Wettmafia kassierte bis zu 600'000 Euro
Wettskandal
- Wettskandal am Gold Cup – Verhaftungen in Asien
- Die Betrüger spielen in der obersten Liga
- Urteile im Wettskandal
Stichworte
Challenge League
15. Runde
| 13.11. | Winterthur - Locarno | 0 : 0 |
| 26.11. | Etoile Carouge - Chiasso | 2 : 1 |
| 27.11. | Stade Nyonnais - Delemont | 1 : 0 |
| 10.12. | SC Bruhl - Wohlen | 3 : 2 |
| 11.12. | Bellinzona - St.Gallen | 0 : 1 |
| 11.12. | Aarau - Kriens | 3 : 1 |
| 11.12. | Lugano - FC Vaduz | 2 : 0 |
| 11.12. | Wil - Biel | 1 : 2 |
Rangliste
| Name | Sp | S | U | N | G:E | Pkt | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | St.Gallen | 15 | 11 | 3 | 1 | 37:15 | 36 |
| 2. | Bellinzona | 15 | 9 | 0 | 6 | 24:14 | 27 |
| 3. | Aarau | 15 | 8 | 3 | 4 | 25:20 | 27 |
| 4. | Chiasso | 15 | 7 | 5 | 3 | 18:10 | 26 |
| 5. | Lugano | 15 | 7 | 3 | 5 | 23:21 | 24 |
| 6. | Wil | 15 | 6 | 5 | 4 | 27:22 | 23 |
| 7. | Biel | 15 | 7 | 2 | 6 | 32:30 | 23 |
| 8. | FC Vaduz | 15 | 6 | 2 | 7 | 31:30 | 20 |
| 9. | Locarno | 15 | 5 | 5 | 5 | 19:26 | 20 |
| 10. | Winterthur | 15 | 5 | 4 | 6 | 19:16 | 19 |
| 11. | Stade Nyonnais | 15 | 5 | 4 | 6 | 23:23 | 19 |
| 12. | Wohlen | 15 | 4 | 5 | 6 | 20:22 | 17 |
| 13. | Etoile Carouge | 15 | 5 | 2 | 8 | 17:29 | 17 |
| 14. | Delemont | 15 | 4 | 4 | 7 | 16:21 | 16 |
| 15. | Kriens | 15 | 4 | 3 | 8 | 26:28 | 15 |
| 16. | SC Bruhl | 15 | 1 | 2 | 12 | 15:45 | 5 |
16. Runde
| 18.02. | Wohlen - Kriens | - : - |
| 18.02. | Etoile Carouge - Wil | - : - |
| 18.02. | St.Gallen - Delemont | - : - |
| 19.02. | Locarno - Chiasso | - : - |
| 19.02. | Lugano - Stade Nyonnais | - : - |
| 19.02. | FC Vaduz - Aarau | - : - |
| 19.02. | Winterthur - SC Bruhl | - : - |
| 20.02. | Biel - Bellinzona | - : - |
Roland Gnägi ist hauptberuflich Treuhänder und ehrenamtlich Präsident des FC Gossau. Seit dem 23. November und dem Platzen des Wettskandals ist er auch Krisenmanager. Rund 15 Spiele seiner Challenge-League-Mannschaft stehen unter Manipulationsverdacht, in 6 Fällen könnte der Betrug gelungen sein. Vor wenigen Tagen erhielt Gnägi zusammen mit den Präsidenten der ebenfalls betroffenen Klubs aus Thun, Schaffhausen und Wil Akteneinsicht in die Verhörprotokolle.
Was er las, war zum Beispiel, wie zwei seiner Spieler vor einem Match von der Wettmafia angegangen worden waren. Wie sie bei einem ersten Versuch ablehnten. Wie sie im Mannschaftsbus während der Fahrt zum Auswärtsmatch erneut kontaktiert wurden. Wie sie auch darauf nicht eingingen. Wie sie dann aber in der Pause zwischen der ersten und zweiten Halbzeit zusammen doch vereinbarten, die Manipulation zu versuchen. Und wie sie ihren Entscheid noch vor Wiederbeginn des Spiels der Wettmafia mitteilten.
