Weshalb Koller schon vor dem Deutschland-Spiel Geschichte schreibt

Der Zürcher Marcel Koller steht morgen in der WM-Qualifikation gegen Deutschland als österreichischer Nationalcoch mit seinem Team vor der ersten Reifeprüfung. In der Vorbereitung ging er neue Wege.

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Koller war nach seiner Nomination zum neuen Teamchef von namhaften österreichischen Experten wie Herbert Prohaska oder Kurt Jara mit Skepsis und bissigen Kommentaren empfangen worden. Doch nach den ersten Testspielen, insbesondere nach dem 2:0-Sieg über die Türkei, verstummten die Kritiker ziemlich schnell. Koller ging neue Wege und überzeugte seine Spieler mit Argumenten. Er hat sie schon mehrmals zu Lehrgängen zusammengezogen. «Jetzt wissen auch die Nationalspieler in Österreich, was es heisst, auch vor Testspielen noch viel zu trainieren. Vor allem im taktischen Bereich, um die Automatismen permanent zu verbessern», sagt Jörg Stiel, der mit Koller 2000 beim FC St.Gallen Meister wurde.

Koller besuchte kurz nach seinem Amtsantritt sämtliche Legionäre und führte auch mit den Nationalspielern in der österreichischen Liga intensive Gespräche. Koller zieht seine klare Linie durch. Als sein Innenverteidiger Paul Scharner vor dem WM-Test gegen die Türkei das österreichische Teamhotel verliess, weil er von Koller nicht für die Startformation nominiert worden war, zog der Zürcher sofort die Konsequenzen. «Unter mir wird er nie mehr für Österreich spielen.»

«Die Spieler sollen das spüren»

«Er hat genaue Vorstellungen, was er will, und er teilt diese frühzeitig mit. Wir können uns danach orientieren und alles umsetzen», sagt Alfred Ludwig, der Generaldirektor des ÖFB, in den österreichischen Medien. So wollte sich Koller in einem Wiener Innenstadthotel auf das Deutschland-Spiel vorbereiten. Ohne Duldung jeglicher Ablenkungsmanöver. Koller strich den Ausgang für Spieler, um Preise für längst erbrachte Leistungen entgegenzunehmen (Bruno-Gala). Es gab auch keinen abendlichen Abstecher in ein Musical, um keine Begehrlichkeiten von Sponsoren zu wecken, die den Rummel rund um das Deutschland-Spiel für mehr Öffentlichkeit nutzen wollen. Koller gestand sich und zwei Spielern lediglich einen kurzen Besuch bei der Verlängerung des Vertrags mit dem Hauptsponsor ein. «Wir brauchen eine Linie, und die Spieler sollen das spüren», sagt er.

Bei Koller stehen elf Legionäre in der Startelf

Ein Sieg morgen zum Auftakt in die WM-Qualifikation über den dreifachen Weltmeister Deutschland hätte für Österreich eine historische Dimension. Doch Koller könnte schon vor dem Spiel in Wien österreichische Fussballgeschichte schreiben. Erstmals sollen elf Legionäre in der Startelf stehen. «Ich schaue nicht darauf, ob jemand Legionär ist oder nicht. Ich stelle die Spieler auf, mit denen wir die besten Chancen haben», wird Koller in der österreichischen Nachrichtenagentur APA zitiert. Dass diese Spieler ausserhalb Österreichs ihr Geld verdienten, sei kein Zufall. «Wenn sich ein Spieler im Ausland durchsetzt, ist das eine Erfahrung, die uns weiterhilft», sagte der 51-Jährige. Koller wird folgende elf Spieler nominieren, die alle im Ausland spielen: Almer (Düsseldorf), Prödl (Bremen), Pogatetz (Wolfsburg), Fuchs (Schalke), Baumgartlinger (Mainz), Kavlak (Besiktas Istanbul), Arnautovic (Bremen), Junuzovic (Bremen), Ivanschitz (Mainz), Harnik (Stuttgart).

Österreich hofft auf die grosse Sensation. Der letzte Feinschliff sei gemacht, sagt Koller. «Jetzt geht es nur noch darum, die letzte Spannung aufzubauen, die Konzentration abzurufen und keine Nervosität aufkommen zu lassen. Wir brauchen vor dem Spiel eine gewisse Lockerheit.Wenn wir hundertprozentig bei der Sache sind, unser Konzept eins zu eins umsetzen und die Deutschen nicht ganz bei der Sache sind, könnte es funktionieren.» Seit Sonntag vergangener Woche bereitet sich die österreichische Auswahl meist unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor. Am Freitag sah der Zürcher den 3:0-Sieg der Deutschen gegen die Färöer. «Deutschland ist nach wie vor eine Weltklassemannschaft. Wir dürfen nicht glauben, dass wir die im Fifa-Rangking zweitbeste Mannschaft der Welt einfach so wegputzen können.»

«Österreich ist so stark wie seit Jahren nicht mehr »

Deutschlands Bundestrainer Jogi Löw reist voller Respekt nach Wien. «Die Österreicher sind im Moment so stark wie seit Jahren nicht mehr», liess Löw nach dem 3:0-Sieg zum Start in die WM-Qualifikation am Freitag gegen die Färöer an einer Pressekonferenz verlauten. Die Deutschen seien auch nur Menschen mit zwei Beinen, erklärte Österreichs Stürmer Marko Arnautovic, Legionär bei Werder Bremen, gegenüber der Zeitung «Österreich». «Wir können ihnen wehtun. Einen Tick mehr laufen, einen Tick aggressiver sein, dann ist der Sieg möglich.» Auch Torhüter Robert Almer, der bei Fortuna Düsseldorf momentan nur auf der Ersatzbank sitzt, gibt sich selbstbewusst: «Mangelnde Spielpraxis ist für mich kein Problem. Ich habe in den letzten Jahren oft nicht regelmässig gespielt und trotzdem immer meine Leistungen gebracht», sagte der 28-Jährige laut APA. Für einen Torwart sei fehlende Einsatzzeit nicht so problematisch wie für einen Feldspieler.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 10.09.2012, 12:20 Uhr)

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