Verkehrte Fussballwelt – der Wiener Blick auf die Schweiz

Die Österreicher begeistern, die Schweizer beelenden. Wie konnte es nur so weit kommen? Wir haben bei einem führenden österreichischen Sportjournalisten nachgefragt.

So geht es ihnen (David Alaba), so geht es uns (Renato Steffen). (Bilder: Keystone/Ennio Leanza; EPA/Herbert Neubauer)

So geht es ihnen (David Alaba), so geht es uns (Renato Steffen). (Bilder: Keystone/Ennio Leanza; EPA/Herbert Neubauer)

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Die Szene ist legendär: «Ich bin dafür, dass sämtliche elf Spieler der Deutschen ausgeschlossen werden. Dann gehen wir nach zwanzig Minuten in Führung.» Zustimmendes Gegrunze und Gelächter am Stammtisch Leopolder Alm. «8 Millionen Fussballtrainer» heisst der Film des ORF über das Leiden des Österreichers am eigenen Fussballnationalteam, stammt aus dem Jahr 2012 und zeigte exemplarisch, wie viel Kredit das eigene Team bei den eigenen Landsleuten hatte: gar keinen.

Heute ist alles anders. Die Österreicher haben eine spektakuläre Qualifikation für die Europameisterschaft gespielt, und sie begeistern weiterhin. Ganz im Gegensatz zu den Schweizern, über die nach zwei beelendenden Testspielen nur noch müde Witze gerissen werden. Was ist da geschehen? Fritz Neumann, stellvertretender Sportchef der österreichischen Tageszeitung «Der Standard» in Wien und preisgekrönter Autor, weiss Antwort.

Herr Neumann, warum sind die Österreicher plötzlich besser als die Schweizer Fussballer?
Halt, halt. Gestern haben wir beide verloren.

Aber die Österreicher mit Stil.
Es ist schon lustig: Momentan ist alles gut. Die können sogar verlieren, und es ist immer noch gut. Es gibt hier nicht wenige, die tatsächlich glauben, wir könnten in Frankreich Europameister werden.

Das glaubt in der Schweiz niemand.
Ihr spielt dann eh wieder gut an der Europameisterschaft. Unser Problem ist: Wir wissen gar nicht, wie wir damit umgehen sollen, wenn das Team für einmal nicht so schlecht ist. An die letzte gute Zeit mag man sich kaum mehr erinnern. Das war Ende der 90er-Jahre, da haben wir uns für die WM qualifiziert. Ebenfalls in Frankreich, was den Vorteil hat, dass man die gleichen T-Shirts wie damals anziehen kann: «Frankreich, wir kommen». Damals war das Abenteuer aber schnell wieder vorbei. Die haben ganz brav gespielt, ja, aber ängstlich. So wie bei der Europameisterschaft 2008.

Zur Freude der Österreicher: Hier trifft Zlatko Junuzovic ins Netz von Türkeis Torhüter Volkan Babacan.

Zehn Jahre dauerte die österreichische Durststrecke im Fussball. Wie haben Sie die überstanden?
Wir haben Skirennen geschaut, das war unser kommunizierendes Gefäss.

Da ist es allerdings auch schon besser gelaufen.
Stimmt schon, Gesamtweltcupsieger Marcel Hirscher hat vieles zugedeckt. Und dann fährt der nicht mal Abfahrt! Bei den Frauen war die beste verletzt, und ja: Auch beim Skifahren kann man gut jammern.

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Das scheint eine Art Konstante zu sein.
Wenn wir, und damit meine ich jetzt uns Wiener, etwas wirklich gut können, dann ist es Raunzen. Und Granteln. Wir jammern eigentlich immer, im Moment einfach auf hohem Niveau.