Gnägi spricht in einem Gossauer Café offen genug, um die Machenschaften auszuleuchten. Seine Strategie war immer: «Sag das, was du weisst. Und sag auch, wenn du etwas nicht weisst.» Er weiss jetzt, wie und von wem die Spieler angegangen wurden. In welchen Lokalen und bei welchen Gesprächen die Manipulationsversuche geplant wurden. Wo später nach geglücktem Betrug das Geld übergeben wurde.
Die zwei Zellen
Erschrocken ist er über die mafiöse Organisationsstruktur der Wettbetrüger. Und erschrocken ist er auch über die Höhe der bezahlten Summen für vollzogene Manipulationen. «Wir sprechen hier nicht von ein paar Tausend Franken für einen geschobenen Match. Wir sprechen von Summen bis zu 25'000, 30'000 Euro, welche die Spieler zusammen verdienen konnten.» Nie sei er auf eine Zahl unter 10'000 Euro gestossen. Gemäss deutschen Untersuchungsberichten konnte ein Spiel der Wettmafia Gewinne von bis zu 600'000 Euro einbringen.
Die Hauptdrahtzieher in diesem europäischen Fussball-Wettskandal sitzen in Deutschland. In der Schweiz bauten sie zwei Kernzellen auf. Eine davon operierte in der Ostschweiz. Und der Chef hiess Darko Damjanovic - in der vergangenen Saison noch erster Goalie beim FC Gossau, im Sommer aus sportlichen Gründen aussortiert.
Damjanovic war zwischenzeitlich vom Erdboden verschwunden. Er sei wegen eines Todesfalls in Serbien, hiess es, als der Wettskandal aufgeflogen war. Tatsächlich sass er in der Schweiz in Untersuchungshaft. Momentan trainiert er ganz normal beim FC Linth. Das ärgert Gnägi. Für ihn ist unvorstellbar, dass ein angeschuldigter Spieler weiterhin bei Gossau spielen könnte. Er hat die fehlbaren Spieler suspendiert oder ihre Verträge nicht mehr verlängert.
«Mehrere Tausend Euros»
Die andere Kernzelle breitete sich im Berner Oberland aus. Treibende Kraft dahinter war ein ehemaliger U-18-Junior des FC Thun, auch er aus dem früheren Jugoslawien. Er ging diverse Spieler an, einzelne lachten ihn gleich aus, weil sie ihn nicht ernst nahmen, andere machten ihm klar: «Ohne mich.» Auch Eldar Ikanovic sagte anfänglich Nein, doch er wurde weiter bedrängt - selbst mitten in der Nacht, bis er nachgab.
Am Ende waren drei Spieler «angeschwärzt» oder, um ein Wort von Thuns Präsident Markus Stähli aufzunehmen, «kontaminiert». Denn auch Omar Pape Fayé und David Blumer erlagen der Verlockung, ohne viel Arbeit «mehrere Tausend Euros» (Stähli) zu verdienen.
Rechtsanwalt Stähli wirkt entspannt, als er in seiner Thuner Kanzlei über die Vorfälle erzählt. Am 26. April 2009 zum Beispiel gingen die verdächtigen Thuner Spieler mit dem Auftrag von der Wettmafia ins Spiel in Yverdon, für eine Niederlage mit vier Toren Unterschied zu sorgen. Das 1:5 fiel in der 92. Minute.
Fayé, ein Stürmer, gab von Anfang an seine Vergehen zu, aber er habe das ja nur in Spielen gemacht, in denen es um nichts mehr gegangen sei, erklärte er seinem Präsidenten. Auch Gossau gegen Thun vom letzten 17. April war ein solcher Match, der zumindest für Fayé sportlich bedeutungslos und das 3:4 darum verkraftbar war. Als er aber im folgenden Oktober im Match gegen Sion der Mafia erneut zu Diensten sein sollte, lehnte er ab: Hier ging es immerhin um einen Sechzehntelfinal im Cup.
