. Juli 2009 setzt der Sportgerichtshof CAS die Strafe gegen den FC Sion aus, bis das Urteil der höchsten Sportgerichtsbarkeit feststeht.
Am 1. Juni 2010, fast ein Jahr nach dem Einspruch von Sions Präsident Christian Constantin, entscheidet der CAS gegen die Walliser. Die Transfersperre bleibt bestehen, die Busse wird leicht reduziert.
Am 16. Juli 2010 und bis zum Ende der laufenden Transferperiode darf der FC Sion trotzdem wieder Transfers tätigen. Er protestiert bei der Swiss Football League erfolgreich. Die SFL stellte den Wallisern den Entscheid, wonach sie keine Transfers tätigen dürfen, zu spät rechtskräftig zu.
Im Winter 2010/2011 verpflichtet Sion keine Spieler. Das Urteil des Bundesgerichts, das die Transfersperre der Fifa gegen Sion in Januar 2011 bestätigt, tut Constantin nicht weh. «Wir haben einmal 25 Tage und einmal 30 Tage keine Transfers getätigt. Das kommt einer ganzen Transferperiode gleich.»
Die Fifa teilt die Interpretation von Constantin nicht. Am 15. Juli 2011 verweigert die Qualifikationskommission der SFL auf Druck des Weltverbandes Pascal Feindouno, Gabri, Stefan Glarner, José Gonçalves, Billy Ketkeophomphone und Mario Mutsch die Spielberechtigung. Constantin will vor dem CAS protestieren.
Am 5. August 2011 lizenziert die SFL die sechs Neuzugänge, weil Constantin vor dem Bezirksgericht in Martigny eine superprovisorische Verfügung erlangt hat.
Am 6. August werden die Spieler kurz vor dem Anpfiff für die Partie in Basel gesperrt, weil sie mit dem Gang vor dem Zivilgericht gegen die SFL-Statuten verstossen haben. Danach kommen sie wieder zum Einsatz. Die meisten Gegner spielen unter Protest.
Am 2. September schliesst die Uefa den FC Sion von der Europa League aus, weil er im Playoff gegen Celtic Glasgow die sechs Neuzugänge eingesetzt hatte.
Am 13. September verlangt das Kantonsgericht Waadt superprovisorisch die Wiedereingliederung Sions in der Europa League. Die Uefa weigert sich.
Am 28. September bestätigt das Bezirksgericht in Martigny seinen Entscheid vom 5. August. Die Sion-Neuzugänge bleiben in der Axpo Super League spielberechtigt.
Am 3. Oktober zieht der FC Sion seinen Rekurs vor dem CAS zurück.
Am 19. Oktober werden die sechs Neuzugänge für fünf Spiele gesperrt, weil sie mit dem Gang vor das Zivilgericht gegen die Statuten der SFL verstossen haben.
Am 18. November hebt das Walliser Kantonsgericht die provisorische Spielberechtigung für die sechs Neuzuzüge auf.
Am 24. November klagt Constantin gegen den französischen Verband. Er will zehn Millionen Euro Schadenersatz, «weil der französische Verband Rennes für die Europa League eingeschrieben hat, einen Wettbewerb, von dem Sion widerrechtlich ausgeschlossen wurde».
Am 8. Dezember weist die Disziplinarkommission alle Proteste und Einsprachen gegen die Wertung der Partien, an denen die sechs Neuzugänge teilnahmen, ab. Die Walliser behalten sämtliche Punkte. Einige Konkurrenten planen den Gang vor den CAS.
Am 15. Dezember verweigert der von der UEFA aufgerufene CAS dem FC Sion die Teilnahme an der Europa League. Sion zieht den Fall weiter an das Bundesgericht.
Am 17. Dezember droht die Fifa beim Kongress in Tokio dem Schweizerischen Fussballverband mit der Suspendierung. Der Weltverband will, dass die Meisterschaftspartien, in denen Sion mit den Neuzugängen antrat, Forfait gewertet werden. Constantin kündigt eine Klage gegen die Fifa-Verantwortlichen wegen Nötigung an.
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Um 04.55 Uhr am Samstagmorgen wurde der Schweizerische Fussballverband über den Entscheid beim Fifa-Kongress in Tokio informiert: Das Exekutivkomitee des Weltverbandes mit Sitz in Zürich verlangt, dass alle Spiele, in denen Sion die nicht qualifizierten sechs Spieler eingesetzt hat, bis am 13. Januar Forfait gewertet werden. «Sollte der SFV diese Frist nicht einhalten, wird er am 14. Januar 2012 bis auf Weiteres automatisch suspendiert», schrieb die Fifa.
