«Wir brauchen keine fehlerfreien Roboter»
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In einer tief bewegenden Trauerfeier haben 35'000 Menschen am Sonntag im Fussballstadion von Hannover Abschied von Robert Enke genommen. Redner aus Politik und Sport - wie der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff und DFB-Präsident Theo Zwanziger - würdigten den Nationaltorwart in sehr persönlichen Ansprachen als grossartigen Menschen und überragenden Sportler und riefen zugleich die Gesellschaft zum Umdenken auf. «Die Welt ist nicht im Lot», sagte Wulff mit Blick auf die Depression, die Enke in den Freitod getrieben hatte.
An der Trauerfeier nahmen neben Fans, von denen viele schwarze Kleidung trugen, auch die komplette Nationalmannschaft mit Trainer Joachim Löw, Delegationen aller Bundesligavereine sowie hochrangige Politiker wie Bundesinnenminister Thomas de Maizière und Altbundeskanzler Gerhard Schröder teil. Im Mittelkreis des Spielfelds wurde der von weissen Blumensträussen und Kränzen umgebene Sarg aufgebahrt. Am Fussende lag ein weisses Herz aus Blumen.
Bereits kurz vor 10 Uhr hatte die Witwe Teresa Enke begleitet von einer Freundin das Spielfeld betreten und sich an den Sarg gestellt. Die Gäste im Stadion erhoben sich und applaudierten. Auch in allen Reden wurde Teresa Enke - begleitet von teilweise minutenlangem Applaus - grösste Hochachtung für die Offenheit gezollt, mit der sie nach dem Selbstmord ihres Mannes über dessen Depression gesprochen hatte. Enke hatte sich am Dienstagabend im Alter von 32 Jahren unweit von Empede auf einer Bahnstrecke das Leben genommen.
«You'll never walk alone»
Am Ende der Feier trug die Mannschaft von Hannover 96 den Sarg zu dem Titel «The Rose» von Lean Rimes und unter dem Applaus der Trauergäste aus dem Stadion. Viele Fans hoben ihre Vereinsschals in die Höhe und weinten. Zum Abschluss sang die 17-jährige Schülerin Alina Schmidt, die zuvor bereits das Vereinslied gesungen hatte, die Fussballhymne «You'll never walk alone».
Wulff, dessen Stimme zwischenzeitlich zu versagen drohte, kritisierte den extremen Leistungsdruck, dem Menschen nicht nur im Sport, sondern auch in anderen Berufen ausgesetzt seien: Und wer nicht funktioniere, werde schnell zum Versager abgestempelt. «Wir brauchen doch keine fehlerfreien Roboter. Wir brauchen Menschen mit Ecken und Kanten und mit allen ihren Schwächen und ihren wunderbaren Eigenschaften», sagte der CDU-Politiker.
Der Regierungschef verwies auf die überwältigende Anteilnahme in Deutschland: «Robert Enkes Tod hat das Land aufgewühlt.» Viele Menschen empfänden, dass sich etwas ändern müsse. Doch ändern müsse sich jeder einzelne, betonte Wulff. Er rief dazu auf, Sportler nicht als Übermenschen oder Versager zu sehen - sondern mit ihren Stärken, aber auch mit ihren Fehlern und und Überforderungen.
«Du warst Nummer Eins im echten Sinne des Wortes»
Auch DFB-Präsident Zwanziger rief zu mehr Menschlichkeit auf. Dies gelte besonders für die Welt des Fussballs. Die Fans forderte er mit Blick auf die häufig wenig thematisierten Schattenseiten des Lebens auf, das «Kartell der Tabuisierer und Schweiger» zu durchbrechen. Werte wie Mass, Balance, Fair Play und Respekt seien gefragt - «in allen Bereichen des Systems Fussballs».
Der Präsident von Hannover 96, Martin Kind, sagte: «Robert, du warst Nummer Eins im echten Sinne des Wortes.» Enke sei der Beweis gewesen, dass es im Fussball auch viel Herzliches, Persönliches und Privates gebe. Der Fussballer habe die Herzen als Sportler und Leistungsträger erobert, aber auch aufgrund seiner Natürlichkeit, Bescheidenheit und Herzlichkeit. «Robert Enke hatte nur Freunde», sagte Kind. Und dennoch habe ihm eine heimtückische Krankheit das Herz gebrochen.
Auch Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil würdigte die Stärke und Tapferkeit der Witwe Robert Enkes. Mit dem «unendlichen schweren Schritt», am Tag nach dem Selbstmord ihres Mannes vor die Öffentlichkeit zu treten, habe sie Tausenden Menschen geholfen, die wie Enke von Ängsten und Depressionen geplagt seien.
Beisetzung im kleinen Kreis
Pfarrer Heinrich Plochg, der mit der Familie Enke eng verbunden ist, erinnerte an die Schattenseiten des menschlichen Lebens: «Misserfolg, Krankheit, Niederlagen, aber auch Schicksalsschläge gehören dazu», sagte er. Das alles seien keine «Schwächen, die man wegtrainieren kann, auch wenn unsere Gesellschaft das oft von uns verlangt».