Fayé kam mit 18 Jahren, im Sommer 2005, aus Senegal in die Schweiz. In Thun ist er «zum Sonnenschein» geworden, erzählt Stähli. Fayé reifte zu einem der Führungsspieler, die in Thun inklusive Prämien «knapp 100'000 Franken» (Stähli) verdienen können. Der Präsident redet nun «von jugendlicher Naivität, von afrikanischer Mentalität», um Fayés Vergehen zu ergründen. Der Spieler wusste gleichwohl, was er mit dem schwarz verdienten Geld bewirken kann: Die Hälfte davon schickte er der Familie nach Afrika.
Das 0:7 von Lugano
Fayé ist seit Bekanntwerden des Skandals suspendiert und wurde vom Klub auf das Existenzminimum gesetzt. Ikanovic wurde vor neun Tagen fristlos entlassen, weil er dem Klub gegenüber behauptet hatte, er habe mit den Spielverfälschungen nichts zu tun. Im Fall von Blumer ist nicht mehr Thun aktiv geworden, sondern der FC Wil. Der junge Mann, einst bei GC als Talent gehandelt, wechselte im Sommer in die Ostschweiz. «Er hat sich bisher tadellos verhalten», sagt Wils Präsident Roger Bigger, «aber sein Verhalten in Thun ist moralisch verwerflich, deshalb haben wir ihn suspendiert.» Bigger will nun eine Frage beantwortet haben: «Müssen wir ihm weiterhin den Lohn zahlen?»
In Gossau sind es gleich vier Spieler, die zu den Beschuldigten gehören - drei weitere wurden als Zeugen einvernommen. Jeder von ihnen verweigerte der Bundesanwaltschaft die Bereitschaft, die Verhörprotokolle an Fussballverband und Liga weiterzuleiten. Das spielt jetzt keine Rolle mehr, weil Gnägi bereit war, die Dokumente weiterzugeben. Er ist als geschädigte Partie rechtlich dazu befugt.
Damjanovic war nach seinem Abschied im vergangenen Sommer bemüht, die Spieler des FC Gossau weiterhin zum Wettbetrug zu überreden. Er tat das zusammen mit dem mutmasslichen Hauptdrahtzieher aus dem Raum Nürnberg - und er tat es vermutlich auch in der laufenden Saison erfolgreich. Beim 0:7 am 26. September zum Beispiel. Gnägi erzählt auch zu diesem Fall, was er jetzt aus den Akten weiss: Dass auf der Haupttribüne des Cornaredo ein Mittelsmann der Wettmafia während 90 Minuten in sein Handy spricht und nach Deutschland übermittelt: «Gossau ist schwach; ihr könnt die nächsten zwei Tore auf Lugano setzen.» Und Gnägi erzählt: «Als Präsident von Gossau sitze ich ein paar Meter daneben und fiebere mit. Wenn du dann in den Protokollen solche Geschichten liest, bekommst du schon eine riesige Wut.»
Bekannt bis nach New York
Neunmal tauchte Thuns Name in der Liste der möglicherweise manipulierten Spiele auf. Präsident Stähli geht inzwischen davon aus, dass sich der Verdacht nur in zwei Fällen erhärten lässt. «Für uns ist die Sache so weit ausgestanden», bilanziert er erleichtert. Die Bundesanwaltschaft hingegen will keine Ruhe geben. «Die gegenwärtigen Ermittlungen drängen laufend weitere Ermittlungsmassnahmen auf», teilt ihre Sprecherin Jeannette Balmer mit.
In Gossau hat Roland Gnägi trotz allem wenigstens seinen Humor nicht verloren. «In die‹New York Times› hat es ausser Federer und Hingis niemand aus dem Schweizer Sport geschafft», sagt er, «abgesehen vom FC Gossau.» Er lacht zufrieden über seinen Vergleich. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.02.2010, 17:52 Uhr




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