Die Folgen einer solchen, in dieser Form einzigartigen Suspendierung wären weitreichend. Jeder Klub und jede Person, die dem SFV unterstellt ist, könnte international nicht mehr tätig werden. Das heisst, der FC Basel könnte am 22. Februar Bayern München in der Champions League nicht empfangen, die Schweizer Nationalmannschaft dürfte am 29. Februar nicht gegen Argentinien testen, kein Schweizer Referee käme auf internationaler Ebene zum Einsatz – und selbst Testspiele zwischen Schweizer Vereinen und ausländischen Klubs wären unmöglich.
Die Enttäuschung des Verbandspräsidenten
Wie unangenehm und beängstigend der Entschluss der Fifa ist, zeigte sich auch daran, wie rasch der SFV reagierte. Nur wenige Stunden nach der Ankündigung in Tokio trafen sich die wichtigsten Exponenten im Haus des Fussballs in Bern zu einer Krisensitzung. Wenig später standen dann SFV-Präsident Peter Gilliéron, Generalsekretär Alex Miescher, Jurist Robert Breiter und Claudius Schäfer, der Geschäftsführer der Swiss Football League, den herbeigerufenen Journalisten Red und Antwort.
«Wir sind enttäuscht vom Entscheid der Fifa, weil unsere Argumente nicht gewürdigt wurden. Unserer Meinung nach haben wir die Transfersperre gegen den FC Sion durchgesetzt», sagte Gilliéron. Die Swiss Football League hatte den sechs von Sion im Sommer verpflichteten Spielern die Lizenz verweigert, bevor ein Gericht in Martigny superprovisorisch die Qualifikation der Neuzugänge forderte. Dieser Verfügung hatte sich die SFL beugen müssen.
Das Gespräch suchen
Seither wurde der Entscheid aufgehoben, die Spieler sind nicht mehr lizenziert. Doch Forfaitniederlagen gegen den FC Sion hat die Disziplinarkommission der SFL nicht ausgesprochen. «Das ist ein unabhängiges Organ. Wir können darauf keinen Einfluss nehmen», sagte Gilliéron und erinnerte damit an die Gewaltentrennung. Trotzdem werde nun alles getan, um die Forderung der Fifa zu erfüllen. «Wir werden das Gespräch suchen.» Sollte keine Lösung gefunden werden, könnte der SFV vor dem CAS gegen den Fifa-Entscheid vorgehen.
Wie der Schweizerische Fussballverband den Gang vor das Gericht verhindern kann, weiss niemand genau. Viele juristisch komplexe Fragen sind offen, einige Urteile hängig, zahlreiche Urteilsbegründungen ausstehend. Die Disziplinarkommission der SFL hat erst am Donnerstag ein Verfahren gegen den FC Sion eröffnet. Weil er ein rechtskräftiges Urteil nicht akzeptiert und ein Zivilgericht aufgerufen hat, könnte er mit Punktabzügen bestraft werden. Auch ein Teil der Konkurrenz des FC Sion wird tätig werden und vor dem CAS verlangen, dass die Meisterschaftspartien, in denen Sion seine sechs Neuzugänge einsetzte, Forfait gewertet werden. Ein Urteil bis zum 13. Januar ist aber vollkommen ausgeschlossen. Trotzdem sagt Gilliéron: «Ich bin zuversichtlich, dass wir eine Lösung finden.»
FC Basel wäre erstes Opfer
Eine Suspendierung würde den FC Basel besonders rasch und hart treffen. Der designierte Präsident Bernhard Heusler stellte die Situation des Meisters bildlich dar: «Wir sitzen hinten im Auto und hoffen, dass es keinen Unfall gibt – im Wissen, dass wir die ersten Opfer wären.» Im Januar muss der FCB der Uefa bereits eine Liste der für die Champions League qualifizierten Spieler zukommen lassen. Die Zeit drängt also. «Wir werden unser Möglichstes tun, damit es nicht zur Suspendierung kommt», sagte Heusler und hofft dabei unter anderem auf die Einflussnahme der ECA, der Interessenvertretung der europäischen Fussballvereine.
Keine Rolle bei der Suche nach einer Lösung spielen der FC Sion und sein Präsident Christian Constantin, die am Ursprung der ganzen Problematik stehen. «Constantin ist kein Thema. Der ‹Point of no return› ist längst erreicht», so Heusler. Aus dem Fall Fifa gegen Sion ist spätestens am Freitag in Tokio ein Fall Fifa gegen die Schweiz geworden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 17.12.2011, 19:25 Uhr
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113 Kommentare
Also, dann weiss der SFV, was er zu tun hat. Die Millionenklagen vom FCB und der Nationalmannschaft kann sich Constantin, bzw. der FCS nicht leisten. Das ganze Theater war ja amüsant, aber nun ist genug. Sobald Dritte zu Schaden kommen, hört der Spass definitiv auf. Ich erwarte, dass Sion von der Meisterschaft ausgeschlossen wird, bis Constantin seinen Laden im Sinne der Reglemente aufgeräumt hat! Antworten


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