Vom Genuss, Trainer unter Constantin zu sein

Er macht regelmässig Yoga, er hängt an seinem 17-jährigen Auto, und er kann mit der Glitzerwelt nichts anfangen: Laurent Roussey, Sions Trainer Nummer 28 unter Präsident Christian Constantin.

«Ich kann mich eigentlich jeden Tag nur beglückwünschen, so einen Chef zu haben»: Sions Trainer Laurent Roussey hält grosse Stücke auf Christian Constantin.

«Ich kann mich eigentlich jeden Tag nur beglückwünschen, so einen Chef zu haben»: Sions Trainer Laurent Roussey hält grosse Stücke auf Christian Constantin. Bild: Keystone

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Der Mann schafft es, Hektik und Stress scheinbar mühelos an sich vorbeiziehen zu lassen. Und er zuckt nicht gleich zusammen, wenn der Chef wieder einmal poltert. Er liebt das Wallis mit seiner Natur, und er schätzt die Leute im Tal mit ihrer eigenen Mentalität. Das alles lässt ihn sagen: «Ich geniesse die extrem hohe Lebensqualität.»

Laurent Roussey, 50, geboren in Nîmes, aufgewachsen in Marseille. Seit 411 Tagen schon trainiert er den FC Sion, was allein deshalb keine Selbstverständlichkeit ist, weil sein Vorgesetzter Christian Constantin heisst, nicht eben für Geduld bekannt ist und leitende Angestellte in hoher Kadenz auszutauschen pflegt. Länger als Roussey hat sich bis jetzt erst Umberto Barberis im Amt gehalten. Über seinen Coach Nummer 28 sagt Constantin: «Ich habe nie einen Gedanken daran verschwendet, ihn zu entlassen. Er versteht sein Handwerk.» Es ist ein Kompliment, von dem sich Roussey aber nicht blenden lässt: «Jeder Trainer kennt sein Pflichtenheft: Er muss gewinnen.»

Meister mit Platini – und das Karriereende mit 28 Jahren

Der Franzose sagt das mit der Gelassenheit, die er sich über Jahrzehnte in diesem Geschäft angeeignet hat. In jungen Jahren war er der Stürmer, der von seiner Unbekümmertheit lebte und mit 13 Jahren schon so gut war, dass St-Etienne ihm einen Profi-Vertrag gab. Roussey galt in Frankreich als Stürmer der Zukunft und Wunderkind. Er brachte alle Voraussetzungen mit, um eine glänzende Karriere zu machen. Im Sechzehner hatte er einen Instinkt wie kaum ein anderer, seine Technik war blendend, seine Beidfüssigkeit ein weiterer Vorzug. Und bis heute hält er einen Rekord: Mit 16 Jahren und drei Monaten ist er der jüngste Torschütze in der Geschichte der Ligue 1.

Aber dann kam jener dunkle Tag, der ihn stoppte, dieser Unfall in einem Länderspiel mit den Junioren gegen Deutschland. Natürlich weiss er noch, wie er mit dem gegnerischen Torhüter zusammenprallte, diese Erinnerung lässt sich nicht einfach auslöschen, weil sie ihn bis heute begleitet. Das rechte Knie wurde zertrümmert, eine Infektion erschwerte den Heilungsprozess. «Jetzt sieht es da drin aus wie bei einem 85-Jährigen», sagt Roussey.

Aufgeben wollte Roussey damals nicht. Er kämpfte sich zurück, wurde 1981 an der Seite von Michel Platini Meister mit St-Etienne, damals die erste Adresse in Frankreich. Er erhielt auch das Erste von zwei Aufgeboten für die Nationalmannschaft, nur: Zur alten Form fand er nie mehr zurück, zu gravierend waren die Folgen der Verletzung. Mit 28 Jahren resignierte er, er sah keine andere Möglichkeit als aufzuhören. Aber sich ganz vom Fussball zu lösen, das wäre undenkbar gewesen: «Dieser Sport bedeutet mir alles.» Er brauchte fürs Erste lediglich Distanz zu Frankreich.

Inspiriert von Jeandupeux, eng befreundet mit Favre

Seine neue Laufbahn als Trainer lancierte Roussey auf La Réunion im Indischen Ozean. Er übernahm eine Mannschaft, inspiriert von seinem ehemaligen Coach Daniel Jeandupeux, der ihn in Toulouse gelehrt hatte, den Fussball als intellektuelle Herausforderung zu betrachten. Seither pflegt er seinen Spielern stets zu sagen: «Ich bin der Kopf, ihr seid meine Beine.» Geprägt wurde er in Toulouse auch von Teamkollege Lucien Favre, mit dem ihn bis heute eine enge Freundschaft verbindet. Wenn Roussey redet, spricht Favre mit: «Intelligenz ist die wichtigste Voraussetzung.» Oder: «Ich verlange Dominanz und viel Ballbesitz.»

