«Wir teilten auch die Zahnbürste»

Barças Mittelfeldspieler Xavi Hernández gilt als Inbegriff des selbstlosen und empathischen Fussballers. Mit 34 Jahren erzählt er, woher sein Sinn fürs Kollektive kommt.

«Ich neige zum Perfektionismus»: Xavi Hernández über sich. Foto: Albert Gea (Reuters)

«Ich neige zum Perfektionismus»: Xavi Hernández über sich. Foto: Albert Gea (Reuters)

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Er ist, wie er spielt: elegant, stilvoll, sensibel. Xavi Hernández, 34 Jahre alt, aus der schmucklosen Industriestadt Terrassa bei Barcelona, gilt nicht nur als ­einer der besten spanischen Fussballer aller Zeiten, sondern man lobt ihn auch als besonders wohlerzogenen und gescheiten Zeitgenossen. Sieben spanische Meisterschaften und drei Trophäen in der Champions League mit Barça, zwei EM-Titel und eine Weltmeisterschaft mit «La Roja» – mehr geht kaum in einer Fussballerkarriere. Im Sommer schien es, als wollte er den Verein verlassen, um in New York oder in den Emiraten ­einige letzte Vorrentnerjahre zu verbringen. Barça verpflichtete Ivan Rakitic als Erben im zentralen Mittelfeld, als Spielorganisator der Zukunft. Doch Xavi blieb, obschon man ihm bedeutete, dass er keinen Stammplatz mehr haben würde. Zu Beginn der Saison spielte er eher selten, seit einigen Wochen aber immer öfter. Neuerdings engagiert er sich als Botschafter für die Stiftung einer katalanischen Grossbank, die behinderten und kranken Menschen hilft.

Sie sind wohl ein Mensch, der schlecht Nein sagen kann, wenn man ihn um Hilfe bittet?
Ja, das fällt mir tatsächlich schwer. Aber was bin ich doch privilegiert in meinem Leben! Die Offenherzigkeit habe ich daheim gelernt, die gehörte zur Erziehung.

Wie denn?
Ich bin in einer kleinen Wohnung aufgewachsen – 100 Quadratmeter. Wir lebten da zu acht, eng auf eng, auch die Grosseltern wohnten bei uns. Da lernst du, ­alles zu teilen: Schlafzimmer, Toilette, Zahnbürste, Kleider. Ohne Altruismus und Empathie wäre es nicht gegangen. Wir flüsterten, wenn daneben einer schlief oder lernte.

Half Ihnen das im Beruf?
Fussball ist ein Teamsport, da suchst du immer zuerst den Mitspieler, da kommt der Einzelne nach dem Kollektiv.

Sie selber sind selbstlos auf dem Rasen, mehr als irgendwer sonst. Kann es sein, dass man Sie deshalb für Ihre Einzelklasse zu wenig schätzte? Hat Ihnen die Solidarität am Ende geschadet?
Ich habe genug Anerkennung erfahren in meiner Karriere, nicht nur in Spanien. Seit ich nicht mehr für die Nationalmannschaft spiele, habe ich mehr Zeit zum Reisen und spüre viel Bewunderung, auch im Ausland. Kürzlich kam ein Franzose auf mich zu und sagte: «Warum haben sie denn dir nie den Ballon d’Or gegeben?»

Eben! Schmerzt das nicht?
Um ganz ehrlich zu sein: Ich habe viel mehr erreicht, als ich es mir je erträumt hatte. Nie hätte ich es für möglich gehalten, mal überhaupt Kandidat zu sein für den Ballon d’Or, einer von drei Finalisten. Ich bin also überglücklich mit dem Erreichten. Alles haben wir gewonnen, mit Barça und mit dem Nationalteam. Wenn man mir das 2004 gesagt hätte, hätte ich es nicht geglaubt. Damals wurde ich ja vor allem kritisiert, überall.

Dann aber waren Sie ein massgeb­licher Teil der brillantesten Fussballergeneration seit spanischem Menschengedenken – und entschuldigen Sie bitte, wenn ich hier die Vergangenheitsform benutze.
Keine Ursache, ich bin einverstanden: Nach der Weltmeisterschaft in Brasilien ist ein Zyklus zu Ende gegangen, ganz klar. Mir selber bleibt nun nur noch ­wenig fussballerische Aktivzeit. Ich spüre das an meinem Körper. Ich brauche jetzt viel länger, um mich zu erholen, muss meine Kräfte fein dosieren. Mir fehlt mittlerweile die Spritzigkeit, die es braucht, um jeden dritten Tag zu spielen.

Wie erleben Sie diese Phase: als natürlichen Prozess oder eher als Trauma?
Man wird ja reifer und gelassener mit der Zeit. Als Fussballer muss man schnell lernen, mit Kritik umzugehen, Schläge einzustecken. So ist das nun mal. Und so kann ich nun auch die weniger netten Beurteilungen akzeptieren. Ich hatte Vicente del Bosque (dem ­Nationaltrainer, die Red.) schon vor zwei Jahren gesagt: «Schau, ich geniesse es nicht mehr so wie früher, ich möchte aufhören.» Da sagte er: «Was ist denn mit dir los: Bist du etwa depressiv geworden?» Darauf ich: «Nein, nein, Mister, aber ich habe lange nachgedacht.» Dann er: «Aber, verdammt, wir brauchen dich hier.» Na ja, und dann kam Brasilien . . .