Wie gut ist das Team tatsächlich?
Ich würde sehr, sehr vorsichtig sein. Natürlich hat das Team eine richtig gute Qualifikationskampagne gespielt und hätte sich wohl auch für das Turnier qualifiziert, wenn die Teilnehmerzahl nicht massiv aufgestockt worden wäre. Heute können ja alle nach Frankreich – alle ausser Holland. In der Qualifikation lief vieles für die Österreicher. Die Russen erwischten wir zu einem idealen Zeitpunkt, als die gerade ziemlichen Wickel mit ihrem Teamchef hatten, und nicht nur da hatten wir ziemliches Glück.

Sie stapeln etwas tief.
Ich mahne nur zur Vorsicht. Aber es stimmt schon. Richtig schlecht sind die nicht. Was auch davon kommt, dass nur einer der elf Kicker in der eigenen Liga in Österreich spielt.

Und welcher?
Der Torhüter.

Der hat sich gestern beim 1:2 gegen die Türken ja auch nicht wirklich ausgezeichnet (ab Sekunde 30).
Das war nicht er, das war sein Ersatz. Aber der wird wohl kaum in Frankreich spielen. So einen Fehler sieht man eher selten. Das Lustige daran: Nicht mal darüber regt man sich hier auf.

Ist die Euphorie so gross?
Nur in Teilen. Die ganz grosse Euphorie ist noch nicht zu spüren. Das ist auch ein Schluss aus den beiden Testspielen. Da qualifiziert sich die eigene Mannschaft einigermassen souverän für die Europameisterschaft, spielt zwei Heimspiele in Wien und bringt das Stadion nicht voll. 28'000 waren es gegen die Türken. Der Österreicher geht nicht gerne zum Sportplatz, der setzt sich eher vor den Fernseher.

Die Schweiz hatte 17'000 in Zürich gegen Bosnien-Herzegowina.
Die Schweiz ist halt vergleichsweise verwöhnt. Mit konstanten Leistungen der Nationalmannschaft, aber auch auf Clubebene. So etwas wie den FC Basel kennt Österreich seit Jahren nicht mehr. Eine Mannschaft, die so lange auf diesem Niveau und meistens auch europäisch spielt.

Kommt da etwas Schadenfreude auf, wenn es den Schweizern jetzt einmal nicht so richtig läuft?
Da muss ich Sie enttäuschen. Der Österreicher schaut nach Österreich. Höchstens noch etwas nach Deutschland.

Dabei habt ihr doch jetzt mit Marcel Koller einen Schweizer Trainer.
Der hatte es ziemlich hart am Anfang. All die österreichischen Ikonen haben es überhaupt nicht verstanden, dass jetzt dieser unbekannte Schweizer ohne grossen Leistungsausweis Teamchef werden soll. Die wollten eine österreichische Lösung. Das hat sich jetzt natürlich gelegt. Herbert Prohaska, die grösste aller Ikonen, hat sich sogar öffentlich entschuldigt und gesagt, er habe sich in Koller geirrt. So etwas kommt nicht häufig vor.

Wie weit schafft ihr es an der Europameisterschaft?
Alles andere, als die Gruppenphase zu überstehen, wäre eine Enttäuschung. Es kommt ja auch quasi jeder weiter, vier Gruppendritte bei sechs Gruppen. Das wird auch für die Schweiz reichen. Und im Ernst: Ihr dürft euer Team nicht abschreiben – die haben alle so viel Erfahrung auf diesem Niveau, das geht unseren ab.

Gibt es im Gegenzug etwas, was die Schweizer von den Österreichern mitnehmen können?
Im Moment haben die schon eine ziemlich gute Einstellung. Die können schlecht spielen und glauben trotzdem daran, dass sie gewinnen können. Früher war das umgekehrt. Sie haben einfach recht grossen Spass am Kicken.

Zwei Videos, die unumgänglich sind, wenn man sich Gedanken über Österreich und Fussball macht: Die Cordoba-Schmach von Stermann und Grissemann und ein Zusammenschnitt von «8 Millionen Fussballtrainer».
Viel Vergnügen!
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 30.03.2016, 12:33 Uhr)

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Fritz Neumann ist stellvertreter Sportchef der österreichischen Tageszeitung «Der Standard» und preisgekrönter Autor.

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