Roussey kehrte 1995 nach Frankreich zurück, fand über Lille wieder nach St-Etienne, zu seiner grossen Liebe. Im November 2008 erlosch sie, es kam zur unschönen Trennung. Der Trainer erstritt vor Gericht eine Abfindung von 1,6 Millionen Euro und musste sich den Vorwurf von Geldgier gefallen lassen. Der Club hat den Fall ans Kassationsgericht in Paris weitergezogen, ein endgültiger Entscheid steht aus.

Das kümmert Roussey nicht. Die Aufgabe in Sitten vergnügt ihn so sehr, dass ihm selbst ein Abzug von 36 Punkten die Lust an der Arbeit nicht nehmen konnte. Über die Warnungen von damals, sich bloss nicht auf Constantin einzulassen, kann er heute nur lachen. «Den Präsidenten, wie er mir beschrieben wurde, habe ich bis jetzt nicht kennen gelernt», sagt er, «ich kann mich eigentlich jeden Tag nur beglückwünschen, einen Chef wie ihn zu haben.»

Innere Ruhe und Gleichgewicht dank Yoga

Dabei ist Roussey das Gegenstück zum Ferrari-Fahrer und Privatjet-Flieger. Er kann mit der Glitzerwelt nichts anfangen, bevorzugt Turnschuhe und Pullover statt Anzug und Krawatte. Seit 17 Jahren fährt er das gleiche Auto, der Tachometer zeigt über 325'000 Kilometer an, dabei könnte er sich mit 20'000 Franken Monatslohn problemlos ein neues leisten.

Als Zuhause genügt ihm ein Studio in Saillon, einmal pro Monat fährt er nach St-Etienne zu seiner Familie. Viel Freizeit verbringt er mit Lesen: Roussey interessiert sich für Philosophie und Psychologie, für Geografie und Geschichte. Und seit Jahren schwört er auf regelmässiges Yoga. Das gibt ihm innere Ruhe und bringt ihn ins Gleichgewicht.

Roussey überlässt Constantin das Scheinwerferlicht gerne. Er mischt sich auch nicht ein, wenn sein Präsident die Uefa und vor allem Michel Platini frontal attackiert: «Die beiden sind erwachsen genug, um sich allein auszusprechen.» Dabei hätte er einen problemlosen Zugang zu Platini. Als Roussey vor zehn Jahren erstmals Trainer in Sion war, besuchte ihn sein alter Weggefährte aus St-Etienne mit dem Helikopter.

Rousseys Verpflichtung: 13. Cupsieg mit dem FC Sion

Politisieren ist nicht Rousseys Sache, er steht lieber – solange es sein Knie eben zulässt – auf dem Trainingsplatz. Ein Highlight steht nun bevor, der Cup-Halbfinal gegen Luzern am Mittwoch. Der Coach spürt die wachsende Vorfreude, und als Zugereister weiss er: «Der Walliser trägt das Cup-Gen in sich.» Für ihn ist das eine Verpflichtung – als Antrieb dient das Kantonswappen: «Darauf sind 13 Sterne. Sion ist bis jetzt zwölffacher Cupsieger – jetzt wollen wir den 13. Sieg»

Und dann? Wie sieht die Zukunft aus? Der Vertrag läuft aus, und Constantin macht sich erstmals so etwas wie Sorgen: dass ein Trainer abgeworben wird. «Was wollen wir machen, wenn sich ein Ligue-1-Club meldet?», fragt der Präsident. Roussey lächelt nur: «Ich habe keine Eile.» Jede andere Reaktion hätte überrascht. (SonntagsZeitung)

(Erstellt: 08.04.2012, 12:46 Uhr)

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10. Runde

27.09.Grasshoppers - Aarau2 : 1
27.09.Basel - Thun1 : 1
28.09.Young Boys - FC Zürich2 : 1
28.09.FC Vaduz - Sion1 : 0
28.09.Luzern - St.Gallen1 : 2
Stand: 28.09.2014 17:52

Rangliste

NameSpSUNG:EP
1.Basel1071223:1422
2.FC Zürich1062218:1120
3.Young Boys1053218:1218
4.Thun1052318:1517
5.St.Gallen1043316:1415
6.Aarau1025311:1211
7.Grasshoppers1032510:1611
8.FC Vaduz102358:159
9.Sion102267:138
10.Luzern1005511:185
Stand: 28.09.2014 17:52

11. Runde

04.10.Thun - Grasshoppers- : -
04.10.St.Gallen - Basel- : -
05.10.FC Zürich - FC Vaduz- : -
05.10.Sion - Luzern- : -
05.10.Aarau - Young Boys- : -

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