Leben Sie nun schon von Ruhm und Erinnerung?
Ach nein, so kann man nicht leben. Und noch ist der Fussball ja auch meine Gegenwart. Natürlich, mein Ego ist reichlich bedient worden, ich habe viel gewonnen. Aber ich bleibe unter Spannung, lese jeden Morgen alle Sportzeitungen, auch die Kritik. Ich leide, wenn es nicht so gut läuft, verausgabe mich und denke darüber nach, wie wir das Publikum für uns gewinnen können.

Als Pep Guardiola sein Traineramt bei Barça aufgab, hiess es, er habe euch nach all den vielen Titeln nicht mehr motivieren können.
Gegen dich selber zu spielen, das heisst: gegen deine Vergangenheit und die ­Erfolge mit Guardiola, ist tatsächlich schwierig. Doch die Freude erlischt nicht. Ich studiere noch immer ständig die Rangliste, schau mir die Gegner an, sinniere über nötige Variationen an unserem Spiel.

Was kommt nach dem Fussball?
Mann, Fussball! Ich will mich weiterbilden, menschlich und fussballerisch. Ich will zum Beispiel auch Englisch lernen.

Das sagen Sie schon seit Jahren – ­immer noch keine Fortschritte gemacht?
Ich verstehe viel, wenn man mit mir Englisch redet. Aber das Reden fällt mir halt noch immer sehr schwer.

Haben Sie Angst, dass man Sie auslacht?
Nein, ich neige zwar zum Perfektionisten, was den Leuten in meinem Umfeld auch schon mal auf die Nerven geht. Doch im Englischen scheue ich mich nicht, Fehler zu machen. Und dann will ich den Trainerschein machen. Der Übergang ist nicht einfach. Man muss ­etwas finden, das einen ausfüllt, das einen neuen Rahmen schafft. Johan Cruyff sagte einmal zu mir: «Das Schönste an unserem Leben ist das Spielen, das Zweitschönste ist das Trainieren, es kommt diesem Empfinden am Nächsten.» Ich liebe es, am Morgen aufzustehen und zu wissen, dass ich gleich den Rasen riechen und den Laut des ­getretenen Fussballs hören werde: Das ist mein Leben.

Werden wir in fünf, sechs Jahren von Xavis Barça reden, wie wir von Peps Barça sprachen?
Schön wäre es natürlich. Aber das ist Barça, ein komplizierter Verein. Hier sind die Ansprüche maximal. Prüfungsnote «gut» reicht nicht, nur «summa cum laude» ist gut genug.

Sie sagten, Sie seien auf 100 Quadratmetern aufgewachsen. Wie gross ist denn Ihre eigene ­Wohnung heute?
180 Quadratmeter.

Im Zentrum?
Gleich neben dem Fussballplatz.

Können Sie frei promenieren in Terrassa?
Nein, nicht wirklich. Wenn ich mit meiner Frau Nuria ins Shoppingcenter gehe oder durch die Stadt spaziere, setze ich mir immer eine Mütze auf. 80 Prozent der Leute erkennen mich dann nicht.

Für einen Fussballprofi wie Sie ist eine Wohnung mit 180 Quadrat­metern in einer Industriestadt eine eher bescheidene Bleibe. Keine Lust auf eine prächtige Villa?
Ich weiss schon: Es gibt dieses Bild vom dummen, aufgeblasenen und unbelesenen Fussballer. Aber das ist ein Klischee. Es ist wie überall: Es gibt unter den Fussballern natürlich solche, die sich aufspielen, es gibt aber auch andere. Selbst unter den Politikern gibt es protzige und bescheidene Leute.

Ihr Fussballer redet ja nicht so gerne über Politik . . .
. . . die Konsequenzen sind das Problem: Dann heftet man dir ein Etikett an. Aber bitte, fragen Sie!

Wie sehen Sie den Konflikt zwischen Katalonien und Spanien, die katalanische Unabhängigkeitsbewegung?
Ich habe an der Volksbefragung vom 9. November teilgenommen, mir schien das wichtig zu sein. Wir Katalanen ­hätten gerne richtig und legal über die Unabhängigkeit abgestimmt, und man hätte uns diese Möglichkeit zugestehen sollen. Doch aus Madrid kamen nur ­Vetos und Neins zurück. Es ist ein bisschen so, als rufe einer einen Freund an, um ihm zu sagen, dass es ihm schlecht gehe, und der hängt einfach auf. So ­fühlen wir uns in Katalonien. Man sollte einander zuhören, den Dialog suchen, sich verstehen. Doch sie (in Madrid, die Red.) verbringen die Zeit damit, sich immer neue Wege auszudenken, um alle unsere Wünsche und Forderungen zu ver­weigern.

Und wie fühlen Sie sich insgesamt in diesem Spanien mit seinen ­korrupten Politikern?
Was für eine Enttäuschung! Jedes Mal, wenn du deine Stimme abgibst, hoffst du ja auf Besserung. Und erlebst jedes Mal eine Pleite.

Könnten Sie sich vorstellen, Ihre Stimme bei den nächsten Wahlen der neuen Protestpartei Podemos zu geben?
Spanien hat einen Wandel nötig. Ich weiss nicht, wie der genau aussehen soll, aber es braucht ihn. Während mehr als dreissig Jahren hat uns mal die eine, mal die andere Partei regiert, mal die ­Sozialisten, mal die Konservativen. Und dann wird man sich bewusst, dass sie uns alle betrogen haben.

© «El País Semanal» (Übersetzung und Bearbeitung: Oliver Meiler)
(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 23.12.2014, 22:42 Uhr)

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