Die Beisetzung des Nationaltorhüters war im kleinen Kreis auf dem Friedhof seines Wohnortes Empede geplant. Enke soll neben seiner Tochter Lara beigesetzt werden.
Die Einschätzung des Vaters
Ängste haben nach Ansicht von Robert Enkes Vater die Depression des am Dienstag verstorbenen Fussball-Nationaltorhüters ausgelöst. «Ich bin der Meinung, dass das keine von innen entstandene, angelegte Krankheit gewesen sein kann, sondern eine, die aus den Lebensumständen heraus entstanden ist», sagte Dirk Enke, selbst promovierter Psychotherapeut aus Jena, dem Nachrichtenmagazin «Der Spiegel». «Eine ganz grosse Rolle hat die Angst gespielt.»
Enke hatte sich am Dienstagabend das Leben genommen. Sein Vater geht davon aus, dass sich die Angst bereits im Jugendalter entwickelt habe und nicht erst 2003, als Enke zuerst den FC Barcelona, danach Fenerbahce Istanbul verliess und den Tiefpunkt seiner Karriere erlebte.
Wie der «Spiegel» weiter schreibt, war der Torhüter als grosses Fussballtalent oft in höhere Altersklassen eingestuft worden. «Schon dabei kam es immer wieder zu Krisen. Weil er Angst hatte, nicht mit den Älteren mithalten zu können. Er hat es sich nicht zugetraut. Er war in den eigenen Ansprüchen gefangen», wurde Dirk Enke weiter zitiert.
Nach den Worten des Vaters hat die Depression die Arbeit des Sohnes als Profi-Fussballer stark beeinträchtigt: «In kritischen Phasen hatte Robert Angst, dass ein Ball auf sein Tor geschossen würde. Er hatte Anfälle, wollte nicht zum Training, konnte sich nicht vorstellen, im Tor zu stehen.» Der Sohn sei so verzweifelt gewesen, einmal habe er gefragt: «Sag mal, Papa, nimmst du mir das übel, wenn ich mit dem Fussball aufhöre? Ich sagte: Robert, das ist doch nicht das Wichtigste, um Gottes willen.»
Angebotene Gespräche abgeblockt
Mehrfach habe Dirk Enke das Gespräch mit seinem Sohn gesucht, doch der habe abgeblockt. «Es geht mir darum zu verstehen, warum es zu so einer Mauer kam. Zu so einer Verschlossenheit. Robert hat die anderen ganz intensiv im Glauben gehalten, dass alles gut ist.» Er habe ihm sehr oft Gespräche angeboten: «Vielleicht dachte er: Der Alte kennt sich aus und steigt vielleicht dahinter, wovor ich Angst habe. Robert hatte ja eine Ahnung: Da stimmt etwas nicht in meinem Leben», sagte der Vater dem Magazin zufolge.
Noch eineinhalb Wochen vor dem Selbstmord sei Dirk Enke in Hannover vorbeigekommen, um über den Zustand seines Sohnes zu reden, doch wieder habe dieser das Gespräch verweigert. Auch der Vater habe sich für eine stationäre Behandlung seines Sohnes ausgesprochen. «Er war immer mal wieder kurz vor diesem Schritt, sich einweisen zu lassen, dann sagte er wieder: Wenn ich in der psychiatrischen Klinik behandelt werde, dann ist es aus mit meinem Fussball. Das ist das Einzige, was ich kann und will und gerne mache.»
Die Erinnerungen von Babbel
Der Selbstmord von Enke hat beim Teamchef des VfB Stuttgart, Markus Babbel, die Erinnerung an den Suizid seines eigenen Bruders wachgerufen. «Mein Bruder hat vor 20 Jahren dasselbe getan, auf dieselbe Art», sagte der 37-Jährige laut Berichten der «Stuttgarter Nachrichten» und der «Stuttgarter Zeitung». Demnach litt Babbels vier Jahre älterer Bruder Gerhard wie Enke unter Depressionen. Und wie Enke habe er sein Leben beendet, indem er sich 1989 vor einen Zug geworfen habe.
«Da glaubt man, dass alles stimmt und alles passt und dann passiert manchmal trotzdem so etwas.», sagte Babbel. Der Verlauf der Krankheit sei bei seinem Bruder wohl ähnlich gewesen wie bei Robert Enke - und das Ende dann auch. So habe beispielsweise auch sein Bruder nicht gewollt, dass die Probleme öffentlich würden, «was in solchen Fällen typisch ist», sagt der VfB-Teamchef. Diese Leute seien einfach krank, sagt er, aber es sei unheimlich schwer, das zu erkennen - «selbst für gute Freunde». Deshalb bezweifle er auch, dass solche Verzweiflungstaten künftig verhindert werden können. (sam)
Erstellt: 15.11.2009, 13:17 Uhr



